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Augenzeugenbericht vom Budapester Keleti Bahnhof

16/09/2015 17:34 CEST | Aktualisiert 16/09/2016 11:12 CEST

Nach Massenaufläufen und Tumulten am Keleti-Bahnhof in Budapest die letzten zwei Wochen, hat sich die Lage zumindest für den Moment und an diesem Ort beruhigt. Züge fahren alle halbe Stunde zur österreichischen Grenze.

Auf dem Vorhof des Bahnhofs stehen nur noch wenige Reihen Zelte, die Menschen drängen sich nicht mehr eng an eng, sondern laufen nur noch vereinzelt in kleinen Gruppen umher. Viele sitzen zusammen, telefonieren oder schlafen.

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Trotz abnehmender Flüchtlingszahlen liegen nach wie vor Berge aus Schuhen und Klamotten herum, aus denen sich Flüchtlinge bedienen können. Ein Junge mittleren Alters zieht grade ein Paar Socken aus dem Haufen und schlüpft direkt hinein

Die Wände sind voller Botschaften, von Flüchtlingen und von Ungarn. Mit Kreide in allen Farben: „Welcome to Budapest", „Keep smiling" und „We are no terrorists, we need just peace."

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Restaurants schicken Lieferanten, die mit hohen Stapeln aus Pizza-Kartons herum laufen und kostenlos Essen an die Flüchtlinge verteilen. Viele von ihnen lehnen ab, teilen gestisch mit, dass sie satt sind und verweisen die Lieferanten an andere Flüchtlinge, die noch Hunger haben.

Es stinkt nach Urin und Kot, es liegt Müll herum, ein Streit bricht zwischen zwei Frauen aus, die sich um ein Kleidungsstück streiten. Ein Helfer berichtet: Jemand wollte einer Mutter und ihren Kindern seine Essensspende überreichen, kurz danach rissen ihm andere Flüchtlinge das restliche Essen aus den Händen.

Younes El Kerat aus Marokko, der seit 32 Jahren in Budapest lebt, hilft ehrenamtlich als Übersetzer aus. Viele der Flüchtlinge reden nur rudimentär oder kein Englisch und die ungarischen Behörden informieren wenn dann nur auf ungarisch über Möglichkeiten zur Weiterreise, berichtet er.

„Die ungarische Regierung kümmert sich sowieso nicht um die Flüchtlinge. Sie haben nicht einen Forint für Wasser oder Brot ausgegeben. Alles was man hier an Essen und Hilfsgütern sieht, kommt von freiwilligen Helfern aus der Zivilbevölkerung. Wenn die Züge nicht mehr fahren, kümmert sich niemand darum, dass die Flüchtlinge in ihrer Sprache informiert werden. Obwohl das ja auch in ihrem Sinne wäre, um die Situation zu entspannen."

Er berichtet von einer Mutter, deren Haus zerbombt wurde, während sie ihre Familie besuchte und die daraufhin Hals über Kopf geflohen ist. Von Ärzten, die in ihrem Land nicht mehr sicher arbeiten können.

„Die Menschen hier in Ungarn nennen sie Wirtschaftsflüchtlinge und sind gegen sie, dabei vergessen sie, dass aus Ungarn in den letzten zwei Jahren hunderttausende Einheimische ausgewandert sind, um sich in anderen europäischen Ländern mit stärkerer Wirtschaft niederzulassen."

Die meisten Flüchtlinge, die er getroffen hat, wollen nach Deutschland, nur zwei wollten in Ungarn bleiben.

Die Flüchtlinge reden nicht gerne mit Journalisten. Manche weil sie kein Englisch können, andere sind kritisch. Eine Gruppe junger Männer will nicht über sich reden, sie haben keine guten Erfahrungen mit Medien gemacht. Misstrauen und Mitmenschlichkeit liegen hier nahe beieinander.

Shafi Rasouli, ein Junge aus Afghanistan berichtet: „Es war ständig Gefahr. Immer. Immer Bombenalarm, nie Ruhe." Er will so schnell wie möglich weiterreisen, nach Deutschland. Er wartet noch auf Geld, dass ihm ein Verwandter schicken will.

Ohne, sagt er, hat er keine Chance. Er hat zwar ein Zugticket und die nötigen Papiere, aber sonst nichts bis auf das nötigste Gepäck. Er hofft, dass Deutschland seine Grenzen nicht schließt, er hat so was gehört.

Die ungarische Studentin Georgina Fekete versucht sich an einer Einordnung der Situation. Sie hat sich ihre Meinung nicht vor Ort am Bahnhof gebildet, aber Bilder und Videos gesehen. Sie verstehe die vielen Gründe, aus denen Leute aus ihrer Heimat fliehen. Aber sie habe etwas dagegen, dass Flüchtlinge die angebotene Hilfe ablehnten, Essen sowie Müll liegen lassen und sich nicht an Gesetze hielten. Andere kämen in teuren Klamotten und mit Iphones, das widerspräche ihrem Bild eines Flüchtlings.

Die Regierung sollte ihrer Meinung schon den Flüchtlingen helfen, aber ihrer Meinung nach, stehen die Ungarn in der Mehrheit eher hinter der aktuellen Flüchtlingspolitik Victor Orbáns:

„Die Ungarn bilden ja zwei Gruppen: die eine wäre bereit, den Flüchtlingen zu helfen, die andere ist völlig gegen sie. Weiß ich nicht, welche Gruppe in Mehrheit ist. Vermutlich die, die gegen sie sind. Ich kann mich nicht genau entscheiden, ob ich dafür oder dagegen bin, ich wähle lieber den goldenen Mittelweg.

Ich kann beide Seiten verstehen, beide haben Recht. Ich hoffe nur, dass sich die ganze Situation bessern wird und alle einen Ort finden können, den sie ihre Heimat nennen können. Im Grunde genommen ist diese Welt aber leider schon verdorben, hier kann nur eine Wunder helfen."

Die Menschen in Ungarn scheinen zwiegespalten. Auf der einen Seite warmherzige Hilfsbereitschaft und Unverständnis für die Regierung. Auf der anderen Seite Ohnmacht vor dem Massenansturm von Flüchtlingen und vorsichtige Sympathie für den harten Kurs der Regierung.

Gleichzeitig ruft Ungarns Ministerpräsident Victor Orbán das Notstandsgesetz aus. Ab jetzt wird jeder, der illegal über die Grenze nach Ungarn einreisen möchte, festgenommen. Außerdem solle es in Zukunft keine Flüchtlingslager mehr in Ungarn geben.

Orbán drückte laut ungarischen Medien sein Unverständnis für Flüchtlinge aus, die nicht aus akut von Krieg bedrohten Ländern und Gebieten kommen, denn es gäbe nun mal kein Menschenrecht auf ein besseres Leben.

In Deutschland wird währenddessen mittlerweile an der südlichen Grenze kontrolliert. Die Lage spitzt sich wieder zu. Und noch immer gibt es keine internationale Lösung für den Flüchtlingsanstrom.

Soziale Netzwerke verdeutlichen die beiden verhärteten Fronten der deutschen Gesellschaft, die sich unvereinbar gegenüber stehen:

Auf der einen Seite kompromisslose Willkommen-Heißer, die beinahe jeden Kritikpunkt mit der Nazi-Keule niederschreien und mit Likes ihr soziales Gewissen beruhigen.

Auf der anderen Seite Schein-Patrioten, die um ihren Wohlstand bangen, schwarze Schafe zur Mehrheit machen und jedes Mitgefühl mit dem größten Unwort des Jahres niedermachen - 'Gutmensch'.

Beide Extreme sind keine Lösung. Weder kann eine Gesellschaft ohne Ende Menschen aufnehmen. Noch darf Menschen der Wunsch nach Sicherheit und Stabilität verweigert werden. Dabei müssen jene, die geflohen sind, genauso ernst genommen werden, wie jene, die tatsächlich Sorge um ihre Rente oder die Sicherheit vor ihrer Haustür haben.

Mit negativen, aber auch positiven Erfahrungen aus erster Hand hoffe ich, dass eine solche Debatte bald stattfinden wird. Ganz einfach, weil sie alternativlos ist.

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