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Was Babys im ersten Jahr erleben, beeinflusst ihr ganzes Leben

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BINDUNG BABY
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Wir kommen gebunden an die Nabelschnur auf die Welt und werden dann wortwörtlich „entbunden". Bindung und Entbindung verbleiben über die gesamte Lebensspanne existenziell wichtige Themen für uns. Der Bindungswunsch ist in uns genetisch programmiert und gleichzeitig ist unsere ganze Entwicklung darauf angelegt, immer selbstständiger und unabhängiger zu werden.

Ob wir in späteren Jahren bindungsfähig sind, hängt davon ab, ob unser Gehirn Bindung aus den frühesten Kinderjahren mit „Sicherheit, Wärme und Geborgenheit" assoziiert oder wahlweise mit „Verlassenheit, Einsamkeit und Angst" oder mit „Nähe-Überflutung und Vereinnahmung".

Das Überleben des Säuglings hängt davon ab, dass mindestens ein Mensch sich um ihn kümmert, also eine enge Bindung mit ihm eingeht, ansonsten stirbt er. Bindung ist also überlebensnotwendig. Dies ist der Grund, warum uns Bindungen auch noch im Erwachsenenalter so stark beschäftigen, berühren, glücklich machen oder auch tief verletzen oder gar töten können. Die Liebe bestimmt über unser ganzes Leben - von Anfang an.

Ein Säugling ist seiner Mutter vollkommen ausgeliefert

Im ersten Lebensjahr ist der Säugling also der Mutter mit seinen Bedürfnissen vollkommen ausgeliefert. Sie hat die Aufgabe, Unlust- und Stressgefühle wie Hunger, Durst, Kälte, Hitze, Unruhe und körperliche Beschwerden zu beseitigen.

Neben diesen existenziellen Bedürfnissen hat der Säugling aber auch einen Wunsch nach sozialem Kontakt und Nähe sowie einen starken Erkundungsdrang. Und je besser sich das kleine Menschenkind bewegen kann, desto stärker wird sein Erkundungsdrang. Sobald es selbstständig laufen kann, will es überall dran ziehen, schnuppern, essen, auseinandernehmen, buddeln ...

Im günstigen Fall schwingen sich Mutter und Kind immer mehr aufeinander ein, das heißt, die Mutter versteht und akzeptiert im Großen und Ganzen, wann ihr Kind ihre Nähe und Zuwendung benötigt und wann es mal in Ruhe gelassen werden und „sein eigenes Ding" machen will. Hierdurch lernt das Kind, dass es Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen nehmen kann und ihnen nicht einfach nur ausgeliefert ist.

Wenn das Kind noch nicht sprechen kann, müssen die Eltern sich in das Kind einfühlen, um seine Bedürfnisse nach Nähe und nach Eigenständigkeit sowie seine leiblichen Bedürfnisse zu erkennen und zu respektieren. Deswegen gilt die elterliche Feinfühligkeit auch als das zentrale Kriterium für Erziehungskompetenz.

Wenn das Kind im ersten Lebensjahr die Erfahrung macht, dass seine Mutter da ist, wenn es sie braucht, und es auch mal in Ruhe lässt, wenn es für sich sein will, lernt es, sich auf die Mutter verlassen zu können.

Durch sichere Bindung entsteht Vertrauen in Beziehungen

Die Mutter wird zur verlässlichen Quelle des Trostes und der Geborgenheit. Sie wird zur sicheren Basis, von der aus das Kind auch seine Wünsche nach Selbstständigkeit erfüllen kann, indem es sich anderen interessanten Menschen und Dingen in seiner Umgebung zuwendet.

Durch das einfühlsame Handeln der Mutter erwirbt das Kind Vertrauen in Beziehungen und eine sichere Bindung an seine Mutter. Mit dieser geht auch das sogenannte Urvertrauen einher. Dieses Urvertrauen kann man als Gefühl verstehen, in der Welt willkommen und angenommen zu sein.

Dieses Gefühl ist eine ganzkörperliche Erfahrung, weil die Liebe und Zuwendung im ersten Lebensjahr vor allem über körperlichen Kontakt vermittelt wird - beim Füttern, Baden, Windeln und Schmusen. Das Kind speichert also in seinem Körper ab, ob es angenommen und geliebt wird oder nicht.

Das Gefühl des Angenommenseins und Vertrauens spürt das Kind ganzkörperlich als ein Wohlbefinden und dieses wird als Lebensgefühl in das erwachsene Dasein mit hineingenommen. Die Erinnerungsspuren dieser Zeit sind also tief in uns eingegraben, auch wenn sie unseren bewussten Erinnerungen nicht zur Verfügung stehen.

