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Silke Pan Headshot

"Ich dachte, ich erlebe ein Wunder": Die querschnittsgelähmte Sportlerin Silke Pan berichtet, wie sie dank einem Exoskelett wieder laufen kann

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EXOSKELETT
Twiice
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Silke Pan ist Künstlerin und Sportlerin. Seit einem Unfall bei einer Trapezübung 2007 ist die ehemalige Artistin querschnittsgelähmt. Sie war bis Ende letzten Jahres im deutschen A-Kader im Handbike. In diesem Jahr ist sie wettkampfmäßig ausgestiegen, weil sie sich mit der Szene nicht mehr identifizieren konnte.

2016 fuhr Pan mit dem Handbike 13 Schweizer Alpenpässe hinauf und interviewte am Gipfel unterschiedliche Menschen. Über ihre Erlebnisse wird sie demnächst ein Buch veröffentlichen.

Sie fährt außerdem Rennrollstuhl und engagiert sich für behinderte Kinder. Seit Juli 2016 arbeitet sie mit der Hochschule Lausanne gemeinsam an einem Exoskelett und bestreitet damit auch Rennen.

Ich werde den Tag nie vergessen, als ich das erste Mal in einem Exoskelett stand. Seit neuneinhalb Jahren hatte ich nicht mehr gesehen, wie meine Beine laufen. Bei dem Anblick hatte ich Tränen in den Augen.

Seit einem Unfall 2007 bin ich querschnittsgelähmt und sitze im Rollstuhl. Als mich die Hochschule in Lausanne im Sommer letzten Jahres kontaktiert hat, weil sie eine Pilotin für ein Exoskelett suchte, wusste ich im ersten Moment gar nicht, was das ist.

Aus Neugier hab ich dann einfach zugesagt und mich kurz darauf mit den Ingenieuren von der Uni getroffen. Die haben mir dann einfach nur kurz erklärt: Das ist ein Roboter, der richtet dich auf und dann kannst du wieder stehen.

→ Exoskelett

Ein Exoskelett ist eine Stützstruktur, die außen am Körper getragen wird. Mittlerweile entwickeln Ingenieure Roboter und Maschinen, die die Bewegungen des Trägers unterstützen. Dabei treiben Motoren zum Beispiel Gelenke des Exoskeletts an.

Exoskelette mit Antrieb, wie das, das die Schweizer Universität Lausanne mit Silke Pan entwickelt, können Menschen mit Querschnittslähmung laufen. Bedient werden die Roboter per Knopfdruck, der Pilot steuert die Maschine also selbst.

Auch in der therapeutischen Medizin werden Exoskelette eingesetzt. Das Laufen hat zahlreiche positive Auswirkungen. Zum Beispiel kann so die Bewegung einer Abnutzung der Gelenke oder Wunden, die durch langes Sitzen auftreten, vorgebeugt werden.

Das Team hatte rund ein Jahr zuvor angefangen, ihr Exoskelett zu entwickeln, und suchte eine Pilotin für den Cybathlon, einen Wettbewerb für Menschen mit körperlichen Behinderungen, die mit Hilfe von Robotern und Prothesen einen Parcours bewältigen müssen.

Als ich dann zum ersten Mal in dem Exoskelett stand, war es wie ein Traum. Seit Jahren war ich nicht mehr auf meinen eigenen Beinen gestanden. Und die Motoren bewegten meine Beine - es war unvergesslich, meine Beine wieder in Bewegung zu sehen.

exoskelett

Silke Pan im Exoskelett in Lausanne (Quelle: TWIICE)

Ich dachte nicht, dass es so schwierig ist, in dem Exoskelett zu stehen

Auf der einen Seite war es wie ein Wunder, wieder stehen und gehen zu können. Für die meisten Menschen ist das selbstverständlich, aber wenn man seine Beine nicht mehr bewegen kann, merkt man erst, was fehlt.

