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Rassismus, Sexismus und Stereotype in Kinderbüchern: Was ich meinem Kind nicht vorlese

20/11/2017 18:00 CET | Aktualisiert 21/11/2017 10:48 CET
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Meine kleine Nachbarin (8, hellblond, hellgrauäugig) fragte mich neulich, wie es denn eigentlich komme, dass ich als "dunkler Mensch" mit einem "hellen Mensch" verheiratet sei und wir zusammen auch noch ein Kind hätten.

Das meinte sie gar nicht böse oder wertend - sie fand es einfach nur seltsam: Für ihre Begriffe gehörte das nicht zur Normalität. Ich weiß, dass ihre Eltern ihr diese Sicht nicht beigebracht haben; ihre Mutter hörte aus einiger Entfernung mit, war total entsetzt und entschuldigte sich bei mir für die Aussage ihrer Tochter.

Aber irgendwoher hat das Mädchen ihre Wahrnehmung von Normalität - und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Medien, zu denen unsere Kinder Zugang bekommen, diese Wahrnehmung maßgeblich prägen.

Es ist wichtig, dass wir uns klar machen: Die Medien - genauer gesagt die Darstellungen darin mitsamt der darin verwendeten Sprache - sind die Mit-Erzieher unserer Kinder.

Oft lese ich meinem Kind nicht das vor,

was da steht

Und deshalb gucke ich genau hin, was ich meinem Kind vorlese - und oft lese ich meinem Kind eben nicht das vor, was da auf den Seiten geschrieben steht, weil da Dinge als Normalität dargestellt werden, mit denen ich nicht einverstanden bin.

Ich lese meinem Kind explizit andere Bücher vor, in denen nämlich eine Normalität sichtbar sein darf, die unserer Wirklichkeit viel mehr entspricht, als zum Beispiel die Darstellung von Vater-Mutter-Kind als "normales" Familienmodell.

Mehr zum Thema: Wenn ihr euren Kindern jeden Tag 15 Minuten vorlest, haben sie später bessere Noten - und nicht nur in Deutsch

Ein paar dieser Kinderbücher, die ich empfehlenswert finde, liste ich weiter unten auf. Aber jetzt erst einmal ein paar der Dinge, die ich in unserer Gesellschaft verändert haben will, und damit fange ich an, indem ich sie meinem Kind nicht beibringe. Zum Beispiel:

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Aus: „Mehr von uns Kindern aus Bullerbü" von Astrid Lindgren

"Obgleich Swipp fast so klug ist wie ein Mensch und viel klüger als ein Mädchen - sagt Lasse."

Immer dieser Lasse! Oles Hund Swipp ist seiner Meinung nach also klüger als ein Mädchen. Ausnahmsweise fällt Lasse damit aber mal gar nicht so sehr aus dem Rahmen. Denn auch in Wirklichkeit halten selbst Mädchen Mädchen für nicht besonders klug. Und das bereits ab einem Alter von etwa sechs Jahren, wie eine Studie herausfand.

Manche Sätze kann man beim Vorlesen weglassen

Woran das wohl liegen mag? Vielleicht tragen Kinderbücher, in denen behauptet wird, Hunde seien schlauer als Mädchen, dazu bei? Manche Sätze kann man beim Vorlesen einfach weglassen, oder nicht?

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Aus: „Mehr von uns Kindern aus Bullerbü" von Astrid Lindgren

"Das sind fünf schwarze N* in einer dunklen Kammer", lachte Lasse.

Mir wird echt ein bisschen schlecht, wenn ich das lese. Ich weiß, es gibt nach wie vor viele Menschen, die beim N-Wort nichts finden, die sich zum Beispiel auch standhaft weigern, Schaumküsse zu sagen oder es einfach nicht für wichtig genug erachten, ihre Sprachgewohnheiten zu ändern.

Menschen, die ich so etwas sagen höre, sind immer und ausschließlich Weiße Menschen. Und die wissen vielleicht einfach nicht, dass es nichts mit Political Correctness zu tun hat, auf dieses Wort zu verzichten, sondern damit, dass das N-Wort ein Schmerzwort ist.

