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Cannabis - eine Betrachtung

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CANNABIS
John Vizcaino / Reuters
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Nein, ich konsumiere nicht. Und ja, ich würde gerne konsumieren. Warum? So lautet nun die nächste Frage. Ganz kurz und allgemein lässt sich das nicht beantworten. Dazu erst einmal nur: der Cannabisrausch ist viel angenehmer, leichter, endet schneller und ist weniger gesundheitsschädlich als der Alkoholrausch.

Meiner Meinung nach ist die Grundfrage zu dem Thema ganz klar: warum sich überhaupt berauschen? Ich habe im Laufe meines Lebens herausgefunden, dass es nun einmal Menschen gibt, die mit dem Zustand Rausch nichts anfangen können und Menschen, die den Rausch suchen. Erstgenannten wird es niemals möglich sein zu verstehen warum.

Diese werden auch immer für ein generelles Verbot aller Rauschmittel sein. Nun hat aber die Geschichte ganz klar gezeigt, dass ein generelles Verbot von Rauschmitteln nur negative Effekte bringt. Anscheinend ist die andere Gruppe der Menschen, die den Rausch mögen, sehr groß und sehr findig, wenn es darum geht, Verbote zu umgehen.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist immer wieder über eine Regulierung des vorhandenen Cannabismarktes gesprochen worden und es wird von den Gegnern immer wieder in Frage gestellt, ob es dadurch gelingen würde, den Schwarzmarkt auszutrocknen.

Ich frage Sie jetzt: Wann wurde Ihnen das letzte Mal schwarz gebrannter Schnaps von fragwürdiger, ja gar gesundheitsgefährdender Qualität angeboten? Nie? Dann geht es Ihnen da genauso wie mir. Das ist der Erfolg des legalen Zugriffs auf das Rauschmittel Alkohol.

Nun, wie kommt ein Mensch in Deutschland dazu Cannabis, zu konsumieren?

Nun, wie kommt ein Mensch in Deutschland dazu Cannabis, zu konsumieren?

Dazu mein Beispiel: In der Schule wurde uns in der sogenannten Drogenaufklärung von den Lehrern und dem netten Polizisten erklärt, dass man nach dem dritten Joint süchtig ist und wenn man erst einmal süchtig ist, innerhalb kürzester Zeit tot mit einer Nadel im Arm auf der Bahnhofstoilette liegt.

Wenn es denn nicht ganz so schlimm kommt, wird man aber mindestens arbeitsunfähig, führerscheinlos (dazu später mehr), oder zu einer sonst wie gearteten Belastung für die Gesellschaft. Mit 13 Jahren glaubte ich das natürlich alles.

Mit 14 hieß es von einer Gruppe älterer Jugendlicher, dass diese „kiffen". Das Interessante war, wie ich 15 Jahre alt war, hieß es das immer noch und mit 16 auch noch. Keiner von denen endete an der Nadel oder wurde zu einer Belastung für die Gesellschaft. Die haben alle gearbeitet, und stellen Sie sich vor, die arbeiten immer noch!

Auf jeden Fall weckte diese durch mich selbst gemachte Beobachtung erste Zweifel an der Richtigkeit der in mir durch die Drogenaufklärung geweckten Ängste. Eines mögen Jugendliche gar nicht, verarscht zu werden.

Das mag ich übrigens auch heute immer noch nicht. So fing ich an, mich über das Kiffen zu belesen, und musste feststellen, ich wurde tatsächlich verarscht. Damit war der Grundstein für einen insgesamt 10jährigen Konsum gelegt. Ca. 8 Jahre lang davon täglich. Die Beschaffung war nie ein echtes Problem.

Oh, mein Gott: total süchtig? Was bedeutet Cannabissucht?

Der Suchtfaktor wird durch die Wissenschaft irgendwo zwischen Kaffee und Nikotin eingestuft. Ich kann das bestätigen, es tendiert aber eher zum Kaffee, da es sehr leicht ist damit aufzuhören. Auf jeden Fall sehr viel leichter als die Zigaretten sein zu lassen!

Sucht. Klingt irgendwie nach Leid und Verderben.Ich habe nie unter meinem Konsum gelitten, im Gegenteil: ich habe die Substanz immer benutzt! Benutzt, um der körperlich harten und zeitintensiven Arbeit meiner jungen Jahre stand zu halten.

Sowohl in Stunden als auch in Kilokalorien habe ich in dieser Zeit die höchste Leistung erbracht. Also das wird nix mit arbeitsscheuem oder gar arbeitsunfähigem Gesindel. Den Unsinn bekommt niemand im Gespräch an mir vorbei. Ach und stellen Sie sich vor ich habe mein ganzes bisheriges Leben gearbeitet wie ein Pferd.

Nach dem jahrelangem Konsum war es mein Wunsch, die Welt mal ohne Rausch zu erleben, der zur Beendigung führte. Von heute auf morgen und völlig ohne Schwierigkeiten. Kein Zittern, keine Schweissausbrüche, keine Angst, Schmerzen oder ähnliches!
Worin hat denn nun die Sucht bestanden?

