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Der Brexit und seine Folgen

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Bloomberg via Getty Images
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Ich gehe immer noch davon aus, dass Großbritannien in der EU bleibt und die britische Bevölkerung in der kommenden Abstimmung mehrheitlich gegen den Brexit stimmt. Jedoch ist der Ausgang der Abstimmung weiterhin nur sehr schwer prognostizierbar, da die Wählerbefragungen weit davon entfernt sind, ein klares Bild zu liefern.

Kommt es aber doch zum Austritt, wären die Folgen für Europa und Großbritannien immens. Neben den negativen wirtschaftlichen Folgen, dürften auch die politischen Prozesse einer Pro-Brexit Entscheidung sich ungünstig für die weitere Entwicklung der beiden Länder auswirken. So dürften in Großbritannien die innenpolitischen Spannungen deutlich zunehmen, da es eigentlich keine einheitliche Meinung in den Regionen gibt.

Außenpolitisch sollte Großbritannien an Bedeutung verlieren. Für Europa würde es dann entscheidend sein, den Prozess der Fragmentierung zu stoppen. Wenn man jedoch eine anhaltende Diskussion in einzelnen Ländern bekommt, ob man Großbritannien nicht folgen sollte, dürfte es für Europa zunehmenden schwer werden, die außenpolitische Bedeutung zu erhalten. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass sich neue Koalitionen finden, in denen Europa schleichend an Bedeutung verliert. Bei einem Brexit würde es keinen Gewinner geben.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Für die britische Wirtschaft wäre die Entscheidung für den "Brexit" fatal - und dies nicht erst, wenn Großbritannien den Austritt vollzieht, also vermutlich in etwa zweieinhalb Jahren. Zwar würden britische Unternehmen erst mit dem Verlust der EU-Mitgliedschaft auch den uneingeschränkten Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren, was zu erheblichen Friktionen im Außenhandel führen würde. Schließlich macht der Handel mit den anderen EU-Mitgliedern etwa die Hälfte des gesamten britischen Außenhandels aus.

Die Unsicherheit darüber, wie die Handelsbeziehungen Großbritanniens mit der EU nach dem Austritt gestaltet wären, würde aber bereits in der Interimsphase die Wirtschaft vor allem über die Investitionstätigkeit stark beeinträchtigen. Dies gilt insbesondere für Investoren aus dem Ausland, für die Großbritannien bislang ein wahrer "Magnet" innerhalb der EU ist. Ohne den uneingeschränkten Zugang zum Binnenmarkt ginge Großbritannien jedoch ein wesentlicher Standortvorteil verloren.

Auch Geschäftsverlagerungen in andere EU-Länder sind dann absehbar. Betroffen wäre vor allem der für die britische Wirtschaft ohnehin dominante Finanzsektor, der in der Vergangenheit fast die Hälfte aller Direktinvestitionen angezogen hat. Die Banken müssten schon aus regulatorischen Gründen Standorte innerhalb der EU führen, um im Binnenmarkt tätig sein zu dürfen.

"Bremsspuren" beim Wirtschaftswachstum

Bereits jetzt sorgt die Unsicherheit im Vorfeld des Referendums für "Bremsspuren" beim britischen Wirtschaftswachstum. Kommt es tatsächlich zu einem Votum für den "Brexit", müssen zahlreiche Investitionspläne in- und ausländischer Unternehmen neu überdacht werden. Im günstigsten Fall nehmen die Unternehmen die Entscheidung gelassen zur Kenntnis und passen sich allmählich an die bevorstehende Zäsur des Austritts an.

Das Wachstum bliebe dann zwar verhalten und würde schleichend weiter nachgeben, eine konjunkturelle Krise bliebe aber aus. Anders sähe es aus, wenn das Referendumsergebnis zu Verwerfungen an den Finanzmärkten führt. Ein Teufelskreis aus Währungsabwertung, Kursverlusten an Renten- und Devisenmärkten und verschreckten ausländischen Investoren könnte den Finanzsektor lähmen und somit rasch die Realwirtschaft erreichen. Die britische Wirtschaft könnte eine Vollbremsung vollziehen und schnell in die Rezession abrutschen.

An der Europäischen Währungsunion ginge ein Konjunkturabschwung oder gar eine Rezession auf den britischen Inseln nicht spurlos vorbei. Schließlich ist auch Großbritannien für die übrigen EU-Mitglieder ein wichtiger Absatzmarkt - allen voran für das Nachbarland Irland, aber auch für die deutsche und die französische Wirtschaft.

Die Exportkonjunktur würde rasch und deutlich ausgebremst. Während aber bei einem eher schleichenden Anpassungsprozess in Großbritannien die konjunkturellen Auswirkungen auf Deutschland und die EWU begrenzt blieben, wären die Folgen einer Rezession der britischen Wirtschaft hierzulande ungleich gravierender. Geriete mit dem "Brexit"-Votum die Frage des Zusammenhalts der EU, oder gar der EWU wieder in den Fokus, könnte die Krise im Rest Europas sogar eine eigenständige und kritische Dynamik entwickeln.

Das Pfund dürfte leiden

Der Austritt eines Landes aus der EU wäre ein völliges Novum und die enorme resultierende Unsicherheit würde nicht ohne Auswirkungen bleiben. Da ein "Brexit" derzeit nicht eingepreist ist, würde ein "Leave" aus Sicht des Marktes zunächst einen massiven Schock darstellen. EUR-GBP könnte unter diesen Umständen in einer ersten Reaktion 10-15% in die Höhe schnellen und auch die Renditen könnten rapide ansteigen.

Zwar gehen wir nicht davon aus, dass ein "Brexit" die Briten in eine Zahlungsbilanzkrise führt, solche Horrorszenarien würden am Markt aber ohne Frage durchgespielt werden, zumal sich das Leistungsbilanzdefizit der Briten zuletzt deutlich ausgeweitet hat.

Sollte der Eindruck entstehen, dass auch Downing Street von dem Ergebnis des Referendums vollkommen überrumpelt wurde, sich sogar Spekulationen verdichten, dass die Regierung Camerons an dem Ergebnis scheitern könnte, würde dies die ohnehin schon hohe Unsicherheit noch weiter verschärfen. EUR-GBP Notierungen um die Parität wären in diesem Szenario nicht ausgeschlossen.

Aber nicht nur das Pfund dürfte unter einem Austritt der Briten leiden, die Nachwehen eines Brexits wären auch im weiteren G10- und EM-Umfeld spürbar. Im günstigsten Fall (und unter der Annahme, dass der Brexit zwar signifikante Auswirkungen auf Großbritannien hat, eine europäische Krise aber ausbliebt), wären diese wahrscheinlich nur temporär.

Ebenso ist aber ein Szenario vorstellbar, in dem die Krise weitere Kreise zieht und der globale Devisenmarkt in Mitleidenschaft gezogen wird. Der Euro dürfte hierunter in besonderem Maße leiden.

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