BLOG

Ein Kopfsprung vom Tellerrand - Oder Meine Entscheidung für ein Ausslandsstudium

07/08/2015 12:25 CEST | Aktualisiert 07/08/2016 11:12 CEST
thinkstock

2015-08-06-1438826195-3561751-20150717_193719.jpg

Ich war immer sehr hart in meinem Urteil. Ich bin es immer noch: Wenn jemand sein Leben lang keinen Schritt aus seinem Heimatdorf - oder besser noch, nicht mal aus seinem Elternhaus - schafft, sollte er meiner Meinung nach endlich mal über seinen Tellerrand schauen. Dabei dauert die Bahnfahrt von meiner Wohnung bis zu meinen Eltern grade mal 5 Lieder lang.

Wenn jemand nach seinem Abitur erst mal für ein Jahr work and travel in Australien geht und dabei keinen Plan hat, was er danach macht, dann finde ich das furchtbar klischeehaft und bin überzeugt, derjenige läuft nur vor der Verantwortung für das eigene Leben weg. Dabei beneide ich diese Menschen für ihren Mut, die wohlige Sicherheit der Heimat hinter sich zu lassen und ins Ungewisse aufzubrechen.

Ich bin bis zu diesem Zeitpunkt noch nie länger im Ausland gewesen. Und seit in der Schulzeit Freunde bei Schüleraustauschen mitgemacht haben und ich nicht, habe ich mich immer gefragt: Wieso eigentlich nicht?

Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten, wieso ich nicht den weit verbreiteten Drang nach einem Leben im Ausland hatte:

  1. Ich war zu feige, um mich zu trauen oder
  2. Ich wollte vielleicht tatsächlich einfach nicht.

In der Universität hat das Thema dann an Gewicht gewonnen. Ein oder zwei Erasmus-Semester sind eine beliebte Möglichkeit, das Studium noch etwas spaßiger und aufregender zu gestalten. Außerdem sind sie obligatorisch für den Lebenslauf eines modernen, qualifizierten Arbeitnehmers.

Und immer noch gab ich mir die selben Antworten.

Noch bevor ich wusste, dass es überhaupt eine Generation Y gibt und dass ich dazu gehöre, fühlte ich mich unter Druck. Nicht so sehr unter dem eines späteren Arbeitgebers. Eher litt ich unter dem Anspruch an mich selbst. Ich wollte mich gerne als weltoffenen, gerne auch multilingualen und abenteuerlustigen Menschen sehen. Mein direkter Weg vom Abitur zum Bachelor zum Master sprach aber irgendwie eine andere Sprache.

Am Ende meines Bachelors änderte sich von einem Tag auf den anderen meine Meinung

Im Master wollte ich Erasmus machen. Und am besten direkt zwei Semester. Woher der Sinneswandel kam? Vielleicht daher, dass ich das tatsächlich nicht mehr vorrangig für andere wollte. Ich wollte nicht für andere diejenige sein, die mutig ins Ausland geht. Was nicht bedeutet, dass ich es niemandem mehr beweisen wollte. Nur eben vor allem mir selbst. Das ist aber wahrscheinlich ein nur unzureichender Erklärungsversuch. Denn Tatsache ist, dass ich plötzlich einfach wollte.

Ich bin sicher, diese Entscheidung beinhaltet unterbewusst eine ganze Reihe von gesellschaftlichen und persönlichen Gründen. Und mit Sicherheit wäre auch schon vorher ein Auslandsaufenthalt eine erfüllende Erfahrung gewesen. Aber ich bin jetzt froh, dass ich mich nicht vorher schon selbst dazu gedrängt habe. Dazu, etwas zu tun, was ich damals noch nicht wollte. Oder dazu, mich selbst endlich ins kalte Wasser zu schubsen. Je nach Perspektive.

Für mich gibt es immer noch gute und schlechte Gründe für die Entscheidung, ins Ausland zu gehen:

Schlechte Gründe sind:

  1. Wenn man sich nur deswegen gezwungen fühlt, weil alle anderen das ja machen
  2. Wenn man nur einen Punkt an seinem Lebenslauf abarbeiten will
  3. Wenn man nur deswegen geht, um herauszufinden, was man danach macht.

    Wenn man geht, dann in dem Bewusstsein, dass diese Erkenntnis vermutlich ausbleibt. Und dass das auch ok ist

  4. Wenn man in der elften Klasse ist und glaubt, beim einwöchigen Schweden-Austausch einen schönen Schweden im Koffer mit heim nehmen zu können

Gute Gründe sind:

  1. Wenn man es für sich selbst tut. Mit purem Enthusiasmus.
  2. Wenn man rausfinden möchte, wo der eigene Tellerrand aufhört und ob man über ihn drüber gucken kann
  3. Wenn man es nicht mehr befremdlich, sondern abenteuerlich findet, dass man kein Wort der Durchsage in der Bahn versteht
  4. Wenn man das erste Bier mit neuen und alten Freunden in der Wahlheimat kaum erwarten kann

Aber egal, welche Gründe man hat oder ob ein Leben im Ausland in Frage kommt: Meine eigene Entwicklung hat mir zu einer veränderten Perspektive auf die Entscheidung verholfen, wo, wann und wieso ein Mensch leben möchte. Ein bisschen zumindest.

Denn die eigentliche Hürde ist vermutlich nicht der Ort an dem man lebt, sondern die Komfortzone, in der man sich befindet. Für den einen endet diese Zone der Bequemlichkeit erst an den Grenzen Europas. Für den anderen ist diese Grenze an der Tür des benachbarten Flüchtlingsheimes erreicht. Und dafür, diese individuellen Grenzen zu überschreiten, gibt es definitiv nur gute Gründe.

Ich werde mich diesen Herbst aus meiner Komfortzone Deutschland raus trauen und mein Glück für ein Jahr in Budapest versuchen. Und der Blick über den Tellerrand, den ich da schon mal gewagt habe, lässt nur einen Schluss zu:

Der Kopfsprung ins Ungewisse lohnt sich!


Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

So können Sie WhatsApp auch im Ausland möglichst günstig nutzen

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft