BLOG

Biowissenschaften in Großbritannien und Deutschland

09/08/2015 10:04 CEST | Aktualisiert 09/08/2016 11:12 CEST
Thinkstock

1978 gelang in Großbritannien ein medizinischer Durchbruch - das erste Retortenbaby der Welt wurde geboren. Die verantwortlichen Wissenschaftler, Robert Edwards und Patrick Steptoe, gehörten zu den Besten ihres Fachs und genossen hohes internationalen Ansehen. In Deutschland war die Forschung später erfolgreich - hier kam das erste Retortenbaby 1982 am Universitätsklinikum Erlangen zur Welt.

Anfangs war die moralische Berechtigung eines derartigen Eingriffs der Wissenschaft in die Natur heftig umstritten. Inzwischen aber ist die In-vitro-Fertilisation (IVF) auf der ganzen Welt verbreitet, und seit der Geburt der kleinen Louise Brown sind schätzungsweise fünf Millionen Babys mit Hilfe von IVF oder ähnlichen Verfahren geboren worden.

Fortschritte wie diese verdanken wir den „Life Sciences", also den Biowissenschaften. Längst geht es in diesem Wissenschaftsfeld um viel mehr als die Entwicklung neuer Arzneimittel - nämlich darum, die genetischen Ursachen von Krankheiten zu erkennen und die genetische Veranlagung des einzelnen Menschen analysieren zu können. Das hat uns die Tür zur Ära der personalisierten Medizin eröffnet, die neue, gezieltere Therapien ermöglicht.

Schon lange werden die Biowissenschaften von einer Diskussion über ihre ethischen Grenzen begleitet.

Manche Verfahren lösten kontroverse Debatten aus, so z.B. die Nutzung humaner embryonaler Stammzellen in der Forschung, das Erzeugen gentechnisch veränderter Lebensmittel oder die Präimplantationsdiagnostik zur Früherkennung möglicher Erbkrankeiten.

2015-08-07-1438934857-5724924-Innovationisgreat.JPG

Natürlich muss über den verantwortungsvollen Umgang mit Leben und die Auswirkungen biomedizinischer Entwicklungen nachgedacht und diskutiert werden. Ebenso wichtig ist es allerdings, sich vor dieser bahnbrechenden Forschung nicht zu verschließen. Denn dann würden wir nicht nur wissenschaftlich, sondern auch wirtschaftlich international den Anschluss verlieren.

Mir fällt auf, dass Großbritannien und Deutschland hier unterschiedliche Traditionen haben. In Deutschland werden die genannten Verfahren kontroverser diskutiert und restriktiver gehandhabt als in Großbritannien.

So ist es in Deutschland verboten, embryonale Stammzellen für Forschungszwecke herzustellen.

In Großbritannien, das die liberalste Gesetzgebung zur Stammzellenforschung in Europa hat, ist dies erlaubt. Der Wert des Lebens wird von vielen Deutschen so hoch angesetzt, dass manche Verfahren hier grundsätzlich abgelehnt werden. Für viele Briten dagegen rechtfertigt das Ziel - das Verstehen und Verhindern von Krankheiten - diese Methoden.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Großbritannien in den Life Sciences, die von der Regierung gefördert werden, zu den Besten der Welt gehört. Die Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Unternehmen und Gesundheitsdienstleistern spielt eine entscheidende Rolle dabei, medizinische Innovation rasch vom Labor zu den Patienten zu bringen.

Im Rahmen des Kooperationsprojekts MedCity hat sich insbesondere das Dreieck London-Oxford-Cambridge zum wegweisenden Standort kooperierender Forschungseinrichtungen, Gesundheitszentren und dynamischer Unternehmen entwickelt. Auch die deutsch-britische Zusammenarbeit ist mit 40 Forschungs- und Entwicklungsprojekten von Bayer und 19 von Boehringer Ingelheim herausragend und hat die gesamte Branche deutlich beeinflusst.

Gehen wir aber noch einmal zurück zum meinem Ausgangspunkt. Nachdem vor 37 Jahren das erste Retortenbaby auf die Welt kam, hat Großbritannien im Februar dieses Jahres die erste In-vitro-Fertilisation mit drei Elternteilen genehmigt.

Bei diesem neuen Verfahren wird die DNA von zwei Müttern verwendet, um auch Trägerinnen einer schweren mitochondrialen Erbkrankheit die Geburt nicht erblich belasteter Kinder zu ermöglichen. Wie so viele der von den Life Sciences entwickelten Verfahren eröffnet auch die „Drei-Eltern-IVF" ganz neue Möglichkeiten. Wir sollten uns davor nicht fürchten!


Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Video: Familie erlebt blaues Wunder beim Auspacken einer neuen Matratze

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft