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Ich ging jeden Tag an einem Flüchtling vorbei. Am 5. Tag tat er das

13/11/2015 19:55 CET | Aktualisiert 13/11/2016 11:12 CET
dpa

Auf dem Weg zur Arbeit sehe ich ihn. Jeden Tag. Der Mann sitzt auf den kalten Treppenstufen vor einem alten Gebäude. Immer zur selben Uhrzeit. Entweder tippt auf seinem Handy herum oder er telefoniert. Er sieht ernst aus.

Eines Tages halte ich die Neugier nicht mehr aus. Ich nähere mich dem Mann vorsichtig. Er lächelt mich sofort an. Ich frage, ob er gerade telefonieren wollte. „Ja", antwortet er. Ich setze mich zu ihm. Wir beginnen uns zu unterhalten.

Samba kommt meistens zur Mittagszeit hierher. Er setzt sich auf die Stufen, zieht sein Smartphone aus der Jackentasche, loggt sich in das Netz ein. Vor dem Bürogebäude gibt es WLAN. Es ist nicht mit einem Passwort geschützt.

Samba startet einen Messenger, mit dem man umsonst telefonieren kann. Und scrollt solange nach unten, bis er den Namen Mareme liest.

Mareme ist seine Mama. Sie sitzt vermutlich im gleichen Moment in der Küche einer kleinen, spärlich eingerichteten Wohnung, irgendwo im ländlichen Senegal. Sie wartet wie jeden anderen Tag darauf, dass ihr Sohn sie anruft. Über 4500 Kilometer trennen die beiden voneinander.

Samba kam erst vor 25 Tagen nach Deutschland. Seine Reise begann aber schon im Oktober vor vier Jahren. Damals verließ er den kleinen westafrikanischen Staat und damit auch seine Familie: Mareme, seinen Vater Aliou und seine Geschwister Assan und Mamel.

Er kam für ein besseres Leben, sagt er mir. Ein Satz, den man in den vergangenen Monaten immer wieder liest und hört. In Senegal gab es nichts für ihn. Keine Arbeit, keine Perspektive. „Vor allem gab es dort keine Option meinen größten Traum zu verwirklichen. Zu studieren."

Nun sitzt er in München mit seinem Smartphone in der Hand - tagein, tagaus. Er ruft seine Familie zu Hause immer an. „Seit vier Jahren bin ich unterwegs. Es gab keinen Tag, an dem wir nicht telefonierten", erzählt Samba.

Nicht nur die Tatsache, dass er seit so langer Zeit keinen Tag verstreichen lässt, ohne die Stimmen seiner Familie zu hören, beweist, wie sehr er unter der Trennung leidet.

Es ist mehr. Denn während er das sagt, beginnen seine Augen zu glänzen. Und ich lese ihn ihnen so viel Liebe und Sehnsucht, dass ich mich kaum noch auf unser Gespräch konzentrieren kann. Er neigt den Kopf nach unten, wir schweigen einige Minuten. Gemeinsam.

Langsam blickt er wieder auf und fährt fort: „In all den Jahren habe ich meiner Familie nie die Wahrheit gesagt. Nie. Ich habe nicht verraten, wie elend ich mich wirklich fühle. Dass ich an manchen Tagen so sehr Hunger hatte. Dass ich keinen sicheren Platz zum Schlafen hatte. Und dass ich schrecklich verzweifelt bin."

„Warum", frage ich. „Weil ich sie liebe", antwortet er leise.

Bevor ich auf aufstehe, stelle ich Samba eine letzte Frage. Ich möchte wissen, wie er sich seine nächsten Wochen und Monate in Deutschland vorstellt. Was sein Traum ist.

„Ich habe heute Morgen mit einem Freund gesprochen und ihm gesagt: ‚Heute Abend werde ich mich entscheiden - entscheiden müssen. Entweder gehe ich zum Amt und bitte um Asyl. Oder ziehe ich weiter in anderes Land", erklärt er.

Ich frage ihn, was das denn für ein Land sein soll. Samba erklärt mir, dass er die Namen der Länder in Europa nicht kenne. Er werde einfach im Internet danach suchen, wo er die besten Chancen als Flüchtling hat. Nicht auf Geld vom Staat, sondern auf die Chance, eine Universität zu besuchen und arbeiten zu dürfen. Eigentlich kein großer Wunsch, denke ich mir.

Wir verabschieden uns. Ich weiß nicht, ob ich Samba wiedersehen werde. Oder ob er morgen schon in sein neues Land der Hoffnung aufgebrochen ist.

Aber wenn ich morgen wieder an den Treppenstufen mit dem kostenlosen Internet vorbeigehe und dort einen anderen Flüchtling sitze sehe, werde ich besser verstehen, warum er dort sitzt.

Es wird nicht mehr nur ein herumlungernder Flüchtling mit einem Smartphone in den Händen sein. Sondern ein liebender Sohn, eine Mutter mit Sehnsucht oder ein Vater, der seine Familie zurücklassen musste.

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Umgekehrte Welt: Was wäre, wenn wir auf einmal Flüchtlinge wären?

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