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Was ich lernte, als ich in Deutschland Flüchtlinge unterrichtete

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DEUTSCHKURS FLUECHTLINGE
dpa
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Der Einsatz chemischer Waffen in Nord-Syrien zeigt uns eine eigentlich bekannte Wahrheit auf besonders schmerzvolle Art und Weise. Krieg nimmt unschuldigen Menschen das Leben und kein Zivilist eines vom Krieg zerrütteten Landes kann dem Horror entfliehen. Die Kriegspolitik verkörpert einen unfairen Kampf zwischen globalen Supermächten auf Kosten von zahlreichen Menschenleben und Regionen.

Mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung wurde getötet, verwundet oder musste die Gebiete, in denen schon seit sechs Jahren der Konflikt tobt, fliehen. Viele Menschen aus Afghanistan, Irak und Syrien sind in europäische Länder geflohen, weil ihnen dort die nötige Unterstützung geboten wird.

Eines der Länder, die sich bereit erklärt hat, zu helfen, ist Deutschland - und letztes Jahr hatte ich so viel Glück, dass ich dort leben durfte - und zwar in Tübingen.

Mehr zum Thema: "Für die anderen sind wir immer nur die Flüchtlinge!"

Während ich dort gelebt und studiert habe, habe ich mich einer Gruppe namens Teachers on the Road angeschlossen. Diese Gruppe verbrachte wöchentlich Stunden damit, Flüchtlingen aus Syrien, Irak und Afghanistan Deutsch beizubringen - zusätzlich zu den Stunden, die sie schon erhielten.

Flüchtlinge in Deutsch zu unterrichten, obwohl meine Muttersprache Englisch ist, war eine herausfordernde und faszinierende Erfahrung. Interessanterweise bekam ich aber vor allem auf dem Nachhauseweg im Bus nach der Stunde oder beim Plaudern in den Pausen einen tieferen Einblick in das Leben dieser Menschen.

Ich erinnere mich an mein Vorurteil über Flüchtlinge, dass sie alle vollkommen am Boden zerstört sein müssen. Obwohl das schlimm klingt, war ich überrascht davon, wie normal sie waren. Die Menschen im Westen fühlen oft eine Kluft zwischen sich und dem kriegszerstörten Nahen Osten, weil er so weit entfernt scheint. Ich glaube, es ist einfach zu glauben, dass wir nichts gemeinsam haben mit Flüchtlingen, weil wir nicht dieselben Erfahrungen teilen.

Ich war überwältigt davon, wie ähnlich wir uns waren

Eines der lustigsten und aufschlussreichsten Gespräche, die ich je hatte, war mit einem Syrer aus Damaskus. Wir haben darüber gesprochen, wie anders die deutsche Gesellschaft war im Gegensatz zu denen, in denen wir aufgewachsen sind - denn wir sind ja beide erst vor kurzem in dieses Land gezogen.

Er erklärte mir, dass ihm in Damaskus eine Bar und ein Restaurant gehörten.

„Wenn ich die Bar um 4 Uhr morgens zugemacht habe, sind immer alle meine Freunde vorbeigekommen, um mit mir zu trinken, während ich putzte", erklärte er mir auf Deutsch. „Bei unserem Lebensstil geht es darum, die Zeit zusammen zu genießen. Wir brauchen nicht viel Schlaf, wir wollen leben."

Das Damaskus, in dem er lebte, verfügte über eine ausgeprägte Essens- und Ausgehkultur, mit einem regen Nachtleben. Er sagt, dass er Deutschland liebe und sehr dankbar für Angela Merkels Arbeit sei, aber es ist eben nicht dasselbe wie zu Hause.

„Ich bin halb Christ, halb Moslem", erzählt er. „Ich trinke und esse Schwein." Er freut sich schon auf den Tag der Heimkehr, aber er weiß nicht, wann das sein wird.

Mehr zum Thema: Ich fühle mich auf deutschen Straßen nicht mehr sicher

An einem Mittwochabend, direkt nach den Angriffen auf Aleppo im November 2016, habe ich mit zwei Männern zusammengearbeitet und verzweifelt versucht, ihnen zu erklären, wie zusammengesetzte Wörter auf Deutsch gebildet werden. Wir kamen nicht gut voran. Also beschlossen wir, eine Pause zu machen. Einer der Männer war aus Bagdad, Irak, und der andere war aus Aleppo in Syrien, wie ich schnell herausfand.

Der Syrer erklärte in gebrochenem Deutsch, dass er das einzige Mitglied seiner Familie war, das es geschafft hatte, nach Deutschland zu kommen. Der ursprüngliche Plan war, dass seine Familie nach Europa nachkommen würde, aber das ist mittlerweile nicht mehr so sicher.

Dieses Gespräch hat mich tief berührt, weil es so echt war

So etwas habe ich noch nie in meinem Leben erlebt. Er war emotional und verletzlich, und der immense persönliche Verlust, den er angesichts des multinationalen Machtkampfes erlebte, war enorm.

Der Kontrast zwischen der Weltmacht und dem wirklichen Menschen vor mir war in diesem Moment überwältigend. Krieg und die Menschen sind auf tragische, aber unzertrennliche Art und Weise miteinander verbunden.

Der Mann aus Bagdad zeichnete dann seinen unglaublichen Weg nach Deutschland auf - er ist in einem überfüllten Bus 15 Tage lang durch fast 20 Länder gefahren. Aber er ist sich sicher, dass dieser Konflikt nicht ewig andauern wird.

Ich habe ihn gefragt: „Wo siehst du dich in fünf Jahren?"

Er antwortete: „Zurück in Bagdad."

Meine Sichtweise des Nahen Ostens als kriegszerstört und unbewohnbar wurde auf den Kopf gestellt. Nachdem ich selbst in ein fremdes Land gezogen bin, unter viel weniger tragischen Umständen natürlich, kann ich die Sehnsucht nach der Heimat verstehen.

Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht

Der Unterschied ist, dass ich die Wahl hatte, wann und ob ich zurückkehren wollte. Das ist ein Privileg, dass die meisten Menschen, die ich während meiner Freiwilligenarbeit in Deutschland getroffen habe, nicht haben.

Die Menschen aus Afghanistan, Irak und Syrien wurden nicht nur aus ihren Ländern verjagt, ohne ein Rückkehrdatum zu wissen - sie haben auch alles verloren, was ihre Heimat zu dem macht, was sie war. Und dennoch sind sie Menschen aus friedlichen Ländern so ähnlich.

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Im Endeffekt sind wir alle Menschen und wir sind uns von Grund auf ähnlich. Menschen, die ihre Heimatländer verlassen haben, sind genauso wie wir. Sie haben Familien, Vorlieben und Abneigungen, Macken und Talente, und letztlich versuchen sie, wie wir alle, irgendwo dazuzugehören.

In dieser sich schnell verändernden, unsicheren Welt, die voll von Terror ist, ist unsere Menschlichkeit das, was uns verbindet - und diese Menschlichkeit verändert sich nicht so schnell.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und erschien ursprünglich auf HuffPost Australia.

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