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Ich wurde in der Bahn sexuell belästigt - hört auf, mir zu sagen, dass ich selbst schuld daran bin

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Als ich am vergangenen Montagabend in einer überfüllten Londoner U-Bahn der Victoria Line in Richtung Brixton stand, erschien plötzlich der nackte Penis eines fremden Mannes auf meinem Handydisplay. Und es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich das Ganze alles andere als witzig fand.

harsssment

Zum einen hatte ich bereits vor Monaten Tinder gelöscht, weil ich genau diese Art von Interaktion mit dem anderen Geschlecht vermeiden wollte. Zum anderen hatte ich mich gerade total in einen Twitter-Thread über süße Hunde vertieft und wurde dadurch komplett aus meiner Konzentration gerissen.

Im ersten Augenblick war ich einfach nur verwirrt, doch kurz darauf setzte bei mir wie bei den meisten Opfern von sexuellen Übergriffen ein starkes Gefühl von Entsetzen und Scham ein.

Die Diskussion drehte sich ausschließlich um meinen Fehler

Die Tatsache, dass ein kleines Kind mit seiner Mutter in Sichtweite meines Handys saß, kam noch erschwerend hinzu.

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Wie jede anständige Vertreterin der Generation Y, die sich dem Kampf gegen das Patriarchat verschrieben hat, nützte ich umgehend die sozialen Medien, um das Bild mit anderen zu teilen und meine Verachtung darüber kundzutun. Außerdem suchte ich nach irgendeiner Form der Bestätigung, weil mir gerade kotzübel geworden war.

airdrop

Man sagt ja, geteiltes Leid sei halbes Leid. Das stimmt nicht.

Ich als Journalistin (die es noch dazu wagt, über Technik zu schreiben), hätte eigentlich wissen müssen, dass ich nicht die Antwort bekommen würde, die ich mir erhoffte. Und trotzdem war ich schockiert.

In der Diskussion, die unmittelbar nach meinen Post entbrannte, wurde von Anfang an mit keiner einzigen Silbe in Frage gestellt, warum dieser Perverse sich in seiner Männlichkeit so stark fühlte, dass er keinerlei Hemmungen dabei hatte, einer fremden Frau, die gerade mit der U-Bahn von der Arbeit nach Hause fuhr, 120 Bilder von seinen Genitalien aufzudrängen.

Fehlanzeige, denn die Diskussion drehte sich freundlicherweise ausschließlich um meine Privatsphäre-Einstellungen, und um die Frage, warum mein AirDrop aktiviert war, und warum ich es denn eigentlich überhaupt erst angeschaltet hatte.

Ihr schiebt die Schuld komplett dem Opfer in die Schuhe

Einige der Kommentatoren meinten es zweifelsohne einfach nur gut mit mir. Sie wollten unbedingt einer Frau helfen, deren Einstellung zum Thema Cyber Security offensichtlich zu wünschen übrig lässt (wie ihr wissen müsst, habe ich auch alle meine wichtigen Passwörter auf die letzte Seite meines Tagebuchs geschrieben).

Manche der Kommentatoren schienen auch zu glauben, dass ich gar keine Ahnung hatte, was AirDrop denn überhaupt ist, oder wie man es ausschalten kann, und sie wollten mit ihren Aussagen einfach nur einem armen Mädchen helfen.

Doch eigentlich ist das nicht das Thema, über das wir hier diskutieren sollten.

Was auch immer euch zu euren Antworten bewegt hat (und einige der Facebook-Kommentare, die in den folgenden 24 Stunden nach meinem Post eintrudelten, ließen keinerlei Zweifel daran, dass ihre Verfasser sich mit voller Absicht wie frauenfeindliche Arschlöcher benahmen): Ihr schiebt die Schuld komplett dem Opfer in die Schuhe.

Ich bin nicht bereit, die Verantwortung zu übernehmen

Das ist genau das Gleiche, wie wenn man Vergewaltigungsopfern vorwirft, sie hätten vielleicht nicht ganz so attraktiv auf den Täter gewirkt, wenn sie so schlau gewesen wären, sich einen längeren Rock anzuziehen oder einen Cocktail weniger zu trinken.

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Oder wie wenn Frauen im Fitnessstudio von Männern belästigt werden, obwohl sie eigentlich nur in Ruhe trainieren wollen, und man ihnen zu verstehen gibt, dass sie vielleicht lieber keine Lycra-Klamotten tragen sollten, weil die ja schließlich bei jeder Kniebeuge so schön an ihrem Körper kleben bleiben.

Und es ist genau das Gleiche, wie mir unter die Nase zu reiben, dass mir hätte klar sein müssen, dass ich irgendwann mit Schwanzbildern bombardiert werden würde, wenn ich so blöd bin und die Sicherheitseinstellungen auf meinem Handy nicht überprüfe. Und dass ich mich in erster Linie über mich selbst ärgern sollte, weil ich es überhaupt erst so weit hatte kommen lassen.

Doch genau das werde ich nicht tun. Ich bin in absolut keiner Weiser bereit, die Verantwortung für diesen Vorfall zu übernehmen.

Ihr beleidigt mit euren Kommentaren die anderen Männer

Es stimmt, dass ich die Bilder nicht bekommen hätte, wenn ich mein AirDrop ausgeschaltet hätte. Es stimmt, dass solche Perversen dann nicht so leicht an mich rankommen würden, wenn ich denn schon unbedingt morgens das Haus verlassen muss.

Dadurch, dass ich mein AirDrop ausschalte, halte ich einen Sexualstraftäter jedoch nicht davon ab, diese Bilder an irgendeine andere Frau zu verschicken. Und ich bringe ihn dadurch auch nicht von seiner Einstellung ab, dass er sich einfach nur hinter seinem Handy zu verstecken braucht und anschließend ahnungslose Menschen in seiner Nähe in Angst und Schrecken versetzen kann.

Und ehrlich gesagt ist es eine Beleidigung für alle Männer, wenn man behauptet, dass man sie nur dadurch davon abhalten kann, zu Sexualstraftätern zu werden, indem man ihnen den Zugang zu ihren Kommunikationsmitteln versperrt.

Also hört auf, mir zu sagen, dass ich mein AirDrop ausschalten soll und lasst mich in Ruhe weiter meine Hundebilder anschauen.

von Sophie Gallagher, Redakteurin bei der HuffPost UK

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)