Das tut den meisten Menschen, die damit gemeint sind, richtig weh. Denn dieses Wort wird seit Jahrhunderten - bis heute! - verwendet, um Schwarze Menschen auf abwertende, herabwürdigende Weise zu bezeichnen.

Und du kannst davon ausgehen, dass die meisten Schwarzen Menschen, die du kennst, dieses Wort schon seit dem Kindesalter direkt als gegen sie gerichtete Beleidigung gehört haben.

Und dann passiert in diesem Satz noch etwas anderes: Es hört sich so an, als seien Schwarze Menschen irgendwie "anders" und richtet den Fokus der Wahrnehmung Schwarzer Menschen auf ihre Hautfarbe.

Es macht keinen Unterschied, welche Hautfarbe ein Mensch hat

In Wirklichkeit macht es nämlich einfach mal keinen Unterschied, welche Hautfarbe ein Mensch hat, der in einer dunklen Kammer steht - schließlich würde man sogenannte Weiße Menschen in einer dunklen Kammer genauso wenig sehen.

Das ist deshalb problematisch, weil das eine zentrale Erfahrung von People of Color ist: dass sie nicht primär als MenschMensch gesehen werden, sondern als HautfarbenMensch. Und dass ihnen aufgrund ihrer Hautfarbe ständigständigSTÄNDIG Eigenschaften, Fähigkeiten oder Zugehörigkeiten ab- oder zugesprochen werden ("Schwarze haben den Rhythmus einfach im Blut", "Sie können aber gut Deutsch!", "Und woher kommen Sie wirklich?").

Ich bin ganz sicher: Damit Kinder Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe unterscheiden, müssen wir ihnen erst einmal beibringen, die Hautfarbe als Unterscheidungsmerkmal wahrzunehmen.

Auf zuckersüße Weise hat uns das der kleine Jax (links im Bild) gezeigt, der unbedingt den gleichen Haarschnitt wie sein Freund Reddy (rechts im Bild) haben wollte, damit der Lehrer sie nicht auseinanderhalten kann und sie ihm damit einen Streich spielen können:

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Ich wünsche mir, dass wir nicht schon unsere Kinder darauf trainieren, Menschen als Hautfarbe wahrzunehmen. Und deshalb lese ich meinem Kind an dieser Stelle immer vor: "Das sind fünf Menschen in einer dunklen Kammer", lachte Lasse.

Übrigens: Ich verwende in diesem Text ausschließlich die Begriffe "Schwarze" oder "People of Color" für Menschen mit Rassismuserfahrung.

Um hervorzuheben, dass es sich bei den Begriffen "Weiß" oder "Schwarz" in Bezug auf Hautfarben nicht tatsächlich um Farbadjektive handelt (denn objektiv sind Weiße genauso wenig weiß wie Schwarze schwarz sind), sondern um ein Konstrukt von Identität, zugeschriebener Zugehörigkeit und Selbstbezeichnung, werden diese Begriffe groß geschrieben.

Wenn auch dir eine achtsame, diskriminierungsarme Sprache wichtig ist, du dir aber manchmal unsicher bist, möchte ich dir den Leitfaden für rassismuskritischen Sprachgebrauch ans Herz legen.)

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Aus: „Zusammen!" von Daniela Kulot

"Ob zickig oder nett - einerlei im Bett"

Eigentlich finde ich "Zusammen!" von Daniela Kulot super! Es ist ein total süßes Buch für Kinder ab zwei, mit lustigen kurzen Reimen, in dem Gemeinschaft im Vordergrund steht, und es egal ist, wie man aussieht oder was man kann oder nicht kann oder so.

Ich habe es auf der Suche nach Kinderbüchern entdeckt, in denen die Vielfalt unserer Gesellschaft abgebildet wird: Hier kommen Kids of Color und auch ein Kind im Rollstuhl ganz selbstverständlich vor, ohne dass das sie als solche eine Rolle spielen oder das thematisiert würde; sie sind einfach da, weil sie da sind - Inklusion in Vollendung!

Deshalb passt es eigentlich sehr gut weiter unten in die Liste der Bücher, die ich für empfehlenswert halte. Nur an dieser einen Zeile störe ich mich schon sehr, und zwar aus einer Grundsätzlichkeit heraus.

Immer wenn ich höre, wie Eltern ihre Töchter (!) als zickig oder Zicke bewerten, rollen sich mir die Zehennägel hoch. Frauen oder Mädchen sind nämlich immer dann "zickig" wenn sie: sich durchsetzen wollen, schlechte Laune haben, sich beschweren, streiten, anecken, meinungs- und willensstark, unangepasst oder ungehorsam sind.

Ich habe ja gerade mit meinem fabelhaften Mann gebrainstormt, was ihm zum Wort "Zicke" einfällt, und er sagte: "Ja zum Beispiel im Streit, wenn die Frau nicht nachgeben will. Oder widerspenstig ist. Oder eigensinnig." Ja! Genau!

Im Grunde verwenden wir diesen Begriff, wenn Mädchen oder Frauen nicht die warmherzigen, nachgiebigen, entspannten Wesen sind, die uns das Leben möglichst einfach machen.

Wenn ein Mädchen oder eine Frau sicher gehen will, niemals als Zicke bezeichnet zu werden, muss sie im Grunde den Mund halten, und immer schön das machen, was ihr Umfeld von ihr erwartet.

Weil das Mädchen im Bild so aussieht, als würde sie sich gerade über etwas ärgern, lese ich an dieser Stelle vor: "Ob sauer oder nett - einerlei im Bett".

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Aus: „Schnuddelbuddel sagt Gutnacht" von Janosch

"Jeden Morgen geht Schnuddelpapa zum Arbeiten, weil er der Vater ist."

Ich habe keine Lust auf Klischees

Ich liebe ja Janoschs Schnuddelbuddel-Geschichten und dieses kleine Büchlein konnte ich als Kind AUSWENDIG. Gleichzeitig habe ich keine Lust auf Klischees. Und deshalb lasse ich beim Vorlesen "weil er der Vater ist" einfach weg.

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Aus: „Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren

Natürlich, die Kolonialzeit ist längst vorbei - aber sie wirft einen sehr, sehr langen und sehr, sehr hässlichen Schatten. Früher fand man (also wenn man weiß war) gar nichts dabei, in Gebiete, in denen Schwarze lebten, einzudringen und deren Bodenschätze und die Bevölkerung auszubeuten - das war Normalität.

Sklavenhandel wäre nicht möglich gewesen, ohne das systematische und grundsätzliche Abwerten Schwarzer Menschen. Weil Schwarze Menschen als Untermenschen betrachtet wurden, war es erst möglich, sie wie Gegenstände zu betrachten, die man mitnehmen, verkaufen, besitzen durfte.

Und auch wenn wir das nicht auf dem Schirm haben: Diese Abwertung spiegelt sich in den Büchern von Astrid Lindgren wider: Es reicht, ein in der Südsee zufällig an Land gespülter Weißer zu sein, um König über die dort lebenden Schwarzen Menschen zu werden. Und seine Tochter wird dann automatisch Prinzessin - Weiße als herrschaftliche Hoheit über Schwarze - einfach so.

Hier ist so viel im Argen, dass ich keine standardisierte Alternativ-Vorlesart habe, und da mein Sohn kein Pippi-Fan ist, drängte sich mir auch nicht die Notwendigkeit auf, mir da etwas zu überlegen.

Ich finde Pippi Langstrumpf schon wichtig, da die Kinderbuch-Landschaft wahrlich nicht gerade reich an starken Mädchenfiguren ist - aber verschiedene Textstellen, in denen es um Schwarze geht, finde ich unvorlesbar.

Ich weiß, dass der Verlag Pippis Vater mittlerweile "Südseekönig" statt "N-könig" nennt - damit behelfe ich mich bei den seltenen Gelegenheiten, in denen ich aus Pippi Langstrumpf vorgelesen habe.

Mehr zum Thema: Gewalt, Rassismus, Beleidigungen: So schlimm steht es um deutsche Grundschulen

Allerdings habe ich hier dann mit meinem Sohn Gespräche darüber geführt, dass das natürlich Quatsch ist, und dass Schwarze Menschen auf Südsee-Inseln in Wirklichkeit sicher Besseres zu tun haben, als angespülte Seemänner zu ihrem König zu machen.

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Aus: „Vielleicht ist auch alles Unsinn, was ich sage" von Janosch

"Das Mädchen freilich gefiel dem Froschkönig überhaupt nicht, denn sie war nicht besonders schön. Sie hatte zu kurze Beine, war auch etwas zu dick und ihre Haare waren wie Stroh."

Wie bei Germany's Next Topmodel

Also, wenn ich meinem Kind so einen Text vorlese, kann ich es auch gleich Germany's Next Topmodel gucken lassen.

Die Message: Es ist sehr wichtig, schön zu sein. Wenn du etwas zu dick bist, bist du nicht schön, aber das weißt du sicher schon längst. Du musst auch sehr auf deine Haare achten, denn Haare wie Stroh sind auch nicht schön. Und wenn du nicht schön bist, gefällst du den Männern nicht. Es ist aber wichtig, Männern zu gefallen. Sei also schön. Und wenn du es nicht bist, sei wenigstens unzufrieden mit dir. Denn worüber du dir wirklich keine Illusionen machen solltest: Deine inneren Werte sind unterm Strich eigentlich scheißegal.

Ich lese lieber vor: "Das Mädchen gefiel dem Froschkönig nicht, denn sie war irgendwie nicht sein Typ. Aber in seiner Not..."

Übrigens sehe ich uns Eltern nicht nur beim Vorlesen in der Verantwortung: Wenn wir solche Buchstellen auslassen, aber im Alltag von Diäten, Kalorien und Abnehmen sprechen, können wir unsere Kinder auch ruhig Germany's Next Topmodell gucken lassen. Dass es normal ist und irgendwie dazu gehört, mit seinem Körper unzufrieden zu sein, kann man nämlich auch ganz hervorragend von den eigenen Eltern lernen.

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Aus: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" von Michael Ende

"Es war sogar ganz außerordentlich klein im Vergleich zu anderen Ländern wie zum Beispiel Deutschland oder Afrika oder China."

Und jetzt schreiben alle zur Strafe 100 Mal: "Afrika ist kein Land, sondern ein gigantischer, enorm heterogener Kontinent."

Späßchen, Häschen - ich glaube nicht an Strafen, auch nicht für Erwachsene. Woran ich aber schon glaube, ist, dass uns allen zumutbar ist, uns von unserem bisherigen, sehr vereinfachten Afrika-Bild zu verabschieden.

"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" lese ich nicht mehr vor

Dieses Afrika-Bild spiegelt sich zum Beispiel auch in "Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika" von Oliver Scherz wider: Zu Afrika fällt uns nämlich selten mehr ein als wilde Tiere, Savanne, und vielleicht noch Hilfsbedürftigkeit (deshalb ja auch der Weiße König, der rettet die armen hilflosen N.).

Ich habe das Vorlesen von "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" übrigens eingestellt. Michael Ende war mein halbes Leben lang mein Held (ich wollte nämlich schon als Kind Schriftstellerin werden, wirklich wahr, und habe mir früher gewünscht, dass meine Freundinnen an Rudi Carrell schreiben, damit ich Michael Ende in Rudi Carrells Überraschungs-Show kennen lernen darf) und mir ist klar, dass es für diese Dinge damals, als er das Buch schrieb, kein Bewusstsein gab. Aber ich fürchte, es gibt heute immer noch jede Menge Menschen, die Sätze wie den folgenden völlig unproblematisch finden:

"‚Das dürfte vermutlich ein kleiner N* sein', bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht."

Als wir neulich Besuch von einer befreundeten Familie hatten, die wir eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatten, war der Sohn ein bisschen entsetzt darüber, als ich "Scheiße" sagte - solche Worte sagt man bei denen nicht (Ich fürchte, ich habe kurz darauf auch noch "FUCK, FUCK, FUCK!!" geflucht, als ich mich mal wieder irgendwo gestoßen habe).

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Mama schafft das allein - die Facebook-Community für alleinerziehende Mütter: Hier könnt ihr euch über alles austauschen, was euch bewegt und begeistert

Bei uns zu Hause gibt es eigentlich keine verpönten Wörter, hier wird viel geflucht, vor allem von mir. Aber das N-Wort schreibe ich nicht einmal. Sogar "N-Wort" in zensierter Form zu schreiben, macht mir Herzklopfen, weil ich weiß, dass dieses Wort die meisten Schwarzen Menschen schon seit ihrer Kindheit als Beleidigung begleitet und in ihren Ohren dröhnt und wehtut.

Dieses Wort trägt so viel Schmerz in sich. Ich würde mir wirklich wünschen, dass es einen gesamtgesellschaftlichen Konsens zur Ächtung dieses Wortes gäbe, so dass wir auch nicht mehr die zensierte Version verwenden müssten. Ich will, dass es ausstirbt.

"Da streckte das Baby seine kleine Schwarze Hand mit den rosa Handballen nach ihm aus und Lukas ergriff sie behutsam mit seiner großen schwarzen Hand"

"Jims größter Wunsch war es nämlich, später auch Lokomotivführer zu werden, weil dieser Beruf so gut zu seiner Haut passte."

"Was ist denn daran jetzt schlimm?!" - Hand hoch, wer denkt das gerade? Und es ist völlig ok, diese Dinge KANN man nicht wissen, wenn man das Erfahrungsset nicht gemacht hat, das People of Color ihr Leben lang machen. Und dazu gehört zum Beispiel: Einfach mal nirgends repräsentiert zu werden.

Hautfarbe ist immer Thema

Die HeldInnen in Büchern oder Filmen, die Spielfiguren - alle weiß. Und wenn ausnahmsweise, wie in diesem Fall, doch mal eine Person of Color auftaucht, dann taucht sie da nicht einfach ganz beiläufig und selbstverständlich auf - sondern ihre Hautfarbe ist die ganze Zeit Thema.

Das ist nämlich eine weitere Erfahrung, die man sich als Weißer Mensch gar nicht vorstellen kann: Wie das ist, ständigständigSTÄNDIG als Hautfarbe wahrgenommen zu werden. Als Weißer Mensch braucht man sich über seine Hautfarbe gar keine Gedanken machen - People of Color haben dieses Privileg leider nicht.

Dunkelhäutige SchauspielerInnen etwa prangern regelmäßig an, dass es für sie praktisch unmöglich ist, "neutrale" Rollen zu bekommen, also als ganz normale Figur, die zufällig und unthematisiert schwarz oder braun zu sein.

Die Figuren, die sie spielen sollen, haben immer etwas mit der Repräsentation von Klischees ihres Phänotyps zu tun - SchauspielerInnen mit einem Aussehen, das gerne als arabisch gelesen wird, werden z.B. primär für Rollen als TerroristInnen angefragt, und haben kaum Chance, auch einfach mal eine ganz normale Ärztin oder so zu spielen, die halt zufällig und unthematisiert of Color ist.

"Das Waschen fand er besonders überflüssig, weil er ja sowieso schwarz war und man gar nicht sehen konnte, ob sein Hals sauber war oder nicht."

"Als das Baby hörte, wie Lukas vor sich hin grollte, begann es zu weinen [...]. Außerdem war es auch erschrocken vor dem großen schwarzen Gesicht von Lukas, denn es wusste ja noch nicht, dass es selber auch ein schwarzes Gesicht hatte."

Schwarze Haut mit Dreck und Verängstigung zu verknüpfen - auch das hat lange Tradition, und es muss so etwas unbedingt aufhören. Und am besten fangen wir gar nicht erst an, unseren Kindern solche Verknüpfungen mitzugeben. Leute, da sind wir uns doch hoffentlich einig: Das geht gar nicht!

Wenn Michael Ende hier ein Schwarzes Kind als Protagonist gewählt hätte, ohne seine Hautfarbe zu thematisieren, hätte ich ihn weiterhin für den Rest meines Lebens abgefeiert. So jedoch: Bevor "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" nicht völlig umgeschrieben wird, halte ich dieses Buch für unvorlesbar.

Diversität: Kinderbücher, die Vielfalt zeigen und stark machen

Fast alle der hier genannten Bücher - bis eben auf Jim Knopf - mag ich sehr gerne. Ich lese sie modifiziert vor, oder, wenn das nicht geht oder schon zu spät ist, erkläre meinem Sohn, warum ich das, was da steht, nicht gut finde.

Solche Gespräche mit unseren Kindern finde ich sowieso wichtig - denn diese Vorurteile, Klischees, Weltbilder, die ich in diesem Text angesprochen habe, begegnen ihnen früher oder später sowieso.

Im Internet findet man jede Menge Listen mit Kinderbüchern, die mehr Achtsamkeit aufweisen in Bezug auf Genderrollen, Interkulturalität, Rassismus und ähnliches. Oder auch Zugehörige marginalisierter Gruppen (= Gruppen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt und dadurch an selbstverständlicher Teilhabe und Sichtbarkeit eingeschränkt sind) zeigen und damit sichtbar machen.

Es gibt viele Kinderbücher, in welchen z.B. Kids of Color oder Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich und beiläufige Figuren sind oder Familienmodelle abseits vom Mutter-Vater-Kind-Modell gezeigt werden, so dass sich nicht nur Weiße Kinder heterosexueller und zusammenlebender Eltern in Büchern wiederfinden können.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie gut diese verschiedenen Listen sind, da ich nicht alle darin gelisteten Bücher kenne. Ganz unbedingt empfehlenswert finde ich das Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung: Vorurteilsbewusste Kinderliteratur jenseits hegemonialer Weltbilder.

Ich finde nicht, dass alle Bücher und Spielsachen "pädagogisch wertvoll" sein müssen - allerdings finde ich wichtig, dass die Medien, die unsere Kinder konsumieren, keine Vorurteile oder Diskriminierungen reproduzieren. Und ich finde wichtig, dass Minderheiten und alternative Lebensmodelle abgebildet werden.

Und wie wichtig es ist, sich für Zugehörige marginalisierter Gruppen, selbst öffentlich repräsentiert zu sehen, zeigt dieses Video von einem Mädchen, das eine Beinprothese trägt, und vor Glück und Fassungslosigkeit in Tränen ausbricht, als es eine Sonderanfertigung einer Puppe bekommt, die auch eine Beinprothese trägt.

Wir Menschen brauchen die Sicherheit, dass wir "normal" sind - und das findet unter anderem dadurch statt, dass das, was wir sind, sich in der Öffentlichkeit widerspiegelt, gezeigt wird, sichtbar sein darf, dass wir vorkommen, dass wir ganz selbstverständlich dabei sind.

Das passiert aber nicht nur mit Minderheiten - auch die Hälfte der Menschheit ist unglaublich unterrepräsentiert: Ich mag z.B. das Buch "Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne" sehr gerne - aber da kommt einfach mal keine einzige weibliche Figur vor! Keine einzige! Ich verbanne das Buch deshalb nicht, finde aber wichtig für Ausgleich mit Büchern zu sorgen, die präsente Mädchen- oder Frauenfiguren zeigen.

Und hier mal einige Bücher, die ich Euch in diesem Kontext ans Herz legen möchte:

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"Das Wort, das Bauchschmerzen macht" von Nancy J. Della (ab 12 Jahren)

Ich fürchte, die Illustrationen werden nicht jeden ansprechen (mein Sohn mag sie nicht so gerne), und das ist so schade, denn ich finde, dieses Buch sollte unbedingt in jedem Kinderzimmer und in jeder Schulbibliothek stehen - und auch viele Erwachsene können daraus lernen.

Es geht um die Schwarzen Zwillinge Lukas und Lennard, die beim Vorlesen in der Schule plötzlich mit dem Wort, das Bauchschmerzen macht, konfrontiert werden. Ich finde, keine politische Argumentation bringt so gut rüber, wie schmerzhaft das N-Wort ist, wie die Beschreibung aus der kindlichen Sicht.

Super finde ich auch den Prozess, bei dem die Familie gemeinsam nach Lösungen für diesen Konflikt sucht, und natürlich auch letztlich fündig wird. Coolerweise ist die fiktive Grundschule in der Geschichte auch noch nach Emma Goldman benannt - googeln und unseren Töchtern von starken Frauen der Geschichte erzählen!

