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Ich bin Krankenschwester - ihr werdet nie verstehen, was das wirklich heißt

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Ich bin kein Engel

Ich sitze hier und beginne mit einem leeren Computerbildschirm, erfüllt von stiller Sorge. Es ist einfach so, dass ich so viel über die neunzehn und mehr Millionen Krankenschwestern auf diesem Planeten zu sagen habe - und nicht genug Zeit der Welt, um all das auszusprechen.

Sie sind mein Team. Sie sind meine Truppe. Sie sind meine Familie - eine vollkommen dysfunktionale, aber eine Familie. Ich glaube, dass es wenige Berufe gibt, in denen Kollegen im einen Moment schrecklich irritiert sein können und im anderen schon wieder Witze reißen.

Es ist bekannt, dass unsere tägliche Arbeit uns zu den Elitesoldaten der Gesundheitsberufe macht. Diese Aussage allein lässt vermuten, dass Krankenschwestern in einer der stressigsten Umgebungen arbeiten, in denen sie mehr heftige Situationen erleben, als manch anderer während seines ganzen Lebens.

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Was wir jeden einzelnen Tag tun, ist aus Liebe zu arbeiten. Aber wir teilen alle ein gemeinsames Geheimnis: Krankenschwestern sind keine Engel, die auf die Erde gesandt wurden, um zu dienen und zu tragen. Wir sind winzige und unterwürfige und sanftmütige Seelen, die sich liebevoll kümmern.

Wir sind keine gestärkten, weißen Häubchen und perfekt polierte Schuhe, wie sie in Geschichtsbüchern dargestellt werden. Noch sind wir Netzstrümpfe und unanständige Dates in dunklen Ecken. Wir wurden verherrlicht und zu einem Fetisch gemacht und wie kein anderer Beruf auf ein Podest erhoben, und dennoch wird die Definition dessen, was wir sind, von der Liste übertroffen, was wir nicht sind.

Unser schmutziges kleines Geheimnis

Viele werden nie den Umfang dessen verstehen, was wir während jeder einzelnen unserer Schichten leisten. Sie können sich nur vorstellen, dass es ein schwieriger Beruf sein muss (obwohl sie niemals das Gewicht unserer Füße, die Schmerzen in unseren Rücken und am Ende auch den Schmerz in unseren Herzen fühlen werden).

Einige werden sagen „Ich wollte mal Krankenschwester werden, aber ich könnte das einfach nicht." Wir lächeln und sagen dann, ohne zwei Mal nachdenken zu müssen, irgendetwas wie „Ja, es ist ein harter, aber auch ein guter Job", mit dem Wissen, dass die meisten Menschen niemals ertragen könnten, was wir tagtäglich durchmachen.

Andere mögen uns vielleicht sagen, wie intelligent wir sind und bestehen darauf, dass wir Medizin studieren, um Ärzte zu werden. So sehr wir Ärzte auch respektieren, möchten die meisten von uns selbst keiner werden. Die Verbindungen, die wir herstellen und die Unterschiede, die wir in den Leben unserer Patienten bewirken, sind die vielen Fallstricke und Opfer in unserem Alltag wert.

Niemand von ihnen ist in unser Geheimnis eingeweiht. Patienten und Familien, Ehemänner und Ehefrauen, Eltern und Kinder, Kollegen und Freunde: Auch wenn sie es versuchen, werden sie niemals die geistige und körperliche Tragweite verstehen, die man bei einer Krankenschwester verlangt.

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Manche mögen diese Aussage infrage stellen - wie hart kann das schon sein? Sind es nicht nur drei Schichten pro Woche? Werden Überstunden nicht bezahlt und bekommt man nicht jährliche Prämien? Es ist härter, als sie es sich je vorstellen könnten. Es ist rauer und realer, als sie es sich erträumen. Wenn aber etwas wirklich Unglaubliches passiert und wir daran teilhaben, dann wird der Beruf der Krankenschwester zu einer unvergleichlichen Droge.

"Was für ein Wunder", werden Familien schreien.

"Die Arbeit moderner Medizin", werden die Ärzte erklären.

Und die, die das Geheimnis kennen oder die zumindest misstrauisch sind, verstehen, dass kein Wunder ihr geliebtes Familienmitglied gerettet hat. Vielmehr war es die Absicht und wachsame Pflege einer kritisch denkenden, intuitiven und zutiefst aufopferungsvollen Krankenschwester.

