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19 Jahre mit HIV - mein Brief an die Krankheit

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SILVIA PETRETTI
Facebook/ Silvia Petretti
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Lieber HI-Virus,

heute sind wir seit 19 Jahren zusammen. In diesem Jahr werde ich zudem auch noch 50 Jahre alt. Du bestimmst mein Leben, daran gibt es keinen Zweifel. Du hast mich in so viele Richtungen gedrängt. Höhen und Tiefen hast du mir bereitet.

Nie habe ich mich so einsam und kaputt gefühlt, wie vor 19 Jahren. Aber heute verbindest du mich mit einer großartigen Gemeinschaft von Menschen, die trotz Angst, Leiden, Krankheit und Stigma gewachsen sind, der Krankheit trotzen und in voller Blüte stehen.

Du weißt, dass mich in Interviews die Frage danach, wie ich mich mit Aids angesteckt habe, am meisten ärgert. Es ärgert mich, weil ich weiß, dass es Journalisten eigentlich gar nicht wirklich interessiert, wie ich mich tatsächlich angesteckt habe.

Sie wollen eine saftige Geschichte und stellen mich entweder als Opfer oder rücksichtslose Schlampe dar.

Aber es ist wichtig, danach zu fragen, warum gewisse Dinge in unserem Leben geschehen. Ich wuchs in den 70er- und 80er-Jahren in Italien auf, meine Familie gehörte zur Mittelschicht.

Mein Vater war Lehrer und meine Mutter Archäologin. Sie waren fortschrittlich und gebildet und gehörten der Kommunistischen Partei Italiens an. Sie gaben mir einen unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn und dafür bin ich ihnen unheimlich dankbar.

Jedoch waren sie keine tollen Eltern. Nicht, weil sie mich nicht liebten oder sich nicht bemühten, sie waren einfach emotional nicht in der Lage, für ein Kind zu sorgen und ihm die emotionale Stabilität zu geben, die es braucht.

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Ich glaube nicht, dass es ein persönliches Defizit ihrer individuellen Persönlichkeiten war. Ich glaube, dass sie wie viele Menschen ihrer Generation durch die Kindheit im Krieg traumatisiert waren.

Meine Mutter hat ihre Mutter verloren, als sie 19 Jahre alt war. 1945, wenige Tage vor Ende des Krieges, durch Bomben der Amerikaner auf die Zivilbevölkerung, die Teil der "Befreiung" waren.

Mein Vater hat seinen Vater bis er 16 Jahre alt war kaum gesehen. Mein Großvater war in der Armee und nach Ende des Krieges war er mehrere Jahre als Kriegsgefangener in Gefangenschaft.

Als ich ein Kind war, sprachen sie sehr oft davon, wie es war, in einem faschistischen Regime, während der Nazi-Besetzung und im Krieg aufzuwachsen.

Sie sprachen von der Angst, der bedrückenden Stille, den schwarzen Hemden, dem Hunger, dem Terror und wie sie das Verschwinden ihrer jüdischen Freunde verwirrte.

Als der Krieg vorbei war, beendeten sie ihr Studium und heirateten schon bald darauf. Aber sie beide hatten psychische Probleme: Depressionen und Panikattacken.

Besonders meine Mutter durchlief das gesamte psychiatrische System der 60er- und 70er-Jahre: Elektroschocks, Sektionen und Medikamente, die sie in einen geistigen Dämmerzustand versetzten.

Ich glaube, das System war besonders hart zu meiner Mutter, weil sie eine Frau war, die nicht den üblichen Geschlechtervorstellungen entsprach. Als Kinder versuchten mein Bruder und ich so gut es ging klar zu kommen.

Meine Eltern waren keine schlechten Menschen, aber sie konnten uns nicht beschützen, uns ein Wegweiser sein oder eine Verbindung zu uns Kindern aufbauen.