Interessant finde ich auch, wie die Autorin/der Verlag mit Korrekturen umgeht: Weil an einer Textstelle ein Kind "flapsigerweise" das Verbrennen von Büchern mit schmerzhaften Inhalten vorschlägt, und die Verantwortlichen im Nachhinein fanden, dass man so eine Bemerkung nur dann stehen lassen sollte, wenn sie "adäquat eingeordnet" wird, liegt dem Buch ein Aufkleber bei, den man über diese Seite kleben kann, und der den etwas unglücklichen Vorschlag zur Bücherverbrennung mit einer Zeichnung verbirgt.

Ich denke, wenn mein jüngerer Sohn mal Interesse an Pippi-Langstrumpf-Büchern zeigen sollte, dann werde ich mit den Büchern ähnlich vorgehen. Ich finde übrigens, das Buch ist auch für jüngere Kinder als vom Verlag empfohlen geeignet. | Link

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"Ich mag..." von Constanze von Kitzing (ab 3 Jahren)

So ein herziges Buch! Erstaunlich dick für ein Pappbuch wegen der vielen Seiten, erzählen viele verschiedene Kinder, was sie so mögen: Barfußlaufen, Wasser, Wolken, kleine Sache...

Was dieses Buch besonders macht: Es kommen viele Kids of Color vor, und es wird hier auch Mädchen erlaubt, Fußball oder Baustellen zu mögen. Ich finde, das Buch geht auch schon für jüngere Kinder. | Link

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"Der Bus von Rosa Parks" von Fabrizio Silei & Maurizio Quarello (ab 8 Jahren)

Ich denke, das ist jetzt kein Buch, das viele Kinder sehr oft lesen wollen - trotzdem ist es eine wichtige, und sicherlich auch interessante Lektüre.

Rosa Parks war eine Afroamerikanerin, die sich eines Tages geweigert hat, ihren Sitzplatz für einen Weißen freizugeben - obwohl das zu jener Zeit gesetzlich vorgeschrieben war. Daraus resultierte ein Erstarken der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung, in dem Rosa Parks Seite an Seite mit Martin Luther King für die Gleichberechtigung Schwarzer BürgerInnen in den USA kämpfte.

Das Buch ist nicht perfekt - z.B. wird der Begriff "Farbige" verwendet, womit viele People of Color nicht einverstanden sind, da er eine Fremdbezeichnung darstellt. Trotzdem ist es für Eltern und LehrerInnen ein wichtiges Buch.

Für sensible Achtjährige ist das Buch für mein Erachten aber noch nichts, da an einer Stelle ein brutaler Angriff auf einen Schwarzen von einigen Ku-Klux-Klan-Mitgliedern beschrieben wird - inklusive der Illustration der gruseligen weißen KKK-Kapuzen. | Link

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"exit RACISM. rassismuskritisch denken lernen" von Tupoka Ogette (für Jugendliche und Erwachsene)

Wir können mit unseren Kindern nicht wirklich über Rassismus sprechen, wenn wir selbst eigentlich nicht so viel darüber wissen - z.B. ist es in diesem Zusammenhang wichtig zu wissen, was der Unterschied einer Fremd- und einer Selbstbezeichnung ist.

Viele Menschen - vor allem Weiße in Deutschland - halten Rassismus für ein Problem, das vor allem (früher) in den USA auftauchte oder heute in den neuen Bundesländern.

Eine echte Auseinandersetzung mit Rassismus kann nur gelingen, wenn wir uns eingestehen, dass wir alle - egal welche Hautfarbe wir haben - rassistische Anteile in uns tragen, und dass dies unbewusst unser Denken und Handeln immer wieder beeinflusst - weil Rassismus eben nicht erst anfängt, wenn Flüchtlingsheime angezündet werden, sondern dort, wo wir Menschen rassifizieren.

Und das machen wir alle und wir machen es ständig - nur ist es uns nicht bewusst. Das macht uns nicht zu schlechten Menschen - es gehört zu unserer normalen Sozialisation und wir hatten keine Chance, es anders zu lernen.

Aber heute können wir unser Herz und unser Denken öffnen und dazu beitragen, dass wir die Gesellschaft verändern. Dieses Buch von Tupoka Ogette führt einfühlsam und urteilsfrei an das Thema heran - auch ihre Workshops kann ich nur allerwärmstes empfehlen, ich selbst war bei zwei dabei!

