Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

SOS-Kinderdörfer Headshot

Im 8. Monat schwanger in Aleppo: Ein Bericht aus Syrien

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ALEPPO
Ammar Abdullah / Reuters
Drucken

2016-08-08-1470664981-6514631-HadeelKharboutly.jpgInterview mit Hadeel Karboutly (30), Leiterin der Nothilfe-Kita der SOS-Kinderdörfer in Aleppo. Kharboutly ist im achten Monat schwanger. Die SOS-Kinderdörfer versuchen, die Mitarbeiterin mit ihrem Ehemann aus Aleppo herauszubekommen. Das ist jedoch selbst für eine Hilfsorganisation sehr schwierig.

Wie geht es Ihnen?

Als schwangere Frau lebe ich kein normales Leben, sofern man hier in Aleppo überhaupt von einem normalen Leben sprechen kann. Ich mache mir ständig Sorgen um mein Kind. Finde ich noch eine nicht zerstörte Klinik, wenn es losgeht? Wird diese Klinik überhaupt über Elektrizität verfügen? Es gibt kaum funktionierende Inkubatoren. Wo bekomme ich Milch und Windeln her? Es gibt kaum welche und wenn, sind sie viel zu teuer. Diese Gedanken sind für mich schrecklich. Ich kann nicht aufhören darüber nachzudenken, wie ich meinem Kind ein normales Leben bieten kann.

Wie ist die Situation derzeit?

Ich lebe glücklicherweise in einem Stadtviertel, in dem derzeit nicht zu sehr gebombt wird. Aber es gibt kaum sauberes Wasser. Gemüse ist noch zu bekommen. Auch Früchte gibt es manchmal. Fleisch habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Und wenn es welches gäbe, könnten wir es uns nicht leisten.

Derzeit ist sauberes Wasser unsere größte Herausforderung im täglichen Leben. Das Wasser aus den noch funktionierenden Brunnen ist die Hauptquelle für Trinkwasser in Aleppo. Es ist sehr kalkhaltig und versursacht viele Gesundheitsprobleme wie Magenschmerzen und Hautprobleme vor allem bei Kindern.

Wie kommen Sie an Essen?

Wir müssen auf den Markt, aber dort ist es sehr unsicher. Oft gehen Granaten nieder und töten Menschen. Es gibt auch noch Läden und einzelne Supermärkte. Ich kann nicht den Tag vor gut einem Monat vergessen: Mein Mann und ich gingen zu einem Supermarkt in einem Nachbarviertel. Als wir hinkamen war gerade eine Granate explodiert - mitten im Supermarkt. Viele Menschen wurden getötet. Ich werde diese Szenerie nie vergessen. Wenn wir nur fünf Minuten früher losgelaufen wären, wären wir jetzt auch tot.

Haben Sie Elektrizität?

Es gibt generell keinen Strom. Wir sind abhängig von privaten Stromaggregaten. Aber die geben nicht genug Elektrizität für den Kühlschrank und das Licht. Daher haben wir sehr oft kein Licht an am Abend und in der Nacht. Und der Strom für den Kühlschrank allein ist schon sehr teuer.

Wie bereiten Sie Speisen zu?

Wir essen zumeist Gemüse. Fleisch können wir uns ohnehin nicht leisten.

Wie ist es, wenn man in einer belagerten Stadt lebt?

Jeden Tag erwache ich verängstigt auf von den Geräuschen fallender Bomben und Gewehrschüssen. Ich habe viele Nächte nicht geschlafen. Wenn die Bomben und Granaten niedergehen, erschüttert das jedes Mal deinen Körper.

In den vergangenen Tagen hat die Opposition Reifen verbrannt, um Luftangriffe schwieriger zu machen. Schwarzer Rauch und Flammen bedeckten den Himmel. Ich konnte nicht atmen. Ich hatte Angst, der schwarze Rauch könnte in die Lungen meines Babys gelangen. Ich legte mir ein Stück Tuch vor Mund und Nase, aber das funktionierte nicht. Und dann hieß es ja auch noch, dass Giftgas eingesetzt wurde.

Ich denke sehr viel an mein Baby: Ist es noch gesund? Ich weine sehr viel. Ich möchte eigentlich zum Arzt und nachsehen lassen, ob es meinem Kind gut geht. Aber es ist nicht sicher in der Kinderklinik in Aleppo. Sie wurde mehrfach beschossen, ein sehr gefährlicher Ort.

Kürzlich schlug eine Gewehrkugel in mein Schlafzimmer ein. Das erinnert mich daran, wie schnell man sterben kann dieser Tage in Aleppo.

Was wünschen Sie sich?

Am liebsten würde ich mein Kind in einer sicheren Umgebung zur Welt bringen. Alles andere ist unwichtig!

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: