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Männer sind öfter Opfer von häuslicher Gewalt, als gemeinhin bekannt ist

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GESCHLAGENER MANN
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Thomas bringt nichts so schnell in Wallung. Ein Fels in der Brandung, so könnte man ihn beschreiben. Wenn er spricht, brauchen die Wörter eine Weile, bis sie sich formuliert haben. Wenn er sich im Sessel in der Lobby eines Großstadthotels zurechtrückt, schiebt er seinen Körper bedächtig von einer Ecke in die andere.

"Ich bin eher introvertiert", sagt er. Zurückgezogen in sich selbst, vorsichtig. Rational kühl statt überschwänglich emotional. Und doch macht sich Thomas Vorwürfe. Vorwürfe, die ihn selbst zehn Jahre nach dem Ereignis nicht loslassen.

Ein Abend im Frühjahr. Die Luft ist mild, die Straßenlaternen werfen behagliches Licht auf das Kopfsteinpflaster, es ist friedlich, eine Nacht für Rosé und Romantik. Aber Thomas und seine Freundin Elisa streiten - wie so häufig.

Es geht um Liebe, um Aufmerksamkeit, um Präsenz und Zuhören. Es gehe immer darum, sagt Thomas: "Das ist unser Thema." Ihre Beziehung ist ein verwirrendes Geflecht aus Nähe und Distanz.

Elisa redet auf Thomas ein, sie sagt: "Hör mir zu." "Mach ich doch.""Machst du nicht.""Was soll ich deiner Meinung nach tun?"

"Bleib da sitzen und rühr dich nicht vom Fleck.""Ich will aber nicht sitzen bleiben.""Genau das meine ich. Wenn ich was mit dir besprechen will, weichst du aus. Du hörst mir nicht zu, du hörst mir nie zu. Du machst nur, was du willst."

Obwohl Elisa befiehlt, Thomas solle nicht aufstehen, drückt er sich vom Küchenstuhl hoch. Er erträgt es nicht mehr. Tausende Male schon hatte das Paar solche Diskussionen. Doch die bringen nichts, alles bleibt, wie es ist.

Thomas will raus aus der Küche, ins Bett, Elisa versperrt ihm den Weg. Breitbeinig, die Arme nach oben gestreckt, wie ein Warnkreuz, steht sie im Türrahmen.

Sie sagt: "Du kommst hier nicht raus."

Thomas weicht zurück, lässt sich rückwärts auf den Stuhl fallen, er will keinen Streit. Widerstand ist zwecklos, weiß er. Das macht sie nur noch wütender. Was bleibt ihm anderes übrig, als seiner Freundin zuzuhören?

Elisa redet schnell, schneller, sie wird lauter.Thomas denkt: "Was soll das? Ich bin so müde."Er steht auf, drückt sich an seiner Freundin, die den Türrahmen noch immer blockiert, vorbei ins Schlafzimmer. Er legt sich ins Bett, in Sekundenschnelle nickt er ein.

Plötzlich spürt er einen heftigen Schmerz in seinem Rücken, so als sei der Schlafzimmerschrank umgekippt und auf ihn gefallen. Aber da liegt nicht das Möbelstück auf seinem Rücken, es ist Elisa. Sie war von hinten auf ihn draufgesprungen. Nun hockt sie auf ihm, ihr Gewicht drückt auf seine Wirbelsäule, ihre Hände krallen sich in seine Schulterblätter, sie beißt ihm ins linke Ohr.

Der Schreck und ein stechender Schmerz lassen Thomas herumfahren, er schüttelt Elisa ab und schlägt seiner Freundin mit der flachen Hand mitten ins Gesicht.

Elisa erschrickt, steigt von ihm ab und sagt: "Du hast mich geschlagen, das darfst du nicht."
Thomas sitzt im Bett und starrt auf seine Hände.

Er denkt: "Ich habe eine Frau geschlagen, das darf ich nicht. Wie konnte das passieren? Ich bin Mitte dreißig und Sozialwissenschaftler, ich weiß, dass Gewalt keine Lösung ist. Ich lehne jegliche Übergriffe ab. Und nun das."

"Ich habe total rotgesehen", sagt Thomas.

Er schaut sein Gegenüber selten an, als er davon erzählt. Er nippt an einer Tasse Tee vor ihm auf dem flachen Hotellobbytisch.