Das Band der Liebe

Neben dem Urvertrauen findet jedoch noch ein weiterer Vorgang im ersten Lebensjahr statt - oder eben auch nicht. Dieser Vorgang wird fachsprachlich mit einem sterilen Begriff erfasst: der sogenannten Objektkonstanz. Objektkonstanz bedeutet, dass ein Kind lernt, dass die Mutter auch da ist, wenn das Kind sie gerade nicht sehen kann, zum Beispiel, weil sie sich in einem anderen Raum aufhält.

Das Kind verinnerlicht sozusagen das Bild der Mutter und ist somit nicht mehr allein auf ihre körperliche und visuelle Präsenz angewiesen, um zu wissen, dass es sie gibt. Das Kind hat die Mutter verinnerlicht, es trägt sie im Herzen.

Das „mütterliche Objekt" hat also eine konstante Repräsentation im kindlichen Gedächtnis eingenommen, daher das Wort: Objektkonstanz. Es ist vor allem dieses Gefühl, das als innere Bindung erlebt wird. Es ist dieses warme und zumeist abrufbare Gefühl, das man auch als Erwachsener für Menschen empfindet, die man liebt. Und um dies zu spüren, braucht der oder die Geliebte nicht körperlich anwesend zu sein.

Bei Kindern, die in diesem Prozess stark gestört worden sind, bildet sich diese Objektkonstanz nicht aus. Wenn ein Mensch bereits im ersten Lebensjahr in seinen Bindungsbedürfnissen schwer frustriert - man kann auch sagen, traumatisiert - wurde, dann hat er auch als Erwachsener ein Problem damit, ein einigermaßen kontinuierliches Gefühl für einen Liebespartner zu empfinden.

Die Betroffenen berichten, dass sie immer wieder das innere Bild vom Partner verlieren und diesen auch, wenn sie räumlich getrennt sind, über mehrere Tage vollkommen vergessen können. Ich hatte am Anfang des Buches schon einmal einen Betroffenen zitiert: „Meine Liebe für meine Freundin ist keine Gerade, sondern unverbundene Punkte im Raum." Dieser Mensch hatte einen schweren frühkindlichen Bindungsschaden.

Der Schwund von Liebesgefühlen, der plötzliche Gefühlstod, den Beziehungsängstliche so gut kennen und den ich bereits im vorigen Abschnitten beschrieben habe, hat allerdings - glücklicherweise - nicht zwangsläufig etwas mit einer fehlenden Objektkonstanz zu tun. In vielen Fällen ist die Störung leichterer Natur.

Unsere Beziehungsthemen bilden sich sehr früh heraus

Es sind bei vielen Betroffenen die starken Druckgefühle, die sich in einer nahen Beziehung einstellen, die ihre Liebe für den Partner - zumindest vorübergehend - killen. Die Themen, die in späteren Liebesbeziehungen eine Rolle spielen, sind also bereits im ersten Lebensjahr in uns angelegt und ziehen sich wie ein roter Faden durch die kindliche Entwicklung und so in unser Erwachsenenleben. Zum Beispiel das Gefühl, erwünscht zu sein, oder das Gefühl, unerwünscht zu sein. Ein konstantes Bindungsgefühl oder ein sporadisches Bindungsgefühl.

Das Gefühl, Einfluss auf eine Beziehung nehmen zu können, oder das Gefühl, dem anderen einfach nur ausgeliefert zu sein.Das Gefühl, authentisch sein zu dürfen, oder das Gefühl, sich anpassen zu müssen. Schon Säuglinge weisen ein Gespür dafür auf, welches Verhalten bei ihren Eltern beziehungsweise bei ihrer Mutter erwünscht ist.

So hat man Videoaufzeichnungen von sechs (!) Wochen alten Säuglingen gemacht, deren Mütter stark überfordert waren. Blickte die Mutter das Kind an, dann lächelte es (um die Mutter bei Laune zu halten), schaute die Mutter weg, nahm das Kind einen ganz verstörten, eingefrorenen Gesichtsausdruck an.

Das sechs Wochen alte Kind hat sich also schon den Erwartungen seiner Mutter angepasst!, um - so erschütternd das ist - sein Überleben zu sichern. Säuglinge spüren instinktiv, dass die Mutter die Macht über Leben und Tod hat, und sie spüren auf einer tiefen Ebene, ob sie erwünscht sind (und leben dürfen) oder unerwünscht sind (und besser nicht da wären).

