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Warum uns die Natur auftanken lässt!

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Unserer Leistungsfähigkeit sind Grenzen gesetzt. Nach intensiven Arbeitsphasen brauchen wir Pausen, um uns zu erholen und neue Energie zu tanken. Viele Menschen zieht es dann in Parks oder aufs Land. Sie möchten die Natur geniessen und tun dabei ganz unbewusst etwas Gutes für Geist und Körper.

Eine städtische Umgebung beansprucht pausenlos unsere Aufmerksamkeit - egal ob bewusst oder unbewusst. Nehmen wir unbewusst laute Musik auf der Strasse wahr, handelt es sich um unwillkürliche Aufmerksamkeit. Wollen wir wissen, woher die Musik kommt, dann ist es gelenkte Aufmerksamkeit. In einer Stadt gehen wir an unzähligen Menschen, Cafés, Geschäften und Autos vorbei. Ohne es zu wollen, sehen, hören, riechen wir ständig irgendetwas. Die wenigsten werden sich beim Besuch eines Einkaufszentrums bewusst sein, dass ihnen dort während eines kurzen Aufenthalts mehr Menschen begegnen als einem Dorfbewohner noch vor 150 Jahren in einer ganzen Woche. Wie soll man da seine Batterien wieder aufladen und zu der Aufmerksamkeit finden, die zur Bewältigung des Alltags nötig ist?

Eine wichtige Aufgabe steht an? Dann mal raus in die Natur!

In einem Experiment wollten die US-amerikanischen Psychologen Marc Berman, John Jonides und Stephen Kaplan untersuchen, welche Umgebung besser darin unterstützt, Informationen langfristig aufzunehmen und dabei gleichzeitig zu entspannen.

In ihrer Untersuchug mussten Probanden unterschiedlich lange Zahlenreihen rückwärts auswendig lernen. Hierfür ist ein hoher Grad an bewusster Aufmerksamkeitslenkung erforderlich. Danach mussten die Teilnehmer einen einstündigen Spaziergang auf festgelegten Routen machen. Manche gingen durch ein Waldgebiet mit wenig Menschen und wenig Verkehr. Andere spazierten durch ein belebtes Stadtgebiet. Im Anschluss mussten alle nochmals die Konzentrationsaufgabe ausführen. Dabei überprüften die Forscher, ob sich die Aufmerksamkeitsleistung verbessert hatte.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Waldspaziergänger besser geworden waren. In der Gruppe der Stadtspaziergänger hatte sich nichts verändert. Für die Forscher steht fest, dass wir uns in der eher „reizarmen" Natur Erlerntes besser merken können und dabei gleichzeitig auch unsere „kognitiven Batterien" aufladen. Den Grund sehen sie darin, dass in der Natur unsere unwillkürliche Aufmerksamkeitskomponente weniger in Anspruch genommen wird, weshalb wir uns im Ganzen besser erholen. Sie empfehlen daher, vor Prüfungen oder wichtigen Terminen lieber einen Spaziergang durchs Grüne zu machen, als noch eine Stunde Pauken anzuhängen.

In der Natur lässt es sich leichter denken

Auch der US-amerikanische Psychologe David Strayer betont, dass die Natur nicht nur gut für das Wohlbefinden, sondern auch für das Denken ist. In einer Studie zusammen mit seinen Kollegen Ruth Ann Atchley und Paul Atchley zeigte er, wie belebend eine Auszeit vom Stadtleben für die mentalen Fähigkeiten sein kann.

An seinem Experiment nahmen knapp 60 Personen teil, die vier bis sechs Tage ganz frei von elektronischen Geräten durch die amerikanische Wildnis wanderten. Alle Probanden absolvierten einen zehnteiligen Kreativitätstest. 24 davon lösten die Aufgaben, bevor sie aufbrachen, also noch unter dem Einfluss ihres normalen Alltags. Die anderen befassten sich mit dem Test am Morgen ihres vierten Wandertages. Wer vier Tage in der Natur unterwegs gewesen war, löste sechs der zehn Aufgaben richtig. Vor Beginn der Wanderung waren es nur vier von zehn Aufgaben. Die Fähigkeit, Probleme zu lösen, hatte sich also um 50 Prozent verbessert.

