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Pflege in den eigenen 4 Wänden - und woran es öfter scheitert

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„Ambulant vor stationär" ist ein Grundsatz, den man immer wieder hört, wenn es um die Behandlung von Krankheiten, als auch um die Versorgung von Pflegefällen geht.
Dies ist ein wohlgemeinter Ansatz, der den Betroffenen so selbständig wie möglich in seiner „gewohnten Umgebung" belassen möchte. Das ist jedoch zu einem nicht unerheblichen Anteil heute oft nicht mehr umsetzbar, was auch auf die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte zurückzuführen ist.

Familien leben heute oft weit verstreut auseinander, was u.a. auch durch entsprechende Jobangebote, Weiterbildungsangebote und andere Gründe bedingt ist. Die alten Eltern wohnen in München und die Kinder wohnen in Frankfurt, Berlin oder Hamburg. Heute ist es in Partnerschaften und auch Familien üblich, daß in der Regel beide Partner berufstätig sind und auf den Doppelverdienst auch angewiesen sind. Zu früheren Zeiten war es öfter der Fall, daß die „nicht berufstätige Hausfrau" einen Großteil der Versorgung pflegebedürftiger, naher Angehöriger übernommen hat.

Räumliche Distanz und „Zeitmangel" sind heute oft eine Hürde für die Umsetzung einer Versorgung zu Hause.

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Was zu beachten ist

Natürlich gibt es eine Großzahl an ambulanten Pflegediensten, die bestimmte Versorgungspunkte übernehmen können. Doch auch hier werden Kapazitäten bereits knapp, da diese bei steigenden Anfragen „kaum mehr hinterher kommen". Examinierte Pflegekräfte werden vielerorts dringend gesucht. Auch wenn das Angebot der ambulante Dienste vielfältig und professionell ist und diese auch oft flexibel auf die individuelle Situation des Betroffenen eingehen, bleibt ein Knackpunkt:
die Koordination der Versorgung und der Schriftverkehr, der damit verbunden ist.

Hat der Pflegebedürftige noch selber Überblick über die eingehenden Rechnungen u.a. des Pflegedienstes und deren fristgerechte Überweisung, sowie wann wieder ein Arztbesuch „fällig" ist, um das benötigte Anschlussrezept für den Pflegedienst, sowie entsprechende Verordnungen für Verbandmittel, Einlagen oder Medikamente zu bekommen, ist alles noch gut zu organisieren.
Hat der Betroffene aber keinen Überblick mehr und ist nicht in der Lage „sich selbst zu organisieren" und auch keine weitere Person in unmittelbarer Nähe, die dies übernehmen kann, wird eine häusliche Versorgung sehr schwierig. Nicht zu vergessen, daß das Budget für häusliche Pflege auch begrenzt ist, obwohl es durch das Pflegestärkungsgesetz erhöht wurde. Bei Pflegegrad 2 nach dem neuen Pflegestärkungsgesetz beträgt das Pflegegeld 316 EUR/monatlich bzw. alternativ Pflegesachleistungen in Höhe von 689 EUR/monatlich.

Abgesehen von der pflegerischen und medizinischen Versorgung ist nicht zu vergessen, daß auch alle Dinge rund um den Haushalt organisiert werden müssen. Die meisten Pflegefälle sind oft eingeschränkt bis zum Teil gar nicht mehr mobil. Einkauf, Wohnungsputz und Wäsche müssen erledigt werden - auch Schriftverkehr mit Ämtern, Pflegekasse etc. ist zu regeln.
Da eine häusliche Versorgung praktisch aus o.g. Gründen (keine nahen Angehörigen "vor Ort", doppelte Berufstätigkeit) öfter nicht umsetzbar ist, wird die Heimunterbringung in unserer heutigen Gesellschaft eher zunehmen. Und hier zeigt sich das „Pflegedilemma".

Ausblick in die Zukunft?

Die zukünftigen Renten sehen eher mager aus; bisher betrug der Eigenanteil bei Heimunterbringung mit alter Pflegestufe1 (jetzt Pflegegrad 2) aber im Durchschnitt ca. mindestens  1.550 EUR. Die Form der stationären Versorgung hat also eher zunehmende Tendenz, während die Renten eher abnehmend sind.

Durch das in diesem Jahr in Kraft getretene Pflegestärkungsgesetz wurde aber der durch die Pflegekasse zu übernehmende Heimanteil für die ehemalige Pflegestufe 1 (jetzt in der Regel Pflegegrad 2) von 1.064 EUR auf 770 EUR gesenkt (Differenz von 294 EUR).
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation unter dem neuen Pflegestärkungsgesetz entwickelt und wie die stationären Pflegeeinrichtungen in ihrer Kostenplanung darauf reagieren werden.

Lesenswert:

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