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Nizza-Augenzeuge: "Jetzt sind sie gekommen, um uns zu holen"

15/07/2016 16:05 CEST | Aktualisiert 16/07/2017 11:12 CEST
Pascal Rossignol / Reuters

Da in Nizza gerade Hochsaison herrscht und da außerdem an diesem Wochenende das Jazz-Festival stattfinden sollte, ist die Stadt voller als sonst.

Der französische Nationalfeiertag findet natürlich jedes Jahr statt. Die ganze Stadt ist mit Fahnen geschmückt und am Ende gibt es ein großes Abschlussfeuerwerk. Das Feuerwerk wird entlang der traumhaften Bucht von Nizza von Schiffen aus entzündet. Die Menschen versammeln sich mit Blick auf das Meer am Strand und entlang der Straßen. Sie haben ihre Picknickkörbe dabei und sie sind an diesem Abend so richtig in Feierlaune. Für zehntausende Menschen zählt dieser Abend zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres.

Die Terroristen hatten ihr Attentat auf die Minute genau geplant

Das Feuerwerk war gerade vorbei. Ich war mit meinen Freunden am Strand unterwegs gewesen und wir wollten uns auf den Weg in Richtung Altstadt machen. Dabei wollten wir an der Promenade des Anglais, der Strandpromenade von Nizza, entlang gehen. Die Terroristen hatten ihr Attentat auf die Minute genau geplant, nämlich genau für den Augenblick, an dem die Straße voller Menschen sein würde, die nach dem Feuerwerk in Richtung Stadt aufbrechen wollten. Zu diesem Zeitpunkt waren so viele Menschen unterwegs wie nur irgendwie möglich.

Wir befanden uns gerade in einer der kleinen Gassen in der Nähe der Hauptstraße Cours Saleya, die parallel zur Promenade verläuft. Meine Freunde und ich waren vielleicht knapp 300 Meter von der Promenade entfernt, als plötzlich ein riesiges Gedränge ausbrach - eine gewaltige Menschenmasse rannte panisch von der Promenade weg.

Ich zog uns schnell in eine Bar hinein. Die anderen Bars um uns herum verschlossen ihre Türen und ließen die Rollläden herunter.

Ich fragte die vorbeilaufenden Menschen, wovor sie wegrannten, doch sie wussten es nicht. Das Unheimliche daran war, dass der Strom an Menschen für einen Augenblick abflaute und kurz danach wieder stärker wurde.

Die Menschen rannten in Panik um ihr Leben

Wir verließen die Bar, um uns mit anderen Freunden zu treffen, die wir nur wenige hundert Meter entfernt in der Nähe unserer Wohnung verloren hatten. Alle Bars und Restaurants machten zu. Für mich war das interessant zu beobachten, denn ich hatte bereits früher schon einmal etwas Ähnliches erlebt. Anfang der 1990er-Jahre hing ich wegen einer Terrordrohung der IRA zusammen mit einem Freund in London fest. An diesem Abend in London hatten alle Restaurants geöffnet, damit Menschen, die Angst hatten, dort Unterschlupf finden und etwas essen konnten. Die Restaurants blieben bis 3 Uhr morgens offen, bis wir endlich nach Hause fahren durften.

In der vergangenen Nacht schlossen alle Restaurants und verriegelten ihre Türen. Niemand wurde hineingelassen, nicht einmal, um auf die Toilette zu gehen. Die Besitzer hatten ganz offensichtlich Angst, dass das Gleiche passieren könnte wie in Paris, nämlich dass die Terroristen mit Gewehren bewaffnet herumziehen und in die Menge schießen würden. Deshalb rannten die Menschen in Panik um ihr Leben und telefonierten dabei hektisch mit ihren Freunden.

Wir machten uns also gemeinsam auf den Weg in Richtung Stadtzentrum. Wir gingen zum Place Garibaldi, wo alle Restaurants und Bars gerade schlossen und alles voll war mit Menschen, die sich vom Strand und der Altstadt entfernten. Wir gingen nach Hause und beantworteten die permanent eintreffenden Nachrichten von besorgten Freunden und versuchten, alle Freunde und Angehörigen zu kontaktieren, die sich gerade in Nizza aufhielten.

Sie sind gekommen, um uns zu holen

Auch an diesem Morgen herrscht noch viel Aufregung in den Straßen und es gibt viel zu tun.

Obwohl es bereits mehrmals Warnungen gegeben hatte und obwohl Gerüchte kursierten, dass möglicherweise am Strand etwas passieren könnte, hatte keiner wirklich geglaubt, dass es dann auch tatsächlich so sein würde. Und jetzt ist es passiert.

Gestern Nacht war mir das ganze Ausmaß des Vorfalls noch gar nicht klar. Doch als ich heute Früh aufwachte, sah ich, dass jemand in den Sozialen Medien einen Beitrag mit dem Hashtag #JeSuisNice gepostet hatte. Ich dachte: Jetzt sind sie hierher gekommen, sie sind gekommen, um uns zu holen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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