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"Faces of Nepal" - Dieses Projekt zeigt die Überlebenden des Erdbebens in Nepal

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Könntet ihr euch vorstellen, alles in eurem Leben zu verlieren, außer eurer Hoffnung? Könntet ihr euch vorstellen, völlig einsam und verloren zu sein, ohne eure Liebe für das Leben zu verlieren?

Ich konnte mir nie vorstellen, dass auch nur eines dieser Szenarien möglich ist. Bis ich nach schrecklichen Erdbeben im April vergangenen Jahres nach Nepal reiste.

Ich bin auf diesen Reisen Menschen begegnet, die es weit schlechter haben als ich, als alle von uns. Die schon lange in totaler Armut lebten, aber nach dem Erdbeben alles verloren haben. Ihre Unterkunft, ihren Alltag. Aber auch Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Väter und Mütter, die ihre Söhne und Töchter verloren haben. Ihre Brüder, ihre Schwestern. All das, wofür es sich zu leben lohnt.

Diese Begegnungen waren lehrreiche Momente für mich.

Denn ich habe besser verstanden, wie wirkliches Leid aussieht und was wahrhafter Verlust bedeutet. Und ich habe begonnen, die Nichtigkeiten, die ich als wahre und große Probleme meines Alltags definiere, in ihrer Wichtigkeit zu hinterfragen.

Sie haben gelacht, gestrahlt und gekämpft.

Und ich habe verstanden, was wirkliche Hoffnung und wahres Glück sind. Man sollte meinen, dass ein Mensch, der unter solchen Umständen lebt, zumindest sehr unglücklich ist, oder?

Aber alle Menschen, die ich portraitiert habe, waren freundlich und zuvorkommend, so hoffnungsvoll und positiv, haben viel gelacht und gestrahlt und gekämpft, wie ich es selbst in meinem guten, westlichen Leben oft nicht schaffe.

Eigentlich verrückt, wie unterschiedlich der Blick auf das Leben sein kann, dachte ich mir in diesen Augenblicken oft.

Deshalb habe ich nicht nur die hoffnungsvollen Gesichter dieser Menschen festgehalten. Sondern auch die Geschichten über die Begegnungen mit ihnen.

Ich möchte mit meinem Fotoprojekt "Faces of Nepal" diesen anderen Blick auf das Leben, die Hoffnung, die Liebe und auch den Stolz der Erdbebenopfer einfangen und weitergeben. Als Inspiration für unser aller Leben.

WISDOM I WEISHEIT

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"Du wirkst gebrechlich, als du deinen alten, müden Körper aufrichtest. Du hast tief geschlafen, auf einer schmalen Steinmauer, im Schatten eines großen Baumes. Mit deinen schmächtigen Händen stützt du dich ab und ziehst deinen Oberkörper langsam nach oben, reibst dir erschöpft die Augen. Das ist der Moment, in dem sich unsere Blicke treffen.

Dieses Gesicht, dein Gesicht. Es zeigt mir so viele Geschichten, ich sehe sie vor mir, Bilder durchströmen mich. Die schräge Falte unter deinem linken Auge erzählt von leidvollen Momenten, die Lachfalten genau darüber lassen erahnen, wie viel Freude du deinen Liebsten und den Fremden in all den Jahren geschenkt hast. Ich wandere langsam weiter zu deinen glänzenden Augen. Ich sehe den Schmerz, den dir die Welt zugefügt hat. Aber gleichzeitig verbirgt sich hinter diesen Augen mehr. Liebe für mich, Liebe für das Leben. Denn du hast dich entschieden, wer gewinnt."

FEAR I ANGST
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"Ich treffe dich in Sindhupalchok. Kaum eine andere Region in Nepal wurde durch das Erdbeben so zerstört. Auf dem Weg zu dir fahre ich durch Dörfer, die dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Auch deine Familie lebt nun in einem Zelt, die Nachbarn in notdürftigen Holzverschlägen. Das ist euer neues Zuhause. Deine Geschwister, dein Vater und die Großeltern kauern unter einer kleinen Plane.

Seit deine Mutter gegangen ist, hast du noch mehr Furcht vor dem, was der nächste Tag wohl bringt. Wären die Medikamente rechtzeitig eingetroffen, säße sie noch neben dir. Ein Land in Trümmern, ein Leben in Trümmern."

PRIDE I STOLZ
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"Die heiße Asche der Zigarette fällt auf deine nackte Haut. Du schaust ernst, fast streng, während der Rauch langsam deinem Mund entweicht.

