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Das hat ein Wirtschaftsflüchtling den Deutschen zu sagen

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Ich habe Marija und ihre Familie vor wenigen Wochen in Berlin kennengelernt, als ich bei einem Hilfsprojekt mitmachte. Eines Tages stand sie mit ihren Habseligkeiten vor meiner Tür. Marija ist das, was viele Deutsche als "Wirtschaftsflüchtling" bezeichnen würden. Sie kommt aus Serbien, aus einem sicheren Herkunftsland. Deshalb hat sie keinen Anspruch auf Asyl.

"Wir wissen nicht mehr wohin", sagte Marija. Ich nahm sie und ihre Kinder auf. Zwei Tage wohnten wir zusammen. Wir sprachen viel. Ich fragte sie auch, was sie über die Deutschen denkt. Und was sie ihnen gern sagen würde. Das ist ihre Botschaft:

Ich heiße Marija. Ich komme aus Serbien. Ihr kennt mich nicht. Es gibt viele Menschen in Deutschland, die mich „Wirtschaftsflüchtling" nennen. Ich spüre, dass es kein gutes Wort ist. Ein Schimpfwort.

Diese Menschen sagen, ich würde nur nach Deutschland kommen, weil es ein reiches Land ist. Ich würde hier ja nur auf ihre Kosten schmarotzen wollen. Sie glauben, ich erhoffe mir in Deutschland das Paradies. Deshalb würden sie mich am liebsten sofort wieder wegschicken.

Ich weiß auch, dass es Menschen in Deutschland gibt, die mich hier mit offenen Armen empfangen. Man nennt sie "Gutmenschen". Auch das scheint ein Schimpfwort zu sein, obwohl ich das nicht ganz verstehe. In unserer Sprache ist es keine Beleidigung, wenn man sagt, dass jemand ein guter Mensch ist.

Liebe Gutmenschen, liebe gute Menschen, ich möchte euch etwas sagen.

Ich weiß, dass ihr dauernd beschimpft werdet, weil ihr euch für Menschen wie mich einsetzt. Ihr müsst viel diskutieren und viel Wut ertragen. Danke, dass ihr das tut. Danke, dass ihr euch nicht von Vorurteilen beeinflussen lasst.

Vielleicht hilft es euch, wenn ihr den wütenden Menschen in Deutschland von meiner Geschichte erzählen könnt. Ihr könnt ihnen sagen, warum ich wirklich hier bin.

Als ich am zweiten August in den Bus nach Deutschland gestiegen bin, hatte ich viel Hoffnung in mir. Ich wollte ein besseres Leben für mich, meinen Mann Predag und meine zwei Söhne Marco und Velko. Sie sind erst fünf und neun Jahre alt. Sie haben eine gute Zukunft verdient, oder?

Ich bin Roma. Eine Zigeunerin, würden viele sagen. Ich habe kein eigenes Land. In Serbien werde ich diskriminiert. 95 Prozent der Roma sind arbeitslos. Nicht, weil sie nicht arbeiten wollen. Sondern weil sie nicht arbeiten dürfen. Weil sie niemand anstellen will.

Mein Mann versuchte jeden Morgen aufs Neue irgendeine Arbeit zu finden. Auf dem Bau, als Straßenarbeiter, als Putzmann. Egal was. Wir haben keine Ansprüche. Wirklich nicht. Wir wollten unseren Kindern einfach nur ein Abendessen kochen können. Und nicht einmal das war drin. Jeden Abend kehrte mein Mann ohne Geld zurück.

Was würde ein Deutscher tun, wenn er nicht wüsste, wie er den kalten Winter überleben soll? Weil er kein Dach über den Kopf hat? Oder wenn ihn seine Kinder mit traurigen Augen ansehen und sagen: "Ich habe Hunger"?

Meine beiden Jungs haben seit Monaten kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen. Ich kann sie nicht in die Schule schicken. Es fehlt mir nicht nur Geld, um sie satt zu machen. Ich habe auch kein Geld, um ihnen Stifte und Hefte zu kaufen. Oder eine Schuluniform. Staatliche Hilfe gibt es für Menschen wie uns in Serbien nicht.

Was würde ein Deutscher tun, wenn er mit jedem weiteren Tag, den er in seinem Land bleibt, seinen eigenen Kindern eine gute Zukunft und die Chance auf Bildung nehmen würde?

Meine Kinder werden in der Schule geschlagen. Die Lehrer machen nichts dagegen. Weil sie Roma sind. Die Nachbarn schreien uns „Zigeuner" nach und behandeln uns, als ob wir eine schlimme Krankheit haben. Sie spucken auf uns. Wir sind Aussätzige in Serbien.

Was würde ein Deutscher in so einer Situation tun? Er würde vermutlich einen Ausweg suchen. So wie ich das getan habe, als ich unsere Koffer packte, und mit meinem Mann und meinen Kindern in den Bus nach Deutschland gestiegen bin.

Ich weiß, viele Deutsche haben Angst. Aber das müssen sie nicht. Ich will niemandem etwas wegnehmen. Nicht den Arbeitsplatz, nicht die Wohnung, nicht das Geld.

Ich bitte wirklich nicht um viel. Ich will kein Haus, kein Auto, kein Geld. Ich möchte nur einen kleinen Raum für mich und meine Familie. Mit einem Schlüssel. Damit ich unseren Raum zusperren kann und wir sicher sind. Ja, das ist mein einziger Traum. Und gleichzeitig auch mein größter Traum.

Erzählt den wütenden Menschen bitte von meinem Traum. Vielleicht haben sie Verständnis. Irgendwo in ihrem Herzen müssen sie es doch nachvollziehen können, oder? Bitte sagt ihnen, dass ich niemanden ausnutzen will.

Ich bin kein Wirtschaftsflüchtling.

Ich bin nur ein Mensch, der einen Ausweg aus einem ausweglosen Leben sucht. Eine Frau, die nicht mehr bespuckt werden will und nicht unter der Brücke schlafen möchte. Ich bin eine Mutter, die ihre Kinder über alles liebt und ihnen eine bessere Zukunft schenken will.

Gebt bitte nicht auf, für andere zu kämpfen. Ich bin euch sehr dankbar dafür. Wenn ich das Wort "Gutmensch" höre, dann höre ich kein Schimpfwort. Ich denke dann an euch und daran, was ihr für mich tut. Ich danke euch.

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