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Ich wollte einem Obdachlosen Geld geben, aber das reichte ihm nicht

22/01/2016 14:50 CET | Aktualisiert 22/01/2017 11:12 CET
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Ich stand vor einer Bar in Berlin und wollte eigentlich nur kurz eine Zigarette rauchen. Doch dann begegnete ich Benny - und aus fünf Minuten wurde eine ganze Stunde. Eine Stunde, in der ich über mich mehr lernte, als ich es an diesem Abend jemals für möglich gehalten hätte.

In seiner Hand hält er einen Pappbecher, den er mit seinen dicken Fingern zusammendrückt. Ein bisschen Wodka hängt noch in seinem Bart, den er seit Monaten nicht mehr geschnitten hat. Seine Winterjacke ist schäbig, sie riecht auch komisch. Genau wie Benny.

Er ist niemand, dem ich nahe sein will. Den ich berühren will. Mit dem ich überhaupt länger sprechen möchte.

Als er mir und meinem Freund näher kommt, beginne ich sofort, nach Kleingeld in meiner Jackentasche zu kramen.

So läuft das doch, oder? Ein paar Münzen in die Hand drücken, fertig.

Und ehrlicherweise bin ich auch dankbar darüber, dass sich die Gesellschaft stillschweigend geeinigt hat, Obdachlosen so zu begegnen. Denn so muss ich mich nicht länger damit auseinandersetzen, wer dieser Mensch ist, der vor mir steht. Warum er mich, eine Fremde, um Geld bittet. Und damit, dass er in dieser eiskalten Nacht frieren und betteln muss, während ich in Berlin-Mitte Cocktails schlürfe.

Aber Benny will kein Geld. Benny will etwas anderes.

Fühl mal, meine Hände!

„Fühl mal, meine Hände!", fordert er mich auf. An seinen Fingern klebt ein bisschen altes Blut von einer Wunde. Unter seinen Fingernägeln hängt der Dreck vieler Wochen fest.

„Jaja, die sind bestimmt ganz schön kalt bei diesen Temperaturen", erwidere ich ungeduldig. „Deshalb muss ich jetzt auch wieder rein."

„Nein, rubble doch mal bitte. Die sind sooo kalt. Bitte, rubble sie ein bisschen warm", bittet mich Benny. Er meint das wirklich ernst.

Entnervt blicke ich meinen Freund an. Na gut, denke ich mir.

Ich nehme seine rechte Hand zwischen meine beiden Hände und beginne, sie warm zu reiben. Benny lächelt wie ein kleines Kind. Es tut gut. Nicht nur seinen kalten, schmutzigen Händen.

„So jetzt ist aber genug", sage ich ihm. Inzwischen habe ich schon meine zweite Zigarette geraucht. Ich will wieder in die Wärme.

Aber Benny erzählt weiter: „Ich bin im Heim großgeworden. Ich wurde nie umarmt, nie hat mir jemand über den Kopf gestreichelt." Er blickt starr auf den Gehsteig, während er mit rauer Stimme spricht.

„Ich habe wirklich niemanden. Die anderen Obdachlosen...", beginnt er den nächsten Satz. „Ach, auf der Straße ist sich einfach jeder der Nächste." Vertrauen und Nähe gibt es für ihn nicht. Er blickt starr ins Innere der Bar, wo gerade eine Gruppe junger Menschen lachend zusammensitzt.

Noch eine ganz kurze Umarmung, ja?

Mein Freund und ich wissen nicht, was wir erwidern sollen. Also nicken wir ihn verständnisvoll an. Was sollen wir auch sonst tun?

Mir ist die Situation unangenehm. Ich kann nicht damit umgehen, dass mir dieser fremde Mensch so unverblümt erzählt, wie einsam er sich fühlt. Ich will verdrängen, dass ich genauso Teil einer Gesellschaft bin, die sich nicht darum kümmert, das andere Menschen auf der Straße leben, betteln und frieren.

„Nur noch eine ganz kurze Umarmung, ja", fragt er mich. „Ich hatte so lange keine Umarmung mehr. Es ist Monate her, dass ich das letzte Mal einem anderen Menschen nah war und jemand lieb zu mir war."

Mein Blick wandert von seinen Schuhen, hoch zu seiner vergilbten Jacke, die neben dem Reisverschluss ein Loch hat, bis zu seinen müden Augen, die mich erwartungsvoll anschauen.

Ich überwinde mich. „Na gut, eine kurze Umarmung", sage ich und öffne meine Arme.

Benny schlingt seine Arme um mich und drückt mich ganz fest. Minutenlang bleiben wir in dieser Position.

Da stehen wir also, Benny und ich. Irgendwo auf einem Gehsteig in Berlin-Mitte. Arm in Arm.

Es fühlt sich gut an.

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