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Tödlicher Fokus

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CAMERAS RED CARPET
Caiaimage/Tom Merton via Getty Images
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Das grelle Scheinwerferlicht blendete nicht ansatzweise so stark wie die Bilder in Marike Lessings Kopf. Sogar ihr Lampenfieber verblasste angesichts der konzentrierten Anstrengungen, nichts von dem nach außen dringen zu lassen, was in ihr an Verstörung und Angst tobte.

Sie lächelte den Moderator an, dem sie gegenübersaß, und zwinkerte mit professioneller Fröhlichkeit in die Kamera. Der Schweiß juckte unter der dicken Puderschicht auf ihrem Gesicht, aber Marike faltete ihre Hände lässig vor dem Bauch, das linke Bein über das rechte geschlagen, die Ellbogen auf den Armlehnen des roten Sessels. Alle wollten sie als Opfer sehen, aber sie bestimmte, was für eines sie sein würde.

Sie hielt ihre Finger bewusst von der Perücke fern, die die Maskenbildnerin in der Garderobe mit viel Haarspray fixiert hatte. Akkurat umrahmten die braunen Locken ihr Gesicht. Wenn sie wieder zu Hause wäre, würde sie sich ein langes Bad gönnen, um die ganze Chemie und alles andere aufzuweichen und wegzuspülen.

Seit zehn Minuten beantwortete sie Fragen über Wege zu gehen, den Film, der sie endlich auf die große Leinwand brachte. Keine dieser Fernsehproduktionen, die das Abendprogramm irgendwelcher Sender füllten - nein, ein richtiger Kinofilm.

Diesen Erfolg würde ihr kein Psychopath der Welt zerstören.

Auf eine Bemerkung des Moderators hin warf sie den Kopf in den Nacken und lachte herzlich. Die Menschen mochten ihre fröhliche Art. Marike bezauberte, und das tat sie gern. Deswegen war sie Schauspielerin geworden. Wenn sich die Zuschauer von ihr unterhalten fühlten, sie Emotionen bei ihnen anstieß oder sie zum Lachen brachte, war sie vollkommen zufrieden gewesen mit sich selbst - und genau das würde sie wieder sein, das hatte sie sich fest versprochen.

Diese Zufriedenheit war brutal erstickt und durch Angst und Paranoia ersetzt worden, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis die seelischen Wunden verheilten.

Sie sah den Moderator an, der von ihrem Management genaue Vorgaben erhalten hatte, was er fragen durfte und was nicht. Er schäkerte mit ihr. Trotz allem, was er über ihre Traumata wusste, würde er sie wahrscheinlich anmachen und flachlegen wollen, wenn sie nicht gerade vor laufenden Kameras und einem Live-Publikum gesessen hätten.

»Es heißt«, setzte er an, »Sie seien bei Ihren Fans besonders beliebt wegen Ihrer offenen und herzlichen Art. Ein Star zum Anfassen. Mit Ihrem ersten großen Film wird das Interesse an Ihrer Person sicher steigen. Wie gehen Sie damit um?«

Bilder durchbrachen kurz den Wall ihrer Konzentration. Sie spürte, wie kleine Muskeln in ihrem Gesicht verräterisch zuckten. Auch wenn sie es schnell mit einem Lächeln überspielte und den Blick auf ihre Finger senkte, irgendwer hatte es sicher bemerkt. Sie entdeckte einen winzigen dunklen Punkt auf ihrem buntgemusterten Kleid und legte einen Finger darüber.

»Wissen Sie, Herr Marberg, man kann nicht allen gerecht werden, ich kann nur mein Bestes versuchen.«

Im Publikum klatschten ein paar Zuschauer, der Rest schien mit ihrer ausweichenden Antwort weniger zufrieden zu sein. Ungefähr 50 saßen dort irgendwo hinter der Wand aus Licht.

Aber beobachtet fühlte sie sich von einer anderen Stelle aus. Sie widerstand dem Impuls, sich umzudrehen. Wenn da niemand stand, hieß es nicht, dass da tatsächlich niemand war.

»Erzählen Sie unserem Publikum, wie alles begann.«

Wie alles begann. Marike atmete tief durch. Eine schwierige Frage, denn ihre Gedanken waren noch zu sehr damit beschäftigt, wie alles geendet hatte ...

Ein Buchauszug aus dem Thriller "Tödlicher Fokus"