Es ist nicht verwunderlich, dass auch ich in meiner Jugend mit Depressionen, Unsicherheit und wenig Selbstbewusstsein zu kämpfen hatte.

Ich begann mit harten Drogen zu experimentieren und mich sexuell auszuleben.

Ich erzähle diese Geschichte nicht aus Selbstmitleid. Ich versuche nur das, was mir und vielleicht vielen anderen auf andere Weise geschehen ist, in einen historischen Kontext einzuordnen.

Als junges Mädchen mit wenig Selbstbewusstsein und Depressionen in einem so sexistischen Land wie Italien in den 1980er-Jahren war das ein Rezept für eine Katastrophe. Als junges Mädchen wurde von dir erwartet, offen und sexuell bereit zu sein.

Aber die Machtstrukturen waren gegen dich. Wenn du ein Kondom benutzen wolltest, dann warst du im besten Fall eine Spaßbremse, schlimmstenfalls eine Schlampe. Du konntest nicht gewinnen. Ich weiß nicht, ob es heute so viel besser ist.

Ich habe über diese Dinge in letzter Zeit sehr viel nachgedacht. Faschismus liegt in der Luft, Einsparungsmaßnahmen, die besonders die Armen treffen, Fremdenfeindlichkeit gegenüber Flüchtlingen, der Bürgerkrieg in Syrien.

Alles entlädt sich in Ereignissen wie den Ausschreitungen in Dover vor einigen Tagen. Immer wieder muss ich an die traumatischen Dinge denken, die Flüchtlinge ertragen müssen, die vor Krieg, Gewalt und Armut fliehen. Wie schlecht wir doch darauf vorbereitet sind, zu helfen. Ich denke auch daran, wie ein Trauma von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

Ich kämpfe immer noch mit psychischen Problemen. Ich stelle mich den immer wiederkehrenden Depressionen und der inneren Stimme, die mir einreden will, dass doch alles sinnlos und unmöglich ist, entgegen.

Aber liebes HI-Virus, irgendwie bist du auch der Spiegel meiner Stärke und Widerstandskraft.

Im Angesicht des Todes und der Verletzlichkeit habe ich mir selbst die Festigkeit angeeignet, die mir meine Familie nicht geben konnte. Ich habe in der globalen Gemeinschaft des Widerstandes Stärke gefunden.

Wir können HIV nicht isoliert thematisieren. Viele junge Menschen sind immer noch einem HIV-Risiko ausgesetzt, weil sie an Depressionen leiden und damit nicht umgehen können. Sex kann so ein angenehmer und einfacher Trostspender sein.

So sehr ich auch glaube, dass wir all die Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen, für die HIV-Vorbeugung brauchen, Präexpositionsprophylaxe (PrEP) eingeschlossen, so denke ich auch, dass psychische Probleme und Drogenmissbrauch bei jungen Menschen (besonders in der LGBTQ-Gemeinde, aber nicht nur dort) immer noch nicht die nötige Aufmerksamkeit erhalten.

In der letzten Woche habe ich eine Gruppe von Frauen unterstützt, die mit dem HI-Virus leben. Ihnen soll bei psychischen Problemen der Zugang zu Hilfe erleichtert werden. Was ich gesehen habe war ein Netz von sexueller Gewalt, HIV, psychischen Problemen und Armut.

Das Netz ist so eng gewebt, dass ich mir nicht sicher bin, wie wir es entwirren können. Es ist nicht nur der Zugang zu den nötigen HIV-Medikamenten, ärztlichen Dienstleistungen oder eine nicht feststellbare virale Belastung.

Es geht auch darum, Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit zu geben. Das bedeutet Wohnraum und ein soziales System, das denen hilft, die am gefährdetsten sind. Eine Welt voll Herzlichkeit und Mitgefühl, die Faschismus keine Chance gibt.

Dieser Blog-Post erschien zuerst auf "The Diary of an HIV+Activist" und anschließend in der Huffington Post UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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