Mit diesem Hintergrundwissen kann man sich leicht vorstellen, wie tief Menschen in ihrer Bindungsfähigkeit und damit einhergehend auch in ihrem Lebenswillen verstört sein können.

Was Kinder brauchen

Nun ist das erste Lebensjahr zwar weichenstellend, aber natürlich haben die folgenden Lebensjahre auch einen großen Einfluss auf die Entwicklung eines Menschen. Es ist meistens so, dass sich Mütter beziehungsweise Eltern, die sich bereits im ersten Lebensjahr gut in ihr Kind einfühlen konnten, auch später eine gute Erziehungskompetenz aufweisen.

Selbstwert- und beziehungsfördernd ist ein Erziehungsstil, der die folgenden Botschaften der Eltern an das Kind enthält:

• Wir lieben dich grundsätzlich so, wie du bist - was nicht heißt, dass wir alle deine Verhaltensweisen gutheißen.

• Du musst dich nicht verbiegen, um unsere Erwartungen zu erfüllen - wir fördern dich nach deinem Potenzial und nicht nach unseren eigenen Wünschen.

• Du musst dich nicht übermäßig anpassen, um unseren Strafen zu entgehen. Natürlich erlauben wir dir nicht alles und du musst dich an gewisse Regeln halten, jedoch ist es dir erlaubt und sogar erwünscht, dass du einen eigenen Willen hast. Auf unserer Seite ist Verhandlungsbereitschaft. Du darfst Nein sagen, ohne Liebesentzug oder beängstigende Reaktionen von uns befürchten zu müssen. Wir werden deinem Willen zwar nicht immer nachgeben, aber du hast eine gute Chance, uns von deinem Willen zu überzeugen.

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Der sicher gebundene Mensch und die Liebe

Durch diese gewährenden und liebevollen elterlichen Botschaften lernt das heranwachsende Kind, dass es so, wie es ist, grundsätzlich in Ordnung ist. Es lernt also, sich selbst zu akzeptieren. Dies schließt die eigenen Schwächen mit ein, was jedoch nicht bedeutet, dass man nicht an diesen arbeiten und sich verbessern will. Die eigenen Schwächen sind keine Quelle der Scham, sondern sie stellen eine Entwicklungsmöglichkeit dar.

Weiterhin lernt ein Kind mit verständnisvollen Eltern früh, dass es in dieses Leben eingreifen kann, weil die Eltern - in förderlichen Grenzen - den Willen des Kindes respektieren. Hierdurch lernt das Kind im positiven Sinne, dass es Macht hat. Kinder hingegen, deren Wille zu wenig beachtet wird, entwickeln eher ein Gefühl von Ohnmacht in Bezug auf ihre Mitmenschen. Sie trauen sich nicht oder nicht genug, ihren Willen und ihre Bedürfnisse zu äußern, aus Angst, nicht gehört oder abgewiesen zu werden.

Sicher Gebundene haben hingegen schon als Kinder gesunde Konfliktstrategien erworben, weil aufseiten der Eltern Verhandlungsbereitschaft war. Als Erwachsene gehen sie eine Liebesbeziehung mit der inneren Grundeinstellung ein, dass sie Menschen sind, die es wert sind, geliebt zu werden, und zugleich das Recht auf eine eigene Meinung haben. Sie machen also die Erfahrung, dass Bindung und Autonomie sich nicht ausschließen.

Sie finden eine gesunde Balance zwischen beiden Bedürfnissen und können sich als Erwachsene auf eine nahe Liebesbeziehung einlassen, weil sie keinen starken Anpassungsdruck verspüren. Sie haben gelernt, dass sie unter der Bedingung, authentisch zu sein, geliebt werden. Ihr inneres Programm lautet: Ich bin okay, du bist okay!

Dieses Vertrauen in sich selbst und in den Partner führt dazu,dass sicher gebundene Menschen sich der Liebe hingeben können, ohne einen Selbstverlust oder eine Beschädigung ihrer Seele zu erwarten.

In psychologischen Studien hat man herausgefunden, dass sicher Gebundene sich häufig als Partner finden und generell häufiger in Paarbeziehungen leben als unsicher gebundene Menschen. Sicher Gebundene geben sich als Partner mehr liebevolle und unterstützende Rückmeldungen als Kritik. Und sie gehen insgesamt zärtlicher miteinander um als unsicher Gebundene.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch 'Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner' von Stefanie Stahl.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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