Ich bin in dein Dorf gekommen, um Lebensmittel zu verteilen. Die Kinder und Erwachsenen stürmen auf mich zu, reißen mir die vielen Tüten aus den Händen. Du aber bewegst dich nicht, schweigst, schaust mich nur unverwandt an.

Als ich mich schließlich einige Meter entfernte, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie du deiner Enkelin zufrieden über den Kopf streichelst und etwas zu ihr sagst. Du scheinst froh zu sein, dass sie heute nicht hungern muss. Für dich aber wäre es nie infrage gekommen, etwas anzunehmen.

Dein Stolz hat gesiegt."

SOLITUDE I EINSAMKEIT
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"Ich sitze mit meiner Familie beim Abendessen, spüre Heimat und Hafen. Plötzlich trifft er mich. Es ist nur ein kleiner, kurzer Stich in der Brust, und die Einsamkeit überkommt mich. Es ist eine Einsamkeit, die keine Erklärungen kennt. Ein Fremdsein mit der Welt, ein Unzufriedensein mit sich.

Das ist der Blick auf mich, auf mein Leben. Wenn ich in deine tiefen, glänzenden Augen schaue, dann sehe ich sie auch, diese Einsamkeit. Aber sie ist anders, sie ist keine Flucht vor der Welt, sie findet nicht mitten unter Liebsten statt, noch ist sie Überdruss. Deine Einsamkeit ist echt. Du bist hierher gekommen aus den Bergen, lebst nun unter einer windigen Plastikplane, die nur von ein paar dünnen Ästen getragen wird. Du bist alleine, hast alles und jeden verloren. Das ist wahre Einsamkeit, sagt mir dein Blick, während du mich musterst.

Danke, dass du mich erinnert hast."

HAPPINESS I FREUDE
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"Wer bist du, kleiner Junge? Ich weiß nicht, wie du heißt. Ich weiß weder, ob du deine Eltern durch das Erdbeben verloren hast, noch weiß ich, ob du die Nächte unter freiem Himmel verbringst musst, weil dein Haus nicht mehr steht.

Wo hast du die letzten Nächte verbracht, kleiner Junge? Deine ehemalige Schule gibt es nicht mehr, dein Unterricht findet im Freien statt. Was wird mit dir und deinen Klassenkameraden passieren, wenn der Monsun kommt? Euch Kindern in Nepal wurden bereits die Eltern und das Zuhause genommen. Wenn euch auch noch die Möglichkeit genommen wird, zu lernen, dann bleibt nicht mehr viel.

Eigentlich habe ich dir nicht viel mitgebracht, oder? Vier Hefte und zwei Stifte. Was ist das schon, frage ich mich. Aber deine Augen glänzen. Du strahlst mich glücklich und dankbar an. Könnt ihr euch vorstellen, alles in eurem Leben zu verlieren - außer eurer Menschlichkeit?"

GRATITUDE I DANKBARKEIT

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"Ich treffe dich in Bhaktapur. Du kauerst am Straßenrand, direkt neben einem Müllberg. Der Schmutz der Straße überzieht deine Haut wie ein leichter Film, die stinkenden Abgase der Autos kümmern dich offensichtlich schon lange nicht mehr. Außer der Kleidung an deinem Körper trägst du nichts bei dir.

Ich bleibe kurz stehen und starre dich an. Dann wandert mein Blick zu deinem Gesicht. Dein Kopf hebt sich, du siehst mich an. Selten haben mich so traurige und gleichzeitig hoffnungsvolle Augen angeblickt. Du erzählst mir auf Nepalesisch, was dir widerfahren ist. Dabei wird deine Stimme immer lauter, verzweifelter, klagender. Während du sprichst, bewegst du deine Hand zum Mund.

Ich verstehe deine Worte nicht, aber ich verstehe deine Bedürfnisse. Ich hole Kekse und Saft und reiche sie dir mit einem bisschen Geld, das ich noch übrig habe. Deine Augen beginnen zu glänzen. Du sprichst Gebete, segnest mich mit so viel Liebe. Noch nie hat mir jemand so viel ehrliche Dankbarkeit für so wenig geschenkt.

Wie ich später erfahre, hast du deine Habseligkeiten durch das Erdbeben verloren. Jetzt bist du allein. Ich habe dir nur ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt. Dafür hast du mir viel mehr über das Leben erzählt, als du jemals wissen wirst."