Sein Blick heraus aus der Hotellobby scheint irgendetwas im diesigen Oktoberhimmel zu suchen. Vor dem Fenster hasten Menschen vorbei, es nieselt, keine schöne Stimmung.

"Ich fühle mich nicht nur schuldig, weil ich zurückgeschlagen habe. Sondern auch, weil ich andere körperliche Voraussetzungen habe", sagt er.

Er ist fast 2 Meter groß, ein 100-Kilo-Mann. Elisa ist nicht mal 1,60 groß, sie wiegt die Hälfte von ihm.

"Wenn ich das jemandem erzähle, wirke ich sofort unglaubwürdig", sagt er. "Starker Mann, zierliche Frau, da steht die Täter-Opfer-Konstellation sofort fest." Mann gleich Täter, Frau gleich Opfer.

Es scheint logisch: Wie soll diese Frau Gewalt gegen den über- mächtigen Mann ausüben? Sie ist kleiner und schwächer, physiologisch in jeder Hinsicht unterlegen. Er könnte ihr allein mit einem einzigen Handgriff die Knochen brechen.

Aber so einfach ist das nicht. Nicht bei Elisa und Thomas. Und nicht bei anderen Paaren, die Ähnliches erleben.

"Mitunter schlagen Frauen sogar früher zu als Männer."

"Frauen wenden ähnlich viel Gewalt gegen Männer an wie umgekehrt", erkannte der Familienanwalt Jürgen Gemünden aus Ingelheim am Rhein vor rund fünfzehn Jahren.

Jedenfalls dann, so hat es der Soziologe erlebt, wenn man nicht die Kriminalstatistik befrage, sondern Paare direkt.

Wenn Gewalt sich manifestiert, sich die Spirale aus Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen nach oben schraubt, dann werden auch Frauen gewalttätig, bestätigt der Berliner Familientherapeut Peter Thiel: "Mitunter schlagen Frauen sogar früher zu als Männer."

2015 ermittelte das Bundeskriminalamt rund 130 000 Fälle von Partnerschaftsgewalt. 18 Prozent der Opfer waren Männer. Zwei Jahre zuvor ermittelte das Landeskriminalamt Berlin, dass bei den damals 14300 gemeldeten Fällen häuslicher Gewalt knapp 24 Prozent Frauen die Täterinnen waren. Die Männer zeigten die Frauen an, weil diese sie geschlagen, geschubst, bedroht oder mit Gegenständen beworfen haben.

Allerdings unterscheiden sich die Gewaltarten und deren Heftigkeit laut Gemünden: Frauen werfen eher mit Gegenständen und verwenden Waffen. Männer benutzen ihre Hände, Füße, Beine.
Für die Opfer hat das unterschiedliche Folgen. Gemünden sagt: "Männer werden wahrscheinlich seltener schwer verletzt, als das bei Frauen der Fall ist."

Auch andere Juristinnen und Juristen, die sich auf Fälle von Partnerschaftsgewalt spezialisiert haben, berichten über Attacken von Frauen gegen Männer.

"Meistens passiert das im Affekt", sagt ein Anwalt für Familienrecht einer renommierten Kanzlei in Berlin. Er möchte anonym bleiben, um sich und seine Mandantinnen und Mandanten zu schützen. "Die Verletzungen sind höchst unterschiedlich. Männer haben manchmal einen blauen Fleck am Oberarm, Frauen wird dagegen schon mal das Nasenbein gebrochen."

Thomas und Elisa lernen sich bei Freunden kennen. Elisa ist impulsiv, witzig, schlagfertig, extrovertiert, das ganze Gegenteil von Thomas.

"Ich fühlte mich stark von ihr angezogen", sagt er.

Nach wenigen Wochen ziehen sie zusammen, ein Jahr später bekommen sie ein Kind. Es ist eine intensive Beziehung. So intensiv, dass es nur zwei Extreme gibt: ein Hochgefühl mit Ausgelassenheit, Freude, Sex. Oder eine hochexplosive Stimmung mit Streit, Verletzungen, endlosen Debatten.

So zumindest erlebt es Thomas. Einen normalen Alltag, sagt er, den gebe es nicht. Keine Verlässlichkeit, keine Gefühlskontinuität.

Elisa kenne keine Grenzen, sagt der Mann. Wenn sie Sex will, haben die beiden Sex. Wenn sie reden will, reden die beiden. Selbst nachts um 3 Uhr.

"Manchmal weckte sie mich mitten in der Nacht, weil sie irgendwas mit mir besprechen wollte." Nichts Wichtiges, das dringend in dieser Stunde geklärt werden musste. Es geht um Belanglosigkeiten. Der Abwasch vom Abendessen, das Treffen am nächsten Tag mit einem Freund, so was.

Sie will hören, dass er sie liebt: Los, sag das jetzt, sofort. Warum reagierst du nicht?
Häufig endeten die Streits in einem "fürchterlichen Tumult", erklärt Thomas. Geschirr kracht auf den Boden, Gabeln fliegen durch die Küche. Einmal drückt Elisa dem Mann eine Weinflasche gegen Brust und Oberarm. Er wehrt seine Freundin ab und nimmt sie in den Schwitzkasten. Am Ende sind seine Arme übersät mit blauen Flecken, sie trägt ein blaues Auge davon.

Zur Polizei gehen sie nicht, keiner von beiden. Elisa drohte damit, es zu tun, sagt Thomas: "Sie droht heute noch." Das setzt ihn unter Druck, macht ihm Angst.

Gewalt gegen Männer wird belächelt

Über Männer, die Gewalt erfahren, gibt es viele Vorurteile: Das sind keine "richtigen" Männer. Stimmt es überhaupt, wenn die erzählen, dass sie von einer Frau angegriffen worden sind? Männer können sich schließlich wehren, sie sind stärker und größer als Frauen.

Männer können sich durchsetzen, das müssen sie im Job, vor dem Chef, gegenüber Kolleginnen und Kollegen. Warum soll das zu Hause anders sein? Und überhaupt: Männergewalt ist physisch, Frauengewalt psychisch.

"Gewalt gegen Männer wird belächelt", sagt Rolf Weinert vom Verein Männerwohnhilfe in Oldenburg in Niedersachsen. Von den Behörden, der Polizei, aber auch von manchen Frauen und Männern. "Ich kenne keinen einzigen Fall, bei dem die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen eine Frau eröffnet hat."

"Männer, die körperliche oder seelische Gewalt von ihren Partnerinnen erfahren, sind häufig genauso geschockt davon wie Frauen, die das umgekehrt erleben", stellt Familientherapeut Peter Thiel fest. Unter dem Dach im Hinterhof eines Berliner Mietshauses betreibt er seine Beratungspraxis.

Kleiner, karger Raum, abgezogene Dielen, tiefe, schwingende Sessel. Zu ihm kommen Paare, die ihre Liebe wiederfinden, und Paare, die sich trennen wollen oder schon getrennt sind und nicht wissen, wie sie am besten den Umgang mit den Kindern regeln.

Zu ihm kommen aber auch Männer, die von ihren Ehefrauen und Freundinnen geschlagen und gedemütigt werden.

Thiel resümiert: "Manche Männer sind völlig hilflos, sie wissen weder ein noch aus und schon gar nicht, was sie tun können."

Mit dem Therapeuten können sie wenigstens darüber reden.
Es kommen Bauarbeiter, Polizisten, Lehrer, Ingenieure, Architekten, Professoren. Es sind junge, mittelalte und ältere Männer. Die meisten haben Jobs, manche sind arbeitslos.

Sie kommen aus Deutschland und aus anderen Ländern der Welt. Sie bilden eine ebenso heterogene Gruppe wie Frauen, die von ihren Partnern geschlagen werden. Und sie sind ebenso rat- und wehrlos wie die Frauen.

Peter Thiel erinnert sich an einen Mann, der von seiner Frau beschimpft und emotional verletzt worden war. Sie habe ihn mit Worten und Gesten bedroht. Er habe nicht verstanden, warum sie das tat.

Ebenso wenig hätte er eine Lösung für die Auseinandersetzungen, sagt Thiel: "Er war wütend und aufgeregt und dadurch handlungsunfähig." Wenn es "mal wieder so weit war", wenn sie ihn verbal angriff und sich der Mann bedrängt fühlte, habe er sich in die S-Bahn gesetzt, sei durch die Nacht gefahren und erst am Morgen nach Hause zurückgekehrt.

