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Werther oder Papageno - das ist die Frage!

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DEAD END
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Es ist wieder einmal Weltsuizidpräventionstag (10.09.) und wir werden auf vielen Kanälen daran erinnert, dass mehr Menschen durch Suizid sterben als durch Drogen, Verkehrsunfälle und AIDS zusammen.

Die Struktur der Präventionsarbeit hat sich in den letzten Jahren stark verändert: Heute gibt es unzählige Stiftungen, Ligen und Vereine, die sich diesem Themenkomplex widmen. Seit dem Todesfall von Robert Enke reden wir angeblich offen über die Themen Suizid und Depression, aber stimmt das wirklich?

Reden wir wirklich offen darüber?

Nein, tun wir nicht! Richtig ist, dass die Anzahl der Berichterstattungen über die Themen Depression und Suizid stark zugenommen haben. Aber so richtig in die Tiefe gehen diese Berichte nicht.

Da gibt es mal einen kurzen Artikel hier und dann ein kleines Interview da. Das war es dann auch. Soll das die vielgepriesene Offenheit sein? Werden kurze Berichte von Menschen und Hilfsangeboten dem Thema wirklich gerecht? Ich denke nicht.

Seit jeher bin ich einen anderen Weg gegangen. Ich habe über mein Erleben als Betroffener geschrieben. Und ich spreche auch darüber, wann immer sich eine Möglichkeit dazu bietet.

Das will ich am liebsten zielgruppenspezifisch tun und wenn wir etwas in der Gesellschaft erreichen wollen, dann müssen wir verstärkt bei den jungen Menschen ansetzen, denn das ist viel einfacher als eine Generation zu erreichen (erweichen), die noch mit dem Credo »darüber spricht man nicht« aufgewachsen ist.

Und wo treiben sich viele junge Menschen herum? Lesen sie Zeitungen? Kaum! Schauen sie Fernsehen? Nein! Sie sind bei YouTube unterwegs.

Warum lassen wir uns immer noch derart vom Werther-Effekt beeindrucken?

Für mich war es ein Experiment eine Serie auf YouTube zu den Themen Depression und Suizid zu starten. Nennen wir es Glücksfall, dass ich auf den YouTube-Kanal ZQNCE (gesprochen: Sequence) und den Redakteur Paul Lücke gestoßen bin.

Aufmerksam wurde ich durch einen Bericht über die erste Biographie-Serie des Kanals mit dem markanten Titel »Shore, Stein, Papier«. Ein ehemaliger Junkie mit dem Namen Sick berichtet in über 380 Episoden offen über sein Leben, seine Sucht, den Knastaufenhalt, Entzug und Rückfälle. Das hat mich wirklich beeindruckt.

Keine Zensur, keine Einschränkung in der Berichterstattung, kein »darüber darf man nicht reden« und vielleicht sind die Leute von ZQNCE genau deshalb mit dem renommierten Grimme-Online-Award ausgezeichnet worden.

Das hat mir Mut gemacht und ich hoffte, dass ich mit meiner Art, offen mit den Themen umzugehen, das Interesse der Redaktion wecken könnte. Und so geschah es und über die Themen Depression und Suizid gibt es auf dem YouTube-Kanal die 60-teilige Serie Komm, lieber Tod. Die Reaktionen unserer Zuschauer haben mich schier überwältigt.

Wenn Nicht-Betroffene für die Serie danken und schreiben, dass sie nun ein besseres Verständnis für Menschen mit Depressionen haben, wenn Betroffene gar schreiben, dass sie von ihrem Vorhaben, sich das Leben zu nehmen, Abstand genommen haben, dann ist macht mich das nicht nur unfassbar stolz, sondern beweist, wie wichtig und richtig die Serie »Komm, lieber Tod« war und ist.

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Aber es dauerte nicht lange bis sich eine Organisation, die sich der Prävention und Prophylaxe widmet, mit mahnenden Worten meldete. Man fände die Idee der Videoserie ganz gut, aber man müsse ja den (wissenschaftlich erwiesenen) Werther-Effekt berücksichtigen. Und was genau soll das bedeuten?

Erwiesen ist, dass die Berichterstattung über Suizide oder Suizidversuche zu Nachahmungen anregt. Vielleicht war das früher, als es nur Zeitungen und vielleicht drei Fernsehprogramme gab, eher der Fall.

Diese Sichtweise, nein diese Zensur, also man dürfe nicht »offen« über Suizidmethoden sprechen, halte ich für antiquiert. Wir leben in einer medialen Welt und es gibt unzählige Kanäle. Gut für die Präventionsarbeit, aber eben auch gut für Leute mit Suizidabsichten, denn die Methoden und Dosierungen sind nur einen Klick entfernt.

Warum lassen wir uns immer noch derart vom Werther-Effekt beeindrucken? Wie wäre es, wenn wir uns medial stärker dem Papageno-Effekt zuwendeten. Das ist der Gegenspieler des Werther-Effektes, der besagt, dass Beispiele von Menschen, die schwere Lebenskrisen gemeistert haben, suizidprotektiv wirken kann - ebenfalls wissenschaftlich erwiesen.

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Auch wenn ich offen über die Methode spreche ist das in keinem Fall eine heroische oder romantische Darstellung, und sich hier allein auf den Werther-Effekt einzuschießen, wird weder meinem Lebenslauf noch meinem Engagement gerecht.

Bestärkt haben mich die Reaktionen unserer Zuschauer, ermutigt hat mich ein Typ namens Sick und dankbar bin ich für den Redakteur Paul Lücke. Sein Credo: »Ich will nicht in einer Welt leben, in der nicht offen über alles gesprochen werden darf.«

In diesem Sinne: Lang lebe Papageno und sein Effekt und mögen noch viel mehr Menschen den Mut haben wirklich offen darüber zu sprechen!

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