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Darf man Barf? Über Veganismus bei Hunden

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DOG VEGAN
damedeeso via Getty Images
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Ich bin gerne konsequent, aber manchmal mache ich eine Ausnahme. Zu Hause kommt mir nur fair gehandelter Kaffee in die Tasse. Auswärts kann das anders sein. Es ist mir dann oft zu mühsam und zu peinlich, nach dem Ursprungsland der Bohnen, den Anbaubedingungen und dem Verdienst des Bauern zu fragen - der Kellner weiß es ohnehin nicht. Eine moralische Grundsatzdiskussion kann ich mit einer solchen Laisser-faire-Haltung zwar nicht gewinnen, aber zumindest wird das Leben dadurch etwas einfacher. Ich bin schon 33 Jahre alt, da gewinnt  das Konzept der Vereinfachung langsam an Attraktivität. Insgeheim - das sei zu meiner Verteidigung gesagt - wünsche ich mir knallharte Gesetze gegen jegliche Art von Ausbeutung sowie einen fairen Welthandel, so dass ich gar keinen unfairen Kaffee kaufen kann. Wiederum: Wenn mir tatsächlich daran gelegen wäre, müsste ich aufhören zu joggen oder Geschichten wie diese hier zu schreiben und meine Freizeit bei Attac oder den Linken verbringen. Es ist schwierig. Wie schon Brecht schrieb: Erst kommt das Fressen (oder Trinken), dann die Moral.

Nun stelle ich mir vor, ich sei Vegetarier gewesen und mein inkonsequenter Eierkonsum und die überzeugende Kampagne "Vegetarier sind auch Mörder" hätten mich bereits dazu veranlasst, Veganer zu werden. Mein langfristiges Ziel ist es, mich nur noch von Luft und dem Schatten von Rindern zu ernähren. Auf dem Weg dahin stellt sich mir plötzlich eine knifflige Frage: Müsste ich nicht auch meinen Rüden Moritz vegan ernähren? Die Frage schmeckt mir nicht, weil ich die moralisch korrekte Antwort nicht auf Anhieb weiß. Daher spreche ich sie laut in den Raum hinein und lasse ihr Echo nachklingen. Doch das einzige, was ich höre, ist Moritz' Winseln, was so viel bedeutet wie „Bitte nicht!".

Es ist nicht verwunderlich, dass Moritz protestiert. Vegane Eltern haben vermutlich auch oft Schwierigkeiten, ihre Kinder von der moralischen und kulinarischen Überlegenheit eines grünen Salats zu überzeugen, wenn die anderen Kinder aus der Fußballmannschaft bei Mc Donald's zur Belohnung für ihren Triumph über die Nachbardörfer beim prestigeträchtigen E-Jugend-Turnier mit Doppel-Whoppern (oder sind die von Burger King?) gefüttert werden. Schon der Ort des E-Jugend-Turniers lag unter einer Dunstglocke aus dem Qualm von gegrillten Koteletts - Grün waren nur die Trikots der Jugendspieler und die wenig bespielten Außenbahnen des Fußballfeldes, dessen Erbauung - ethisch unkorrekt - auf Kosten der örtlichen Maulwurffamilie ging. Es darf angenommen werden, dass der 12-jährige vegane Richard-Joachim lieber eine Sonderstellung als bester Angreifer (Obacht: Militär-Vokabular!) oder bester Vorlagengeber denn als einziger Veganer seines Teams inne hätte. Vielleicht ist Richard-Joachim aber auch beides, macht nach jedem Treffer ein Peace-Zeichen in Richtung der Grillstation und besitzt ein Selbstbewusstsein wie Starkoch Attila Hildmann - laut Google Deutschlands bekanntester Veganer (Fußnote: Nein, für die Erwähnung der milliardenschweren Konzerne Mc Donald's, Burger King und Google erhält der Autor leider, leider keinerlei Provision, nicht mal Aktien-Optionen!). Mein Hund Moritz isst aus guten Gründen und aus Futterneid stets allein. Gruppendruck und soziale Zwänge wären also kein Grund, ihn nicht vegan zu ernähren.

Nur der Fleischkonsum selbst nervt Veganer mehr als das Argument von Fleischfressern, bereits der Homo Anno Dazumal habe Tiere getötet und verspeist. Es ist tatsächlich ein Totschlagargument - eines zum Totschlagen von Tieren. Von anderen Gewohnheiten und Verhaltensweisen des Homo Anno Dazumal hat sich der Kulturmensch schließlich auch verabschiedet. Das beginnt bei der Aussetzung der Alten in der Wildnis und endet beim Totschlagen von Gruppenmitgliedern, weil diese vorgeschlagen haben, bei den Wacholderbüschen da drüben links statt rechts abzubiegen. So wie sich der durchschnittliche Kulturmensch von seinem Vorfahren abhebt und sich der Veganer sogar noch ein bisschen höher über den Geißeln der vergangenen Jahrtausende schwebt, könnte auch der Hund danach streben, sich von seinem Ahnen (dem Wolf) zu emanzipieren. Die Chancen stehen nicht schlecht: Moritz würde einen Wolf beim ersten Aufeinandertreffen ziemlich unsympathisch finden; er würde zum Beispiel aus der Körpersprache seines Gegenübers nicht schlau werden und im Zweifel dafür plädieren, den komischen Vierbeiner ähnlich wie die Füchse von der Straße zu verbannen, bis sie normales, hündisches Verhalten gelernt haben. Moritz würde den fleischfressenden Wolf also ablehnen, noch bevor er entdecken könnte, dass der Wolf ganz spannende Hobbys hat - die Schaf-Jagd zum Beispiel. Wo uns das hinsichtlich der Fähigkeit von Moritz lässt, auf Veganer umzuschulen, weiß ich jetzt auch nicht. Ich könnte ihn vor jeder Tofu-Pastete darin bestärken, dass er sich damit besser verhält als der böse Wolf.

Blieben die Risiken veganer Ernährung für den Hund. Mein Tierarzt findet schon die vegetarische Fütterung fleischfressender Haustiere problematisch. Er kann sie nur dulden, wenn sie unter fachtierärztlicher Aufsicht geschieht, was radikale Veganer dann schon wieder verdächtig finden und für ein Geschäftsmodell halten. Schaden kann es aber sicher nicht, wenn ein Fachmann im Blick behält, ob die richtigen Stoffe in den richtigen Mengen zugefüttert werden. Beim Stichwort Veganismus werden die Augen meines Tierarztes ganz groß, er will "Sind Sie völlig durchgeknallt?" sagen, entscheidet sich dann aber für das diplomatischere "Lieber nicht". Über den Rat würde ich mich - auch als fiktiver Veganer - nicht hinwegsetzen. Kaum ist eine moralische Frage geklärt, stellt sich die nächste: Dürfen Veganer eigentlich Hunde halten?

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