Tupoka Ogette bietet Workshops zum Thema Rassismus, Critical Whiteness und auch Empowerment an - z.B. auch für Weiße Eltern Schwarzer Kinder. Dringende Herzensempfehlung! | Link

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"Nelly und die Berlinchen" von Karin Beese (ab 3 Jahren)

Dieses Buch schreibt sich explizit Diversität (=Vielfalt) auf die Fahne: Die Berlinchen sind nämlich ein afrodeutsches, ein muslimisches und ein Weißes Kind einer alleinerziehenden Mutter - aber nur äußerlich, denn inhaltlich erleben hier einfach nur Kinder mit ganz unterschiedlichen Hautfarben ein ganz normales Großstadt-Spielplatz-Abenteuer. | Link

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Vor den 7 Bergen: Davon wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schiefgeht (ab 7 Jahren)

Ein herrlich schräges Buch (inhaltlich wie illustratorisch) von einer alleinerziehenden Mutter von sieben Kindern, die so gar nicht einsieht, am Strand ihren deutlichen Bauch einzuziehen.

Die Kinder haben anscheinend auch unterschiedliche Väter, denn die Zwillinge dieser wilden Großfamilie sind Kids of Color.

Die STIKO-Empfehlungen sind der Mama auch noch piepe, denn der Urlaub muss aufgrund von Windpocken verschoben werden, und insgesamt geht einiges drunter und drüber, wie es das Leben mit Kindern nun mal mit sich bringt. Ein wunderschönes und wundervolles Buch! | Link

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"Sieben Prinzessinnen und jede Menge Drachen" von Christina Björk & Eva Eriksson (ab 4 Jahren)

Diese Prinzessinnen brauchen weder wachgeküsst, noch gerettet zu werden: Eine Prinzessin, die sich nicht waschen mag, die andere rettet ihren Bruder vor einem gefräßigen Drachen.

Eine Prinzessin wäre lieber ein Drache, eine bittet vor Langeweile vergeblich einen Drachen um die eigene Entführung, und sogar eine Prinzessin of Color ist dabei! Und alle furchtlos und so gar nicht fein. Herrlich! Mein Sohn mag das Buch sehr gerne! | Link

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"Abrakazebra. Jeder braucht ein bisschen Zauberei" von Helen Doherty & Thomas Docherty (ab 4 Jahren)

Im kleinen Dörfchen Nichtviellos ist plötzlich doch viel los, als ein fremdes Zebra mit seiner Zaubershow seine Zelte aufschlagen möchte. Die Ziege findet das gar nicht gut, denn es ist nun wirklich nicht einzusehen, dass Fremde plötzlich so viel mehr Aufmerksamkeit bekommen, als sie, und so streut sie üble Gerüchte über Zebras, und säht die Angst, dass das Futter nicht mehr für alle reichen würde.

Und schließlich wird das Zebra tatsächlich vertrieben. Aber nur kurz - die Ziege sieht ein, dass so ein Zebra auch eine Bereicherung für das Dorfleben ist, und gemeinsam holen sie es zurück in ihre Gemeinschaft. Das Buch ist in schönen Reimen geschrieben und gibt Gelegenheit, Fremdenfeindlichkeit kindgerecht zu thematisieren. | Link

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"Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien" von Mary Hoffman & Rob Asquith (ab 4 Jahren)

Die Vielfalt des Zusammenlebens - hier ist sie in ganzer Schönheit und großer Ausführlichkeit zu sehen! Große Häuser, kleine Häuser, viele Geschwister, wenige Geschwister, eine arbeitende Mutter mit Hausmann, Weihnachten oder Chanukka, Ein-Eltern-Familien, Zwei-Papa-Familien, Adoptiv-Familien... alle finden hier einen Platz, und alle gehören dazu! | Link

Kennst du weitere Kinderbücher, die dir in dieser Hinsicht gefallen? Oder Bücher, die dir in genau dieser Hinsicht überhaupt nicht gefallen? Wie handhabst du das?

Der Beitrag erschien zuerst auf Tofu Family, dem Blog der Autorin.

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