DIGNITY I WUERDE

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"Du sitzt auf den staubigen Stufen einer kleinen Tempelanlage. Die Beine im Schneidersitz, deinen Kopf nach unten gebeugt. Ich kann dein Gesicht kaum erkennen, kann nicht in deine Augen sehen.

Um dich herum herrscht absolutes Chaos. Jahrhunderte alte Tempelanlagen sind eingestürzt und haben über 200 Menschen unter sich begraben. Es ist der Lasku Dhwakha, das Herzstück von Bhaktapur. Und inmitten von Schutt und Asche, inmitten von Lärm und Dreck sitzt du hoch auf den Trümmern, erhaben wie eine Königin.

Ich mustere dich. Langsam hebst du deinen Kopf und blickst mich an. Du siehst gezeichnet aus, denn du hast alles verloren. Das ist die eine Geschichte, die mir deine Augen erzählen. Aber sie handelt nicht nur von Verlust. Du hast zwar dein Reich verloren, aber nicht deine Anmut, deine Würde und deinen Stolz."

HOPE I HOFFNUNG

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"Du starbst in dem Kleid, das ich dir noch wenige Wochen zuvor geschenkt habe. Du trugst es, während wir gemeinsam im Regen tanzten. Wenige Wochen vor deinem Tod besuchte ich dich in dem Heim, in dem du mit Kindern und älteren Menschen lebtest. Menschen, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Ohne Familie, ohne Unterkunft, ohne Zukunft.

Aber du schenktest mir dieses Lächeln. Ein Lächeln, das mir so vieles erzählte: eine Geschichte von Hoffnung, von Zuversicht, und von Stärke. Du hattest nichts, nicht wahr? Aber du warst glücklich. Dein Lächeln wird in der Welt bleiben, glaube mir. Ich habe es für immer festgehalten."

BEAUTY I SCHÖNHEIT

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"Das Erdbeben in Nepal hat Nuwakot dem Erdboden gleichgemacht. Ich verbringe die Nacht in einem ehemaligen Hühnerstall und bin froh, einen Schlafplatz zu haben. Von ursprünglich 300 Häusern steht noch eines. Diese Häuser waren die Zuflucht für Menschen - Menschen, die mit einer Armut zu kämpfen haben, wie wir sie nie kennen lernen werden.

Hier treffe ich dich. Wir sitzen nebeneinander auf einem Stein und beobachten deine Uroma. Sie ist 97 Jahre alt. Unermüdlich errichtet sie eine neue Mauer. Dabei gönnt sich dabei keine Pause, denn sie hat ein Ziel vor Augen, das über allem steht: ein Dach über dem Kopf.

Während wir gemeinsam auf der Wiese sitzen und deiner Uroma stundenlang bei ihrer harten Arbeit beobachten, erteilt sie mir eine wichtige Lektion. Eine Lektion über meine Welt, über deine Welt. Wir sollten aufhören, uns über Nichtigkeiten zu beklagen und uns grundlos unglücklich zu fühlen. Lasst uns unser Leben lieben. Denn es geht uns so verdammt gut."

FUTURE I ZUKUNFT

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"Ich bin in deine Notunterkunft inmitten der dreckigen und lauten Straßen Kathmandus gekommen, um dir und deiner Familie Plastikplanen für euer neues, bedrückendes Zuhause zu bringen. Hier lebt ihr jetzt schon viele Monate.

Ich spreche mit deiner Mutter, während sie müde und erschöpft auf einem Stein in der prallen Sonne sitzt. Sie ist gebrochen, gezeichnet von eurer gefährlichen Flucht aus den Bergen, wo euer Haus mit allen Habseligkeiten für immer von dem Erdbeben verschüttet wurde.

Du spielst mit deiner Schwester vor dem Zelt mit den Stöcken, die ihr in der umliegenden Gegend gefunden habt. Dein neues Leben ist noch trister und ärmer, als es in den Bergen Nepals war. Aber das scheint dir nichts auszumachen. Du rennst, du fällst, du kicherst. Deine Schwester hilft dir auf die Beine, und ihr spielt munter weiter.

Ich beobachte euch für einige Zeit, und ich verstehe, warum du kicherst, während deine Mutter leidet. Du schaffst es, die harte Realität für einen Augenblick auszublenden. Du schaffst es, den Moment zu leben. Du bist der Löwenzahn, der aus dem Riss im kalten Beton eurer Notunterkunft wächst. Du bist Zukunft."

Die Erlöse des Charity-Projekts "Faces of Nepal" fließen zu 100% an die Erdbebenopfer nach Nepal. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite.

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