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Pro Jahr nehmen sich in Deutschland ca. 10.000 Menschen das Leben - so versuche ich, zu helfen

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Die Frage, ob ich mich durch meine YouTube-Serie "Komm lieber Tod" als Lebensretter f├╝hle wurde mir einmal von einer TV-Moderatorin gestellt. ├ťber eine Millionen Aufrufe hat diese Serie "f├╝r das Leben" bereits generiert.

Lebensretter, das klingt so gewaltig und heldenhaft. Meine Antwort auf die Frage war ein schlichtes "Nein". Unter einer Lebensrettung stelle ich mir eine konkrete Situation vor. Eine Person treibt hilflos im Fluss und ein anderer Held oder Heldin springt mutig ins Wasser, um die Person an Land zu ziehen.

Oder jemand spendet Stammzellen und erf├Ąhrt, dass dadurch eine schwere Krankheit besiegt worden ist und damit auch ein Leben gerettet wurde. Wie kam dann die Moderatorin darauf, mir diese Frage zu stellen? Ich bin nie in rei├čende Fluten gesprungen, noch habe ich, trotz Registrierung in der DKMS-Datenbank, Stammzellen gespendet. Fangen wir von vorne an.

Das Thema Suizid ist absolut tabuisiert und die Medien scheuen es aus Angst vor dem Nachahmereffekt, da die vorherrschende Meinung besagt, Berichte ├╝ber Suizide k├Ânnen andere Betroffene in ├Ąhnlichen Situationen zum Selbstmord anregen. Dieser Nachahmereffekt, auch Werther-Effekt genannt, ist keine Behauptung, sondern eine wissenschaftlich belegte Tatsache.

Goethes Werther und sein Verh├Ąltnis zu Herrn Papageno

1974 untersuchte der amerikanische Soziologe Phillips erstmals den Zusammenhang zwischen Suiziden und der Berichterstattung ├╝ber Selbstmorde in den Printmedien. Vereinfacht ausgedr├╝ckt war das Ergebnis der Studie, dass Berichte ├╝ber Suizide Menschen zum Selbstmord anregen k├Ânnen.

Und dabei handelt es sich keinesfalls um vorgezogene Taten von Menschen, die sich sowieso umbringen wollten, sondern zus├Ątzlich generierte Suizidf├Ąlle. Eine weitere Rolle spielte auch, wie ber├╝hmt die Person war, die sich das Leben genommen hatte und wie h├Ąufig das Ereignis erw├Ąhnt wurde. Ebenso spielt die Wortwahl eine Rolle, denn je heldenhafter die Selbstt├Âtung geschildert oder romantisch verkl├Ąrt wurde, desto ung├╝nstiger f├╝r die Suizidrate.

Mittlerweile haben ├╝ber 40 wissenschaftliche Studien diesen Effekt eindeutig belegt. Der Begriff Werther geht ├╝brigens zur├╝ck auf das von Goethe verfasste Werk "Die Leiden des jungen Werther" (1774), ein fiktionaler Briefroman, an dessen Ende sich der Held aufgrund einer ungl├╝cklichen Liebesbeziehung eine Kugel durch den Kopf gehen l├Ąsst. Schon damals wurden Nachahmungstaten im Zusammenhang mit dem literarischen Werk beobachtet und das Buch daher zeitweise verboten.

Aufgrund der Studien wurden in den 80er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts in zahlreichen L├Ąndern Richtlinien erlassen, die Medienschaffenden vorgaben, wie sie ├╝ber Suizide berichten sollten: Zur├╝ckhaltend! Also weder den Ort noch die Methode des suizidalen Aktes erw├Ąhnen und ja nichts glorifizieren und heroisieren.

Es gibt aber auch einen gegenteiligen Effekt zum Werther-Effekt. Der nennt sich Papageno-Effekt und ist zur├╝ckzuf├╝hren auf die Figur des Vogelf├Ąngers aus Mozarts Oper "Die Zauberfl├Âte". Der Vogelf├Ąnger Papageno f├╝rchtete den Verlust der Gef├╝hle seiner geliebten Papagena und sah im Selbstmord sein einziges Heil.