Unser Geheimnis ist, dass wir mehr Leben retten, als wir zuzugeben bereit sind; wir fangen mehr Fehler ab, als wir zu teilen vermögen; und wir spüren diese feinen Nuancen, die verhindern, dass sich etwas zum Schlechten wendet. Der Beruf der Krankenschwester wird oft als ein bescheidener Beruf angepriesen - ein Leben im Dienste für andere, durch altruistische Leidenschaft.

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Dennoch sind wir hier, mit unserem schmutzigen kleinen Geheimnis: unser dreckiges Mundwerk; unser schwarzer Humor und unsere sarkastischen Empfindungen; abfällig, frech und klug - spüren Sie das? Oh nein, wir sind keine Nonnen in Krankenschwestern-Uniform! Wir können bissig sein. Niederträchtig. Wir können unsere Jungen verschlingen und unseren guten Ruf zerstören - wir sind nicht die perfekten Bilder, die Sie sich vorgestellt haben - wir sind weit davon entfernt.

Wir sind Menschen

Wir sind Menschen. Wir machen Fehler. Wir tragen Kämpfe aus. Wir werden emotional. Und das müssen wir auch. Weil wir uns jeden Tag mit unseren eigenen Identitäten auseinandersetzen, nicht nur als Mann und Frau, sondern auch als Pfleger und Krankenschwester - definiert durch eine Rolle, die wir wie ein Ehrenabzeichen tragen, das jedoch das Potential hat, zu einer Last zu werden.

Wir befinden uns in einem ständigen Kriegszustand: mit der Einrichtung; mit Krankheiten; mit Angelegenheiten von Leben und Tod; mit unseren Kollegen und unseren Familien und uns selbst. Was wir auf uns nehmen, wenn wir jeden Morgen oder Abend zur Arbeit kommen, ist sehr viel mächtiger als nur ein Job - es ist der Kampf, 99 Prozent von sich für andere zu geben, ohne dabei jemals das letzte Prozent von einem selbst zu verlieren.

Wir sind Menschen. Wir sind nicht unfehlbar. Wir trinken zu viel. Wir rauchen zu viel. Wir essen Süßigkeiten zum Abendbrot. Wir lassen es an Ihnen aus, weil wir niemanden sonst haben, bei dem wir unser Päckchen abladen können. Wir befinden uns in einem der wenigen Berufe, in dem ein Notfall wahrhaftig und ehrlich ein Notfall ist - alles andere sind nur Details.

Und während wir uns für unsere Unzulänglichkeiten entschuldigen und uns unser Verhalten leid tut; und während wir hoffen, dass wir uns tagtäglich zu mitfühlenderen und geduldigeren Menschen entwickeln, entschuldigen wir uns nicht dafür, Krankenschwestern zu sein.

Nehmen Sie uns, wie wir sind, wie wir alle sind - mit der Schönheit und der Bürde - mit Haut und Haar. Denn wir haben es uns nicht ausgesucht, so zu sein. Auch wenn Sie irgendwie dagegen ankämpfen: Die Berufung, Krankenschwester zu werden, wird Sie ereilen.

Sie wird Ihnen bis ins Mark sickern. Sie wird in Ihre Seele eindringen. Sie werden Teile von sich opfern, um vollkommen Fremde zu beschützen und es fühlt sich wie etwas vollkommen Rationales an.

Es ist aber nicht rational. Es grenzt an Wahnsinn. Wir alle sind einen Hauch zu neurotisch; ein klitzekleines bisschen zu sehr Typ A; ein bisschen zu fürsorglich und ein wenig zu eigennützig.

Ich habe Karrierechancen in einem Beruf mit normalen Arbeitszeiten hinter mir gelassen, um dem nachzugehen, was mich berufen hat. Ich habe es ignoriert, ich habe dagegen angekämpft, aber die Krankenschwester hat sich in mir ausgebreitet und mich äußerlich umhüllt. Und jetzt? Ich werde niemals die alte sein.

Ich befinde mich an der Grenze zum Wahnsinn. Ich bin ein kleines bisschen irrational. Ich bin absolut neurotisch. Ich bin extrem aufopferungsvoll. Ich bin eine Frau, eine Ehefrau. Ich bin eine Tochter. Ich bin eine Freundin. Aber neben all dem bin ich vor allem eins: Ich bin ganz selbstverständlich Krankenschwester.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Ramona Biermann aus dem Englischen übersetzt.

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