Der größte Vorteil des Cannabiskonsums ist auch zugleich sein größter Nachteil. Was bewirkt der gelegentliche oder regelmäßige Konsum beim Konsumenten? Ganz klar, das Zeug macht zufrieden! Der zufriedene Mensch neigt dann eben nicht mehr zum Power-Shopping oder zum ständigen Streben nach mehr Reichtum, Anerkennung, teureren Autos...! Ein Feindbild für die Wirtschaft.

Aber er ist auch nicht bereit zu kämpfen. Wenn ich heute höre, dass bei über 30 Demonstrationen für eine Regulierung des Cannabismarktes in Deutschland gerade mal lächerliche 10.000 Menschen auf die Straße gehen, so ist das sehr enttäuschend. Mach ich eine LOVE PARADE, sind an einem Tag 500.000 in einer Stadt auf der Straße.

Spricht man aktive Konsumenten auf eine Demo-Beteiligung an, so hat die eine Hälfte Angst, dass am nächsten Tag die GSG 9 die Wohnungstür sprengt und die andere Hälfte flüchtet sich in die Aussage: „Da ändert sich doch sowieso nie etwas." Warum sollte ich etwas riskieren, ich bin ja versorgt, ist hier die Devise.

Die letzten 30 Jahre hat sich in der Drogenpolitik nichts getan

Aus diesem Grund hat sich die letzten 30 Jahre auch nichts verändert. Wären da nicht die Patienten, die durch die Hintertür der medizinischen Anwendung immer wieder die Bundesregierungen durch Gerichtsurteile zum Handeln zwingen, hätte sich überhaupt nichts verändert!

Das ganze Thema war mir, nachdem ich mit dem Konsum aufgehört habe, lange nicht mehr wichtig. Nachdem sich aber mit steigendem Lebensalter die Migräne immer weiter verschlimmert hat, der Rücken anwachsende starke Schmerzen verursacht und das Leben mit Frau, Kindern und Arbeit immer hektischer wurde, wurde die Suche nach einem Ausweg für mich dringlicher. Schmerzen? Migräne? Entspannung vom Alltag? CANNABIS!

In den Jahren des Konsums hatte ich keine Migräne bzw. konnte die Attacke unterbrechen und auch nur eine einzige Erkältung zur Freude meiner Arbeitgeber.

So bin ich eines Morgens aufgewacht mit dem festen Entschluss, mich für eine Änderung der derzeitigen Drogenpolitik einzusetzen. Viva la Revolution. Einfach die alten Kontakte anknüpfen und los geht's. Ach nein, durch das Verbrennen getrockneter Pflanzenreste lässt sich ja nichts ändern.

Nein, bei der derzeitigen Führerschein-Gesetzeslage sind Cannabiskonsumenten Freiwild. Und ich will ja nicht zu einer Belastung für die Gesellschaft werden, denn die größte Gefahr beim Cannabiskonsum ist im Moment, seinen Führerschein zu verlieren und damit seine wirtschaftliche Grundlage.

Es geht nicht darum, ob jemand berauscht gefahren ist! Der Grenzwert ist der kleinste in den Laboren flächendeckend nachzuweisende Wert. Im Gegensatz zu Alkohol ist der Cannabisrausch nach ca. 2 Stunde verflogen. Im Moment ist es aber so, dass man unter Umständen sogar dann noch den Führerschein verlieren kann, wenn man vor Wochen mal etwas konsumiert hat.

Außerdem habe ich festgestellt, das aktive Konsumenten sich den Mund fusselig reden können, denen wird kein Wort geglaubt. Der arme Süchtige verteidigt ja nur seinen Stoff.
Also illegaler Konsum scheidet aus. Mittlerweile bin ich Mitglied in diversen Verbänden und Organisationen und versuche mit Geld und Initiative etwas zu ändern.

Anfangs haben mich Stimmen, die eine generelle Freigabe aller Drogen forderten, etwas irritiert. Mir ging es ja vordringlich um Cannabis. Je länger ich mich mit dem Thema, vor allem auch mit der globalen Situation auseinander gesetzt habe, desto mehr musste ich diesen Stimmen recht geben.

Ich halte die Einrichtung von Drogengeschäften, in denen es von Nikotin bis Heroin alles gibt, für sinnvoll. Nur so kann vernünftiger Jugendschutz umgesetzt werden. Erwachsene können dann aber Rauschmittel in kontrollierter Qualität und mit gesundheitlicher Aufklärung kaufen. Der Alkohol ist ein gefährliches Zellgift, an dem in Deutschland täglich 200 Menschen sterben, dieses muss aus den Supermärkten verschwinden!

Eine vernünftige Aufklärung der Bevölkerung, insbesondere von Jugendlichen, muss erfolgen um die Bürger zu ungefährlichen Konsummustern zu befähigen. Warum gilt es denn als schick, sich auf der „Wies'n" bis zum Koma zu besaufen?

Auch hier gilt, wer sich berauschen will, soll das von mir aus gerne tun. Aber muss es immer bis zum bitteren Ende sein? Muss das Ganze dann auch noch medial und seitens der verantwortlichen Politiker als Brauchtum verklärt werden? Denken Sie darüber nach.

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