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"Geh, wenn Du willst. Bleib, wenn Du kannst!" Der rührende Brief einer Mama an ihr Frühchen

16/03/2016 12:05 CET | Aktualisiert 17/03/2017 10:12 CET
Tanja

Ihr Lieben, rund neun Prozent aller Kinder kommen zu früh auf die Welt - wobei man von einer Frühgeburt spricht, wenn die Geburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche stattfindet. Je länger ein Baby im Bauch war, desto größer sind seine Überlebenschancen.

Der Sohn von Tanja (27) aus Niederbayern kam fast 15 Wochen zu früh zur Welt. Ob er überleben würde, war einige Zeit nicht klar. Doch der kleine Mann und auch seine Mama haben gekämpft - und wurden belohnt: Heute wiegt Philipp 6,5 Kilo, ist 65 Zentimeter groß und ein fröhliches Kind. Bei uns schreibt ihm seine Mama heute einen berührenden Brief. Vielen Dank dafür und alles Gute für Euch!

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„Ohhh, und du bist die Frühchenmama? Ach je, Du Arme!" Solche Sätze hörte ich wochenlang. Monatelang. Ja, Ich bin die Frühchenmama. Aber bin ich arm?

Nein! Denn ich bin eine Mama. Eine glückliche Mama eines zu früh geborenen Kindes. Ich bin nicht arm, ich bin unheimlich reich. Reich an Gefühlen, an Erlebnissen, an Glück und ganz viel Wunder. 

Mein Sohn kam am 20. April 2015 zur Welt - 14,4 Wochen zu früh. Ob ich nun zuerst einen Blasensprung oder zuerst eine Infektion hatte, weiß keiner. Und irgendwie ist es auch egal. Ich war 25+2 Wochen schwanger und lag zu diesem Zeitpunkt schon im Krankenhaus.

Mit meiner besten Freundin sprach ich einen Tag zuvor noch darüber, dass in diesem Stadium der Schwangerschaft die Grenze der guten Überlebenschancen für das Baby erreicht sei. Aber ich rechnete nicht damit, dass mein Baby bald kommen würde, ich wollte noch einige Wochen schwanger bleiben - und schaffte es doch nur bis zum nächsten Tag. 

25+3. Schwangerschaftswochen, 15:52 Uhr, 850g leicht, 33cm klein und einen Kopfumfang von 23cm. Da warst du.

Plötzlich, viel zu früh, viel zu klein, viel zu unreif und dennoch wunderschön. Und mein Kind vom ersten Moment an. Ich war sofort verliebt und wusste: Für dich gebe ich alles! 

Die ersten Tage vergingen wie in Trance. Aufstehen, pumpen, dich besuchen, pumpen, essen, pumpen, bei dir sein, bei dir sitzen, pumpen... 

Es war alles gut - zumindest für deine Größe und dein Gewicht. Alle waren zufrieden mit dir. Ich dachte, so machen wir nun noch ein paar Wochen weiter und dann gehen wir nach Hause. Wie naiv ich doch war...  

Denn am ersten Juniwochenende geschah etwas mit dir, was uns bis heute keiner erklären kann. Du wurdest zwar beatmest, dein Zustand galt aber als stabil. Doch plötzlich verschlechterte sich dein Zustand drastisch, du brauchtest plötzlich 100% Sauerstoff. Und trotzdem war die Sauerstoffsättigung in deinem Blut im absolut unteren Bereich. 

Was war los? Ich war fix und fertig mit der Welt, verstand nichts mehr. Ich heulte mir die Augen aus dem Kopf, schrie deinen Papa an, schrie die Ärzte an, ich flehte um Hilfe für dich. 

Doch die Ärzte standen nur immer wieder an deinem Inkubator und schüttelten betreten die Köpfe. „Wir wissen nicht, was los ist! Wir verstehen das nicht!" - „Wir versuchen noch dies und jenes..." Und schließlich hieß es: „Wir können nichts mehr tun. Entweder er schafft es oder er schafft es nicht... aber wir müssen davon ausgehen, dass er es nicht schafft." 

Ich stand vor den Ärzten und alles in mir schrie laut NEIN!

