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700 Euro für Eltern: Anerkennung von Erziehungsarbeit

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Mit der Einführung des Betreuungsgeldes setzte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder einen liberalen Meilenstein in der deutschen Familienpolitik - und das aus folgenden Gründen:

Das Betreuungsgeld markierte einen ersten und richtigen Schritt zur Wahlfreiheit, also der verfassungsrechtlich gebotenen Gleichbehandlung unterschiedlicher Betreuungsformen.

Zur echten und flexiblen Wahlfreiheit gehört es aber, die häusliche mit der institutionellen Betreuung in der Kinderkrippe gleichzustellen. Aus diesem Grund ist es notwendig, das gegenwärtige Betreuungsgeld zu einem Betreuungsbudget in Höhe von mindestens 700 Euro auszugestalten.

Eltern stellen sich berechtigterweise die Frage, wieso ein Krippenplatz mit 1.000 Euro je Kind und Monat aus Steuermitteln bezuschusst, die häusliche Betreuung durch Mutter und Vater aber nicht honoriert wird. In der Debatte um das Betreuungsgeld wird ein qualitativer Unterschied gemacht, der realistischerweise nicht existiert.

Die Wahlfreiheit ist deshalb mehr als nur der Ausdruck einer diskriminierungsfreien Betreuungsförderung, es ist gleichzeitig die notwendige Anerkennung der Erziehungsarbeit von Eltern. Wir sollten nicht vergessen, dass die liebevolle Betreuung von Kindern im häuslichen Umfeld genauso eine hochzuschätzende und wichtige Erziehungsleistung ist, wie die professionelle Betreuung von Kindern bei der Tagesmutter oder in der Kinderkrippe.

Wahlfreiheit: diskriminierungsfreie Förderung und tiefes Vertrauen

Zur Wahlfreiheit gehört letztlich beides: ein Betreuungsbudget und eine hochwertige institutionelle Betreuung. Erst damit können Eltern selbstverantwortlich und frei entscheiden, welche Form der Betreuung die Beste für ihr Kind und welche konkret zu finanzieren ist.

Wahlfreiheit gibt es nur, wenn Familien eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten offen stehen. Das bedeutet auch eine Umorientierung von einer Objekt- zu einer Subjektförderung, die die Position von Eltern nachhaltig stärkt und ihnen einen größeren Einfluss auf die Gestaltung und die Qualität von Betreuungsangeboten erlaubt.

Die wachsenden Ansprüche an Qualifizierung, Qualitätsstandards und Professionalisierung bei der Kinderbetreuung und die Forderung nach einer Subjektförderung sind daher keine Gegensätze: Eltern sind laut Verfassung zunächst einmal die qualifiziertesten Betreuungspersonen ihrer Kinder - und ihnen kann auch zugetraut werden, sich ohne staatliche Kontrolle die richtige Unterstützung dabei zu suchen.

Ausdruck tiefen Vertrauens

Wahlfreiheit ist folglich Ausdruck eines tiefen Vertrauens in die Erziehungskompetenz von Eltern. Niemand - insbesondere nicht der Staat - soll Eltern vorschreiben dürfen, wie Eltern ihre Kinder zu betreuen haben und welche Betreuungsform, sei es institutionell oder häuslich, zu bevorzugen ist.

Verfassungsrechtlich ist der Staat sogar zur Neutralität verpflichtet: er darf kein bestimmtes familiäres Rollenbild fördern und gleichzeitig andere benachteiligen oder als modern beziehungsweise antiquiert bezeichnen. Der Staat ist vielmehr der Vielfalt in der Kinderbetreuung verpflichtet. Diesen Grundsatz betonte das Bundesverfassungsgericht 1998 im s.g. Kinderbetreuungsurteil.

Mit der Debatte um das Betreuungsgeld erlebten wir in Deutschland einen regelrechten Kulturkampf, um die Frage, welche Betreuung richtig und förderwürdig ist. Mit dem Betreuungsbudget und hochwertigen Kinderkrippen würden wir das gegenseitige Ausspielen von Lebensmodellen und die unsäglichen Wortschöpfungen und furchtbaren Diffamierungen von Eltern beenden.

Eltern, die ihr Kind selbst betreuen wollen, sind keine Heimchen am Herd. Und Eltern, die ihr Kind in eine Krippe geben, sind keine Rabeneltern. Der Maßstab muss immer die Entscheidung der Eltern sein, die ihre Kinder am besten kennen.

Dr. Klaus Zeh, Präsident des Deutschen Familienverbandes, setzt sich energisch gegen den Vorwurf zur Wehr, das Betreuungsgeld verleite Familien dazu, ihren Kindern öffentliche Betreuung vorzuenthalten:

„Familien dürfen nicht ohne Unterschied an den Pranger und unter Generalverdacht gestellt werden. Wie wollen wir Menschen denn Mut zur Familiengründung machen, wenn wir ihnen nicht einmal zutrauen, in den ersten Lebensjahren die richtigen Entscheidungen für die Betreuung und Förderung ihres Kindes zu treffen."

Es ist durch nichts belegt, dass arme Eltern automatisch schlechte Eltern sind und ihren Kindern Förderangebote vorenthalten. Wahlfreiheit darf nicht nur etwas für Einkommensgruppen sein, die sich das finanziell leisten können. Erziehungskompetenz hängt schließlich nicht vom Geldbeutel ab.

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