Auf der andere Seite war ich enttäuscht. Denn es ist am Anfang unfassbar schwer, in dem Exoskelett zu stehen. Ich war noch durch ein Seil gesichert, kippte aber dauernd um. Ich dachte mir davor nicht, dass es so schwierig ist.

Trotzdem wollte ich das Training für den Cybathlon durchziehen, obwohl nicht mehr viel Zeit war bis der Wettkampf im Oktober stattfinden sollte.

Mehr zum Thema: Rennrollstuhl-Sportler Alfred Hufnagl: "Ein Lkw-Fahrer zerstörte meinen Traum - Hunderte gaben ihn mir zurück"

Und ich merkte Fortschritte. Ich habe sehr hart trainiert, drei bis viermal die Woche, manchmal den ganzen Tag.

Nach einem Monat, am 4. August, bin ich dann zum ersten Mal ohne Halterungen gelaufen. Das hat mich noch einmal sehr gerührt. Es war so, als hätte ich eine Freiheit wiedergewonnen, die ich verloren hatte.

Ich hatte am Anfang noch große Angst umzukippen, besonders nach hinten. Wenn ich mit meinem Rollstuhl umkippe, kann ich meinen Rücken krümmen und mich so schützen. Aber mit dem Exoskelett bin ich komplett steif, da geht das nicht.

Wir fuhren mit großen Hoffnungen zum Cybathlon

Trotzdem hat das freie Laufen gut funktioniert. So gut, dass ich - anders als ursprünglich geplant - aus dem Raum gelaufen bin, in den Fahrstuhl. Meine Angst wurde immer weniger. Ich bin dann auch aus dem Gebäude gelaufen, an die frische Luft. Irgendwann musste ich wieder rein - die Batterie bei meinem Exoskelett waren leer.

Das Training für den Cybathlon lief dann immer besser, ich habe sehr schnell Fortschritte gemacht. Wir haben die einzelnen Hindernisse geübt. Wir haben so viel trainiert und es lief auch sehr gut, also sind wir mit großen Hoffnungen zum Cybathlon gefahren.

Silke Pan läuft mit dem Exoskelett (Quelle: TWIICE)

Doch am Vorabend des Wettbewerbs bekamen diese Hoffnungen einen Dämpfer. Die Software funktionierte nicht, weil das Motherboard kaputt war. Zum Glück konnten die Ingenieure das reparieren und alles klappte - bis dahin.

Dann war der Wettkampftag und mein erstes Rennen stand an. Alles lief super, ich führte das Feld an - bis ich an die Treppe kam. Eigentlich waren die Treppen immer das Hindernis, das am besten funktioniert hat, also war ich total zuversichtlich.

Aber kurz vor dem Hindernis reagierte mein Exoskelett einfach nicht mehr auf meine Kommandos. Ich schaltete es aus und an - aber nichts ging mehr. Mein Team musste mich dann vom Feld tragen. Ich war im ersten Moment furchtbar enttäuscht. Denn schließlich war es ein Wettkampf - ich wollte gewinnen.

→ Cybathlon

Der Cybathlon fand erstmals im Oktober 2016 an der ETH Zürich statt. Der Wettbewerb für Teilnehmer mit körperlicher Behinderung, die Piloten genannt werden, wird auch von der Universität veranstaltet.

Die Piloten tragen dabei bionisch konstruierte Apparate wie Exoskelette und Prothesen, oder lösen Aufgaben mit einer Gehirn-Computer-Schnittstelle. Es gibt sechs Disziplinen: Fahrradrennen mit Muskelstimulation, Beinprothesen-Parcours, Rollstuhl-Parcours, Exoskelett-Parcours, Armprothesen-Parcours und Virtuelles Rennen mit Gedankensteuerung.

Der Exoskelett Parcours besteht aus mehreren Hindernissen, zum Beispiel einen Sessel, auf den sich die Piloten setzen müssen, einem Slalom-Hindernis, einer Rampe, auf der sich eine Tür befindet, die der Pilot öffnen muss, und einer Treppe.

Ein wahnsinniger Erfolg

Trotz des Ausfalls hatte ich genug Punkte gesammelt, um am Finale teilnehmen zu können. Das Exoskelett funktionierte wieder, aber zu viel wollten die Ingenieure auch nicht daran herumbasteln, aus Angst, dass dann noch etwas kaputt geht.

Doch dann erlebte ich die gleiche Situation wie im Vorrennen - mein Exoskelett reagierte nicht mehr. Mein Team musste mich wieder aus dem Parcours tragen. Trotzdem belegten wir den vierten Platz. Ein wahnsinniger Erfolg - denn im Gegensatz zu den anderen Teams, ist unser Exoskelett noch nicht auf dem Markt. Außerdem war es das jüngste im Feld.

Natürlich ist es immer ärgerlich als Athlet, wenn man knapp an einer Medaille vorbeischrammt. Aber wir sind trotzdem stolz, dass wir es mit unserem Exoskelett so weit geschafft haben. Und wir haben auch viel positives Feedback bekommen. Die Bewegungen, die man mit unserem Exoskelett machen kann, sind sehr grazil, es ist weniger klobig als andere. Und das bei einem Gewicht von weniger als 15 Kilo.

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Beim Cybathlon (Quelle: ETH Zürich / Nicola Pitaro)

Es ist, wie auf Stelzen zu gehen

Die ersten Momente mit dem Exoskelett waren schon ungewohnt, aber mittlerweile ist es für mich normal geworden, damit zu laufen. Es ist, wie wenn ein Kind lernt, Fahrrad zu fahren. Mittlerweile stelle ich mir vor, ich mache einen Schritt nach vorne, dann drücke ich auf den Knopf, mein Exoskelett bewegt mein Bein - und ich laufe.

Wenn mich jemand fragt, wie sich das anfühlt mit einem Exoskelett zu laufen, vergleiche ich das immer mit dem Gefühl, auf Stelzen zu gehen. Ich bin früher sehr viel auf Stelzen gegangen und damals hat mein Bein die Stelze bedient. Jetzt macht das eben meine Hand.

Die größte Herausforderung ist es, das Gleichgewicht zu halten. Ich kann das nicht mit der Hüfte suchen, da ich die nicht mehr spüre. Also muss ich das mit den Schultern machen. Das kann das Exoskelett nicht für mich übernehmen - es wäre dann viel zu schwer.
 
Mit der Erfahrung, die ich mittlerweile habe, habe ich da ein neues Körpergefühl entwickelt und kann mein Gleichgewicht gut halten.

Wir arbeiten weiter fleißig an unserem Exoskelett und haben auch die Ursache für die Probleme beim Cybathlon gefunden und behoben: Die elektromagnetischen Frequenzen der Computer und Kameras haben das System gestört und lahmgelegt.

Wir waren mit unserem Exoskelett bei der Erfindermesse in Genf, im Oktober werden wir wahrscheinlich bei einem Rennen auf der Rehacare-Messe in Düsseldorf teilnehmen.

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Beim Treppensteigen (Quelle: Twiice)

Wir hoffen, unser Exoskelett in zwei Jahren auf den Mark bringen zu können. Exoskelette haben einen so großen medizinisch-therapeutischen Nutzen. Wenn sie, wie unser Modell, modular sind, also mitwachsen können und auf verschieden Behinderungen anwendbar sind, sind Exoskelette auch für Kinder super.

Der Körper entwickelt sich ganz anders, wenn Kinder ein paar Stunden am Tag mit dem Roboter laufen.

Deshalb bin ich sehr froh, Teil dieses Projekts zu sein - und möchte meine persönlichen Erfahrungen mit dem Exoskelett auf gar keinen Fall missen.

Das Protokoll wurde von Katharina Schneider aufgezeichnet.

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