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"Früher war er ein ganz normaler Junge" - was es bedeutet, sein Kind an Depressionen zu verlieren

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AnnaRise via Getty Images
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Ein Gastbeitrag von Nicole.

Jedes Mal, wenn wir über ihn sprechen, sagt mein Mann diesen einen Satz: "Früher war er ganz anders; ein ganz normales Kind." Dann merke ich, wie sehr er sich nach dieser Zeit sehnt und wie es ihn innerlich zerreißt.

Dazu immer diese quälenden Fragen: "Was haben wir falsch gemacht? Hätten wir früher was merken müssen? Wird er jemals ein selbstständiges Leben führen können?"

Unser Sohn ist psychisch krank: Schizoaffektive Störung, er ist manisch-depressiv...

Diese Krankheiten sind vielfältig und für alle Beteiligten eine enorme Belastung - gerade, weil es kein Allheilmittel gibt, es gibt keinen Fahrplan, wie man damit umgehen könnte.

Angefangen hat alles, als unser Sohn Mark seine erste Ausbildung begann. Er zog in eine andere Stadt, in eine eigene Wohnung - und war völlig überfordert mit dem Leben.

Die ersten Anzeichen kamen. Völlig überdrehte Anrufe, Nachrichten mit überzogenen Kommentaren, seltsame Sefies. Wir begannen zu ahnen: Hier stimmt was nicht.

Mark ist nicht mein leibliches Kind

Sein Vater und ich lernten uns kennen und lieben, als er noch mit Marks Mutter verheiratet war. Mark war damals 15 Jahre alt, mitten in der Pubertät. Wir fragen uns oft, ob die Trennung der Eltern zu traumatisch für ihn war...

Ärzte jedoch erklärten uns, dass die Krankheit nicht durch die Trennung entstanden sein kann. Sie war schon vorher da - die Trennung könne aber natürlich ein Trigger gewesen sein.

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Als wir merkten, dass Mark immer seltsamer wird, rief ich naiv und panisch die Jugendpsychiatrie an. Wir waren überfordert und ich hoffte, es gäbe die Möglichkeit, ihn dort unterzubringen.

Ich telefonierte mit einer sehr netten Dame, die mir erklärte, dass nicht nur die depressiven Phasen gefährlich seien. Sie sagte: „Eine Manie ist mindestens so schlimm, wenn in der Akutphase nicht sogar schlimmer, als eine Depression. Die Patienten springen aus Fenstern, weil sie glauben, sie könnten Fliegen. Sie springen vor Autos, weil sie sich für unbesiegbar halten. Sie verspielen Ihr Geld, kaufen wie wild ein, machen Schulden..."

Nach dem Telefonat heulte ich nur noch und sagte zu meinem Mann, dass wir Mark zu seinem eigenen Schutz zwangseinweisen müssten. Wir sprachen lange mit Marks Mutter, sie fuhr noch am Abend zu ihrem Sohn und nahm ihn mit zu sich.

Am nächsten Morgen klingelte das Telefon und Marks Mutter erzählte etwas, was alles veränderte: Mark habe die ganze Nacht im Wohnzimmer gesessen und mit nicht existenten Wesen kommuniziert. Er sei völlig wirr.

Mark wurde zwangseingewiesen

Es folgte, was kommen musste. Mark wurde zwangseingewiesen. Weil er die Pfleger angriff, wurde er ans Bett fixiert. Diese Bilder haben sich fest eingebrannt und ich werde sie nie mehr vergessen.

Insgesamt war Mark nun vier Mal in der Klinik. Die Abstände der Episoden werden immer kürzer. Dazwischen sucht er sich tatsächlich immer wieder Ausbildungsplätze, setzt sich auch im Auswahlverfahren gegen Mitbewerber durch. Aber dann läuft alles wieder aus dem Ruder.

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Er sagt, er sei nicht krank. Klares Zeichen der Krankheit - Uneinsichtigkeit. Er verweigert die Medikamente, verweigert die Therapie. Er sitzt in seinem Zimmer und kommuniziert mit seinen Freunden auf der ganzen Welt...Im wahren Leben hat er keinen einzigen Freund. Dann stellt er wilde Theorien über Leben in fernen Galaxien auf.

Er wird nächste Woche 23 Jahre alt und hat keine Perspektive. Marks Mutter schämt sich für ihren Sohn und tut so, als gäbe es die Krankheit nicht. Und wir verzweifeln.

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Gestern hat mein Mann zu mir gesagt: "Ich weiß, dass Mark sich irgendwann etwas antun wird. Ich schäme mich für den Gedanken... aber dann ist es endlich vorbei. Ich kann nicht mehr...

Es zerreißt mir das Herz zu sehen, wie ein Mensch am Leben scheitert. Zu sehen, wie ein Vater sein Kind aufgibt, das er eigentlich mehr als alles andere auf der Welt liebt.

Und ich? Ich bin machtlos. Auf dem Papier bin ich nur die Stiefmutter. Aber im Herzen ist er mein Sohn. Und das wird er immer bleiben.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Stadt Land Mama.

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