Spannend zu untersuchen wäre, ob der positive Effekt allein durch die Natur bedingt wird oder auch durch den Verzicht auf technische Geräte. Bleibt somit abzuwarten, ob die Forscher auch untersuchen werden, wie erholsam es ist, mit dem Mobiltelefon am Ohr durch den Wald zu laufen. Vielleicht gibt uns unser Bauchgefühl dazu schon eine erste Antwort?

Grün tut jedem gut!
In einer repräsentativen Langzeitstudie wurden vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und der Technischen Universität Berlin Befragungsdaten aus den 32 grössten Städten Deutschlands ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Grossstadtmenschen umso zufriedener mit ihrem Leben sind, je näher sie an einem Park leben. Dieser positive Natureffekt ist jedoch geringer als der negative Effekt einer unschönen Umgebung. Das gilt insbesondere für Haushalte mit hohem Einkommen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Wissenschaftler einer grossen Studie aus den Niederlanden: Stadtbewohner, die in einem grünen Umfeld leben, sind weniger stressanfällig und offener für soziale Kontakte. Zudem fühlen sie sich seltener einsam und insgesamt gesünder als Städter, die von wenig Grün umgeben sind.

Weitere Ergebnisse einer Berliner Altersstudie zeigen, dass betagte Stadtbewohner, die in fussläufiger Nähe zu einer Parkanlage wohnen, seltener unter Schmerzen, Diabetes, Schlafstörungen und Gelenkerkrankungen leiden, stattdessen aber stärker am sozialen Leben teilnehmen.

Sicherlich darf bei diesen Studien die Frage nicht ausser Acht gelassen werden, ob die Menschen zufriedener sind, weil Grünflächen in der Nähe sind, oder ob zufriedenere Menschen dazu neigen, in die Nähe von Parks zu ziehen. Ebenso stellt sich die Frage, inwiefern finanzielle Möglichkeiten förderlich für die Gesundheit sind: Geldsorgen lassen nicht gut schlafen, und wahrscheinlich wohnen finanziell besser Gestellte eher in Parknähe als in grauen Wohnblocks. Dennoch scheint es, dass sich jedes Fleckchen Grün positiv auf die seelische und körperliche Gesundheit auswirkt.

Stresshormone werden abgebaut, Blutdruck sinkt

Wie die Natur uns entspannen lässt, kann man messen: Nachweislich sinken Stresshormone, Blutdruck und Pulsschlag, wenn wir im Grünen sind. In einer Studie mit über 1000 Probanden konnten englische Wissenschaftler der University of Essex in Colchester zudem nachweisen, dass sich körperliche Aktivitäten in der Natur positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Dabei reichen bereits fünf Minuten Bewegung im Grünen pro Tag aus, um das Risiko für psychische Leiden zu reduzieren und das Selbstwertgefühl signifikant zu verbessern. Dieser Effekt zeigte sich bei allen Untersuchungsgruppen, ob gesund oder nicht. Besonders deutlich konnte er bei psychisch belasteten Menschen und bei jungen Leuten nachgewiesen werden.

Also: raus ins Grüne!

Seien Sie so oft draussen wie möglich, egal, ob Sie in den Wald oder in einen Park gehen. Selbst ein kleiner, aber bepflanzter Balkon ist besser, als immer nur in geschlossenen Räumen zu sein. Statt auf dem Laufband macht Joggen im Freien mehr Spass. Wieso Yoga oder Tai Chi nicht mit Gleichgesinnten draussen machen? Überhaupt, legen Sie soziale Aktivitäten nach draussen. Statt Feierabendbierchen in einer Kneipe lieber Picknick im Stadtpark. Vielleicht lädt eine Wiese zum Federball- oder Fussballspielen ein?

Ich habe mir angewöhnt, fast jeden Tag am Waldrand zu spazieren. Manchmal beginne ich meinen Weg gehetzt oder mit schlechter Laune. Spätestens wenn ich nach 20 Minuten meinen Lieblingsbaum sehe, habe ich Ärger und Sorgen vergessen.

Literatur:
M. G. Berman, J. Jonides, S. Kaplan (2008): The cognitive benefits of interacting with nature. Psychological Science, 19/12, S. 1207−1212
C. Krekel, J. Kolbe, H. Wüstemann (2015): The Greener, The Happier? The Effects of Urban Green and Abandoned Areas on Residential Well-Being, The German Socio-Economic Panel study at DIW Berlin

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Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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