Kurz bevor er sich an einem Baum aufh├Ąngen wollte, kreuzten drei Knaben seinen Weg und ├╝berredeten ihn davon, dass es Alternativen zur Selbstt├Âtung g├Ąbe. Papageno lie├č von seinem Vorhaben ab.

Ich kann mich nicht mehr genau an den Ausgang der Oper erinnern, aber ich meine mich zu erinnern, dass Papageno am Ende die Liebe seiner angebeteten Papagena wiedergewonnen hat und am Ende wurden viele Papaginis in die Welt gesetzt.

Auch wenn es sich bei Papageno, ├Ąhnlich wie bei Werther, um eine Kunstfigur handelt, ist die Darstellung wohl das erste belegte Beispiel von gelungener Suizidpr├Ąvention. Wenn also dar├╝ber berichtet wird, dass Menschen einen Ausweg aus einer suizidalen Krise gefunden haben, wenn wir mehr ├╝ber ihre Motive und Wege der Krisenbew├Ąltigung erfahren, dann k├Ânnte das sogar suizidprotektiv wirken.

Gepr├Ągt wurde der Begriff "Papageno-Effekt" von Wissenschaftlern des Teams um Prof. Dr. Niederkrotenthaler vom Zentrum f├╝r Public Health an der Universit├Ąt Wien. Der Konjunktiv"ÔÇ×k├Ânnte suizidprotektiv wirken ..." ist gerade Gegenstand von wissenschaftlichen Studien. Ziel ist es, herauszufinden, welche Art der Darstellung ├╝ber verhinderte Suizide einen Beitrag leisten kann, die Selbstmordzahlen zu senken. Dazu geh├Ârt neben der Erw├Ąhnung einer gelungenen Krisenbew├Ąltigung auch die Nennung von Hilfsangeboten und Hotlines.

Wer kontrolliert eigentlich das Internet?

Wir sollten trotz wissenschaftlicher Forschung einige Tatsachen nicht aus den Augen verlieren: Pro Jahr nehmen sich in Deutschland ca. 10.000 Menschen das Leben und somit sterben durch Suizid mehr Menschen als durch Kriminalit├Ąt, Drogen und Verkehr zusammen! Bundesweite Aufkl├Ąrungs-Kampagnen gibt es nicht im Gegensatz zu hunderten "Don┬┤t drink and drive"-Plakaten an Autobahnen oder "Gib AIDS keine Chance" an jeder zweiten Bushaltestelle.

Und die ganzen Verb├Ąnde und Stiftungen verlieren sich in Einzelaktionen und arbeiten nicht zusammen, weil jeder sein eigenes S├╝ppchen kocht und meint, er habe die Patentl├Âsung in der Suizidpr├Ąvention f├╝r sich gepachtet.

Die Medienrichtlinien sind auf eher auf die klassischen Informationstr├Ąger wie Presse, Radio und TV beschr├Ąnkt. Immerhin f├╝hrt die aktuelle Brosch├╝re der WHO auch einen Verhaltenskodex f├╝r die Sparte Onlinemedien auf, gemeint ist der Content, den die Presse auf den eigenen Online-Portalen ver├Âffentlicht.

Eine wirkliche Kontrolle ist im Zeitalter der Informationsgesellschaft eher Wunschdenken. Es gibt unz├Ąhlige Portale, Gruppen und Chats in denen sich Betroffene ungez├╝gelt ├╝ber die besten Suizidmethoden austauschen k├Ânnen.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Ein Brief an meinen besten Freund, der sich das Leben genommen hat

Die Hilfsangebote oder weitere suizidprotektive Ma├čnahmen haben die Netzwelt ebenso erreicht, aber das Kr├Ąfteverh├Ąltnis zugunsten des Papageno-Effekts hat sich damit nicht automatisch zum Positiven geneigt.

Es w├Ąre eigentlich Aufgabe der klassischen Medien, mehr ├╝ber Menschen zu berichten, die suizidale Krisen ├╝berwunden haben, aber gerade hier besteht noch Nachholbedarf. Der Vorteil unserer Zeit liegt eindeutig darin, dass wir ohne Genehmigung eines Redakteurs oder Erlaubnis einer moralischen Instanz den "suizidprotektiven Content" selbst liefern k├Ânnen. YouTube ist da ein gutes Beispiel.

"Komm lieber Tod ist ein mutiges Projekt, das absolut in unsere Zeit passt"

Die Biographie-Serie "Komm, lieber Tod" handelt von meinem Leben mit Depressionen und Todessehns├╝chten. In 60 Folgen mit einer Gesamtspielzeit von knapp acht Stunden lasse ich meinen Erlebnissen und Gedanken freien Lauf.

Ich erz├Ąhle davon, wie ich schon als Kind lieber einschlafen und nicht mehr aufwachen, oder in einer anderen, besseren Welt aufwachen wollte. Und wie es sich genau anf├╝hlt, sich das Leben zu nehmen. Ungeschminkt und ungefiltert.

Ich erz├Ąhle, wie in mir das Programm Selbstzerst├Ârung gestartet wurde und wie euphorisch ich beim Versuch war. Das klingt schizophren, aber die schwere Depression, in der ich mich damals befand, rief einen paradoxen Effekt hervor.

Als ich die Entscheidung getroffen hatte, mir das Leben zu nehmen, f├╝hlte ich mich pl├Âtzlich befreit und ruhig. Den Versuch habe ich ├╝berlebt, leider - so dachte ich damals und heute bin ich gl├╝cklich, am Leben zu sein.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Ich wollte mir das Leben nehmen - eine SMS hat mich davor gerettet

Die Reaktionen auf meine Biographie-Serie waren zahlreich und sehr ber├╝hrend. Unter den fast 500 Nachrichten und E-Mails waren mehrere Zuschauer, die mir sagten, dass sie nach der Serie von ihrem Vorhaben, sich das Leben zu nehmen, Abstand genommen haben.

Das ber├╝hrt mich sehr! Und genau das war mein Ziel: Ohne Tabus aufkl├Ąren und einen gesellschaftlichen Beitrag zur Entstigmatisierung leisten, ohne Heroisierung oder Romantisierung.

An den Stellen, an denen es "kritisch" wirkt, erf├╝llt die Serie immerhin noch eine dokumentarische Aufgabe. Denn Empathie f├╝r Betroffene und ein Bewusstsein f├╝r das Tabuthema Suizid schafft man weder in einem kurzen Zeitungsbericht, noch in einem TV-Interview zwischen zwei Werbebl├Âcken.

"We love to entertain you ...", even with critical content

Stichwort "Entertainment" - kann ein so schwieriges Thema unterhaltsam dargestellt werden? Eine ganz schwierige Frage.

An der Netflix-Serie "Tote M├Ądchen l├╝gen nicht", die ebenfalls das Thema Suizid abhandelt, scheiden sich die Geister. Den zahlreichen Warnungen der Experten, die Serie k├Ânne labile Menschen zu Nachahmungstaten verf├╝hren, steht kaum eine positive Erw├Ąhnung gegen├╝ber, wie viele Leben durch die Serie gerettet worden sind, eben weil ein Bewusstsein f├╝r das Thema geschaffen worden ist, weil Gespr├Ąche und Diskussionen in Familien, Schulen und der Gesellschaft angeregt worden sind.

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Einen gewissen Entertainment-Faktor wollen wir bei "Komm lieber Tod" gar nicht verschweigen. Lebensgeschichten m├╝ssen auch interessant oder neudeutsch "teasy" dargestellt werden, sonst verlieren sie sich in der Angebotsvielfalt der Netzwelt. Die Fragestellung "Soziale Medien und Suizidpr├Ąvention?" war Gegenstand meines Vortrages beim World Psychiatry Congress vor einigen Tagen in Berlin.

Wenn ich dem Urteil eines Zuschauers trauen darf, dann passt unsere Serie in den Geist der Zeit - Blogbeitrag von Dr. Dreher.

Trotz der vielen positiven Reaktionen f├╝hle ich mich aber nicht als Lebensretter. Ich habe anderen einen Gedankenansto├č geliefert. Ich hoffe und w├╝nsche mir, dass die Personen den Mut und die Kraft finden, nun ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen, denn das eigene Leben muss man selbst retten, selbst wenn es anfangs nur mit professioneller Unterst├╝tzung geht. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe.

Lebensretter? Nein, aber gl├╝cklich, andere Leben erreicht zu haben!

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Lesenswert:

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