Ich weiß, dass ich deine Türchen des Inkubators offen hatte, deine Händchen und Füßchen hielt. Später streichelte ich deine Hände und dein Papa deine Füße. Die Zeit stand still. Am Abend verabschiedeten wir uns schweren Herzens und fuhren nach Hause. Wir riefen ständig im Krankenhaus an und bekamen immer die gleiche Antwort: „Der Zustand ist schlecht, aber stabil."

Wir mussten Entscheidungen treffen. Gentest: ja oder nein? Nottaufe: ja oder nein? Ich sprach mit der Krankenhauspsychologin. Sie erzählte mir von Babys, die nicht loslassen können, wenn die Eltern bettelnd am Bettchen stehen. 

In einer ruhigen, gefassten Minute setzte ich mich zu dir, hielt dein Händchen und sagte: „Du darfst gehen. Geh, wenn du gehen willst. Wenn du musst, dann geh. Aber wenn du kannst, dann bleib." Immer wieder sagte ich diese Worte zu dir. „Geh, wenn du willst. Bleib, wenn du kannst." 

Am nächsten Tag kam ich wie immer zu dir. Plötzlich klingelte der Monitor. Er zeigte an, dass die Sättigung stieg und stieg und stieg. Die Schwester kam, schaute ratlos, drehte dann den Sauerstoff herunter. Wir waren fassungslos, überglücklich und trotzdem irgendwie in Schockstarre. 

Ärzte kamen. Es wurde Blut genommen. Keiner verstand es, doch dein Sauerstoffbedarf sank von 100% auf 65 und deine Sättigung war absolut top. Ich konnte unser Glück nicht fassen und hatte jede Minute Angst, dass alles gleich wieder zusammenbricht. Doch du hast gekämpft. DU hast entschieden, dass du bleibst. Keiner weiß warum, keiner weiß wie du das geschafft hast - aber du hast es geschafft. 

Auf dieses Glück folgten jedoch immer wieder Rückschläge. Anfang September mussten die Ärzte und auch wir Eltern einsehen, dass es so nicht weitergeht. Immer wieder hatten wir versucht, dich auf eine Form der Beatmung zu halten, doch es ging nicht. Das Auf und Ab war einfach zu groß. Deswegen wurden wir in eine Uniklinik verlegt und du bekamst eine Trachealkanüle, eine Beatmungsmaschine, die dich unterstützt und dich natürlich weiterhin mit Sauerstoff versorgt. 

Als ich dich zum ersten Mal mit der Kanüle sah, brach in mir alles zusammen. Ich hatte das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben.

Ich hatte dir ein Loch in den Hals schneiden lassen. Würdest du mir das je verzeihen?

Doch schon wenige Stunden nach der OP warst du ganz der alte, kleine, tapfere Kerl und hast mich angegrinst. Du hast die Kanüle sofort akzeptiert und es einfach großartig gemeistert. Du hast innerhalb weniger Tage und Wochen wahnsinnige Fortschritte gemacht und ich bin mehr als dankbar, dass wir uns für die Kanüle entschieden haben. Sie ermöglicht dir endlich zu leben, zu spielen, zu lachen, zu blödeln. 

Natürlich musste ich das ganze pflegerische Drumherum lernen, Kanülenpflege, Kanülenwechsel, absaugen, Beatmungsmaschine bedienen, etc. Aber du warst ja immer da und du warst so geduldig mit mir. 

Nach weiteren zwei Monaten in der Uniklinik konnten wir endlich nach Hause. Und seit du zu Hause bist, ist die Angst meistens weg. Die Angst, die ich in der Klinik täglich hatte, dass dir was passiert, dass es dir nicht gut geht, dass du es nicht schaffst... Diese Angst ist weg. Denn du bist hier, hier neben mir.

Du grinst und lachst und spielst und du gibst mir unglaubliche Kraft. Du warst die ganzen Monate über der Stärkere von uns beiden, das muss ich ehrlich gestehen. Du bist so tapfer, so glücklich, so geduldig, so wundervoll, du gibst mir ungeahnte Kräfte und unfassbare Liebe. Und irgendwann wirst du gesund!

Bis dahin singe ich "unser Lied" von Matthias Schweighöfer: "Und wenn wir fliegen müssen, dann kriegen wir das hin. ♥"

 

Unsere Leserin Tanja mit dem zwei Wochen alten Philipp:

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Und noch ein aktuelles Bild des kleinen Kämpfers:

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Die Autorinnen betreiben den Blog Stadt Land Mama und sind auch auf Facebook vertreten.

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