Warum hat der Mann nicht bei Freunden übernachtet? Sich von ihnen in den Arm nehmen lassen? Der Mann hatte keinen Vertrauten, dem er so etwas erzählen konnte.

Thiel sagt: "Viele Männer haben keine Freunde, weder männliche noch weibliche, denen sie solche Erlebnisse anvertrauen können. Das ist ein Problem." Der einzige und beste Freund vieler Männer sei deren Frau, weiß Thiel.

Sprachlosigkeit der Männer behindert Forschung

Manchmal kommt Thomas betrunken nach Hause. Elisa "bombardierte" ihn vorher mit SMS, "terrorisierte" ihn am Handy. Der Alkohol betäubt ihn, er lässt sich wegtragen vom Wein und vom Whisky.

Nachdem er die Wohnung betreten hat, steuert er direkt sein Arbeitszimmer an, dort verkriecht er sich unter dem Schreibtisch. Der ist groß und schwer, wie ein Dach, der bietet mir Schutz, glaubte Thomas. Dort liegt er zusammengekauert und wartet darauf, rauskommen zu können, ohne dass ihm etwas geschieht. Manchmal schläft er die ganze Nacht unter dem Holztisch.

Seinen Freunden erzählt er nichts. Nichts von Elisas Beschimpfungen und Herabwürdigungen, nichts von ihrem Biss in sein Ohr, nichts von seiner Gegenwehr. Manche ahnen, dass bei Thomas und Elisa etwas nicht stimmt. Keiner stellt Fragen.

"Unter Männern ist es ein Tabu zu erzählen, dass die Frau tyrannisch ist. Es ist ein Tabu, sich als Opfer zu outen", erklärt Thomas. Man laufe Gefahr, sich lächerlich zu machen und sich in seiner Männlichkeit zu reduzieren. "So möchte man vor anderen nicht dastehen."

Die Sprachlosigkeit vieler Männer, ihre Sorge, gesellschaftliches Prestige einzubüßen, wenn sie ihre Opfererfahrung öffentlich machen, behindert nicht nur die wissenschaftliche Forschung zum Thema. Sie ist vor allem ein Problem für Betroffene selbst.

"Über Gewalt zu sprechen, fällt niemandem leicht", sagt Familientherapeut Peter Thiel. "Männern fällt es in der Regel noch schwerer als Frauen."

Thiel sieht den Grund dafür in einem archaischen Männerbild, das auf Stärke, Dominanz und Unabhängigkeit gründe. Wer das nicht bediene, sei in den Augen mancher anderer kein "richtiger Mann". Dahinter steckten Klischees wie: Ein Mann weint nicht. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Ein Mann hat seine Frau im Griff.

Männer, die nach diesen Leitsätzen lebten, trügen einen "inneren Panzer", sagt Thiel. Sie glauben, dadurch geschützt und wehrhaft zu sein, mehr Selbstsicherheit auszustrahlen, indem sie ihre Seele und ihre Emotionen verbarrikadieren. Sie denken, solch ein "Panzer" mache sie unangreifbar für Sentimentalitäten und Gefühlsduseleien.

"Das ist falsch", meint Thiel, "das Gegenteil ist der Fall." "Panzermänner" scheinen nur nach außen stark, nach innen sind sie verletzlich und instabil.

Auch die Wissenschaft beklagt die Sprachlosigkeit der Männer: Ohne ausreichende Erkenntnisse über Gewalt gegen Männer, die insbesondere Opfer vermitteln könnten, sei es unmöglich, Konfliktlösungen zu entwickeln.

"Viele Männer wagen es nicht, sich zu offenbaren", hat Heike Hölling, Gesundheitswissenschaftlerin am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, erfahren.3 Die Scham darüber, insbesondere dann, wenn sie von einer Frau geprügelt und gedemütigt worden sind, wiege "sehr schwer".

Hölling sagt: "Schwäche oder Angst zu zeigen, sozial nicht integriert zu sein, vielleicht sogar zu weinen, passt nach wie vor nicht zum Männerbild in der Gesellschaft."

Der Beitrag ist ein Auszug aus „Und er wird es wieder tun": Gewalt in der Partnerschaft von Simone Schmollak.

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