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Vegane und vegetarische Kinder: Sollten sie nicht selbst entscheiden?

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LITTLE GIRL EATING VEGETABLES
evgenyatamanenko via Getty Images
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Kinder, die in unserer heutigen Gesellschaft aufwachsen, haben es vergleichsweise gut: Noch nie durften sie sich so autonom und selbstbestimmt entwickeln wie heute. Und somit werden Eltern, die ihre Kinder vegetarisch oder vegan ernähren, immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob sie ihren Kindern damit eine Lebensweise aufzwingen, für die diese sich nicht selbst entschieden haben.

Oft sind es auch vegetarische Eltern, die ihren Kindern diese Entscheidung vermeintlich selbst überlassen wollen und (nicht selten auf Druck der Verwandtschaft) ihre Kinder essen lassen, was sie wollen. Aber ist das wirklich so? Lassen andere Eltern ihre Kinder essen, was sie wollen? Und stülpen Eltern, die sich für eine vegane oder vegetarische Ernährung für die ganze Familie entscheiden, ihren Kindern die eigene Überzeugung über?

Eltern sagen grundsätzlich, wo es lang geht

Fakt ist, dass fast jede Form von Erziehung eine Direktive seitens der Eltern impliziert: Eltern sagen grundsätzlich, wo es lang geht. Die meisten Eltern überlassen dem Kind nicht die freie Entscheidung darüber, ob es einem anderen Kind die Schippe über den Kopf zieht.

Sie lassen es nicht so lange fernsehen, wie es will und in der Regel kann es auch nicht entscheiden, ob es statt des Gemüses beim Abendessen lieber Schokolade wählt. Selbst liberale Eltern nehmen ihrem Kind jeden Tag eine Vielzahl von Entscheidungen ab und das ist gut so! Kinder sind Kinder und Eltern sind Eltern.

Es gibt Dinge, die wir einfach besser wissen (zum Beispiel, dass wir lieber die Grünphase einer Ampel abwarten, um über die Straße zu gehen oder, dass Seifenblasenflüssigkeit kein geeigneter Durstlöscher ist). Und wir haben Vorstellungen davon, was ein gutes oder ein richtiges Leben ausmacht und die projizieren wir auf unsere Kinder.

Das ist nur natürlich! Es gibt Dinge, die wissen wir als Eltern einfach besser als unsere Kinder. Aber wieso ist da der Fokus eigentlich auf der Ernährung? Wieso werde ich, als vegane Mutter, immer wieder gefragt, was ich tun würde, wenn mein Kind mal Fleisch essen würde?

Warum interessiert es niemanden, was ich, als antimilitaristisch eingestellte Mutter, tun würde, wenn mein Kind zur Bundeswehr gehen will? Und möchte wirklich niemand wissen, was ich als politisch progressive Mutter tun würde, wenn mein Kind in der Wahlkabine sein Kreuzchen neben der CDU machen wollte?

Es geht nicht nur um die Entscheidung zwischen Tofu und Fleisch

Worum es bei der veganen Ernährungsweise geht, ist nicht die bloße Entscheidung zwischen Tofu und Rinderhack. Es geht um viel mehr, nämlich um Werte. Ich bin der festen Meinung, dass es nicht richtig ist, Tieren ein Leben aufzuzwingen, vor dem sie weglaufen würden wenn sie nur könnten.

Ich bin gegen Gewalt, Ausbeutung und Herrschaft, deshalb lebe ich vegan und deshalb ernähre ich auch mein Kind vegan. Aber ich bin auch gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, Rückständigkeit und deshalb wird es zur gegebenen Zeit auch Gespräche darüber geben, warum ich eine Partei wähle und nicht die andere.

Ich vermittle meinem Kind die Bedeutung von Mitgefühl für andere Lebewesen, von Achtsamkeit gegenüber unserer gesamten Umwelt. Jede Ameise, jedes Huhn, jeder Fisch ist ein Leben für sich und ist wichtig.

Ich vermittle meinem Kind Werte

Jeder Mensch mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ist wichtig und verdient Anerkennung und Respekt. Ich erkläre meinem Kind, wie ich die Welt sehe, ich finde das wichtig – wer sollte das sonst tun? Mein homophober Nachbar? Ich erkläre meinem Kind, wie ich die Welt sehe, ich finde das wichtig.

Wer sollte das sonst tun? Das Ding ist doch, dass selbst die Eltern, die ihre Kinder Fleisch und Tierprodukte essen lassen, weil sie finden, das Kind sollte selbst entscheiden, was es isst, ihren Kindern die Entscheidung selbst abgenommen haben: Sie haben für ihre Kinder entschieden, dass es Fleisch und Tierprodukte isst. Es handelt sich dabei nicht um autonomere Kinder, es sind Kinder, sie essen, was man ihnen vorsetzt.

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Mein Kind wird seinen eigenen Weg gehen – zur gegebenen Zeit. Und selbst bis dahin erwarte ich von meinem Kind keinen Gehorsam. Selbst an roten Ampeln arbeite ich nicht mit Verboten, ich habe mit ihm darüber gesprochen, immer wieder und jetzt, mit zweieinhalb, ruft es schon selbst „Stopp!“, wenn wir uns einer roten Ampel nähern.

Ich glaube, er weiß noch nicht so ganz genau warum. Mein Sohn ist noch klein, er kann die Konsequenzen seines Handelns meistens nicht überblicken. Aber das ist okay, dafür bin ich ja da.

Der Beitrag erschien zuerst auf Tofufamily.de.

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