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Social Freezing: Das Ende eines Mythos

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Nun ist es auch in Deutschland angekommen. Social freezing. Das Angebot einiger Firmen aus dem Silicon Valley an Mitarbeiterinnen, unbefruchtete Eizellen schockgefrieren zu lassen und nach der Menopause wieder einsetzen und befruchten zu lassen, beherrscht die Diskussionen. Weitgehend unbeachtet bleibt die Warnung der Embryologin Helena Angemaier:

„Wer heute behauptet Social Freezing könnte ein Standardverfahren werden, ist unseriös. Oder sogar kriminell."

Es geht es um die Selbstbestimmung der Frau, nicht um einen gigantischen Markt. Oder?

Ist die Selbstbestimmung der Frauen wirklich das Interesse von Amazon und Facebook, die Standards setzen für Konkurrenten? Einer der ersten Lehrsätze der Betriebswirtschaft weist darauf hin, dass das Angebot die Nachfrage bestimmt.

Wir alle leben seit Jahrzehnten danach, passen uns dem Angebot und einer Erwartungshaltung an. „Familienfreundliche" Angebote von Unternehmen, wie eine Geburtenprämie und Lohnfortzahlung nach Geburt, haben nicht dazu geführt, dass Frauen in jungen Jahren verwertbarer für das Unternehmen sind. Von einer familienorientierten Arbeitswelt sind wir noch weit entfernt.

„Unerlässlich ist eine Unternehmenskultur, die den Arbeitsplatz auch an den Bedarfen der Familien ausrichtet. Und nicht umgekehrt die Familienplanung an die Arbeitgeberinteressen anzupassen versucht", so der Präsident des Deutschen Familienverbandes Dr. Klaus Zeh.

Der Traum von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit Unterstützung familienorientierter Konzerne entpuppt sich als Mythos. Freundlich zu Familien sind wir alle, aber bitte nicht familienorientiert.

Wie kommen wir auf die Idee, dass ein Unternehmen, das an der Familienplanung beteiligt wird, den selbstbestimmt richtigen Zeitpunkt für ein Kind akzeptiert? Es wird eher danach fragen, wann sich die Investition amortisiert hat. Vielleicht, wenn Pflegezeit für ein Kind und für pflegebedürftige Angehörige unvermeidbar zusammenfallen. Wenn ich selbst für das Unternehmen nicht mehr produktiv genug bin. Muss bis dahin die Pflegezeit outgesourct werden? Warum nicht die Zeit einer Schwangerschaft umgehen und anderen überlassen? Nicht nur die Logistik, sondern bereits die Produktion nach außen verlagern?

Der Vater der Anti-Baby-Pille hat im Alter von 90 Jahren eine Vision: Wir haben Sex ohne Zeugung geschafft, wir werden auch die Zeugung ohne Sex schaffen. Die perfekte Familienplanung. Eingefrorene Eizellen und Spermien (noch nicht fremdfinanziert) werden zum passenden Zeitpunkt zusammen geführt. Passend für wen? Für das Kind?

Seit Jahrzehnten unterwerfen wir die Ökologie der Ökonomie. Allmählich verbreitet sich die Sehnsucht nach mehr „Bio". Doch wenn wir eines Tages „Bio-Kinder" (Ranga Yogeshwar) vermissen, wird es zu spät sein. Dann fehlt uns eine ganze Generation.

Und die Familienpolitik? Die Macht der Konzerne wird unterstützt von Steigbügelhaltern. Die Bundesfrauen- und familienministerin meint, die Krankenkassen sollten Social Freezing bezuschussen. Überlegungen dazu, heißt es aus ihrem Ministerium, seien aber erst im Anfangsstadium. (Die ZEIT, „Ein Kind von Apple", 23.10.2014). Mit einem Apfel fing alles an.

Das soziale Einfrieren, verharmlosend noch als SF (Science Fiction) missverstanden, wird uns mit Wucht nicht nur vor die Füße, sondern auch auf die Köpfe knallen. Auf funktional entleerte Köpfe. Herz und Verstand können wegen Abwesenheit nicht mehr getroffen werden.