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Wunschkapitalismus - Finanzwelt zwischen Angst und Gier

22/11/2017 10:29 CET | Aktualisiert 22/11/2017 10:29 CET
Yuriy Panyukov via Getty Images

In der Finanzbibel des Wirtschaftsjournalisten Hans-Jürgen Jakobs Wem gehört die Welt?, gibt es sehr viele aufrüttelnde, erschreckende Geschichten und Zahlen. Eine davon ist, "60 Prozent der weltweiten Kredite laufen mittlerweile außerhalb des offiziellen Bankensystems. Kurzum: Hier ist eine Parallelwelt entstanden."

Er redet vom Schattenbankensektor, der schon 2007/2008 das weltweite Kartenhaus fast zum Einsturz gebracht hat. Eine Schattengruppe, bestehend aus Vermögensverwaltern, Private Equity Fonds, Geldmarktfonds oder Hedgefonds, die "von den Aktivitäten einer normalen Bank nicht mehr zu unterscheiden sind."

2015 beträgt das Weltfinanzvermögen 267 Billionen US$ -

die Weltproduktion lag bei 73 Billionen US$. (Jakobs)

Schattenbanken und Banken sind 2017 kaum voneinander zu unterscheiden - sie vergeben Kredite an Firmen, halten Aktienpakete an großen Konzernen, beraten Regierungen und Notenbanken und und und. Heute sieht es so aus, dass die größte Vermögensverwaltung Blackrock, wie Jakobs schreibt, allein fast 5 Billionen Dollar anlegt. "Das entspricht dem Anderthalbfachen der Wirtschaftsleistung des Exportweltmeisters Deutschland."

Wo legt eine einzige Finanzfirma 5 Billionen Dollar sicher an?

Schattenbanken beherrschen Industriezweige - bald auch Länder?

Banken unterliegen mittlerweile strengeren Regelungen als vor der globalen Finanzkrise - Vermögensverwalter nicht. Zudem sitzen Vermögensverwalter als Großaktionäre in den Banken und Versicherungen. Bei der Deutschen Bank wurde dem Buchautor erzählt: "Es fällt hier im Haus keine wesentliche Entscheidung gegen den Willen von Blackrock."

Dabei sollte seit dem Lehman-Brothers-Tsunami 2008 alles ganz anders werden.

Wir erinnern uns an die Bilder von Banken-und-Schattenbanken-Vorständen, die reihenweise vor den Präsidenten Bush und Obama auf die Knie fielen, damit diese sie mit Steuergeldern herauskaufen aus ihrem Totaldesaster. Die Welt, wie wir sie kannten, war durch die Casinobanker zu unserem persönlichen Desaster geworden. Bush und Obama retteten natürlich, die EU auch, Deutschland sowieso.

Die Geldhändler waren kleinlaut geworden - damals - sie hatten Angst.

Beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos, im Januar 2009, herrschte Untergangsstimmung; man sorgte sich ernsthaft um den Kapitalismus. Als Reaktion auf diese furchtbare Stimmung haben mein Mann und ich die Economist Group in London zu einer weltweiten Initiative bewegen können:

Wir wollten wissen, wie sie eigentlich aussehen soll, eine gute Bank im 21. Jahrhundert. The Good Bank - was sollte das sein?

Alle Teilnehmer, Banker und Denker, von Hongkong bis London, sorgten sich um Ethik und Moral; um die Sicherung langfristiger Geschäfte. Alle wußten: So können wir nicht weitermachen. Wir müssen es besser machen.

Dieses Zeitfenster ist lang geschlossen.

Wir alle wurden Zeuge, wie die Finanzelite eine Zwangsatempause einlegen mußte. Um ganz tief Luft zu holen - für den nächsten großen Anlauf.

Obamas früherer Finanzminister Timothy Geithner erklärte im Yale-Kurs "The Global Financial Crisis" (2015), dass "man in den USA vor dem Ausbrechen der globalen Finanzkrise 2007/2008 durchaus über eine vernünftige Bankenregulierung verfügte. Leider galt die nicht für den Schattensektor. Der wuchs und wir haben zugesehen." Die Obama-Regierung habe "bei Amtsübernahme ab Januar 2009 alles nur Menschenmögliche auf die Beine gestellt, damit das nicht wieder passieren kann."

Sein Nachfolger demontiert gerade einen Großteil dieser Sicherheitsmaßnahmen.

In Jakobs Buch heißt es: "Wer Aufklärung über den globalen Kapitalismus der neuen Zeit will, muß nach dem Eigentum fragen. Am Ende hat Macht, wer über Geld disponiert. Und die 200 hier vorgestellten Akteure versammeln zusammen mehr als 40 Billionen Dollar - das sind 60 Prozent des Brottoinlandsprodukts (BIP) der Welt oder fast das Dreifache des BIP der EU."

Die "Kapitalsammelstellen", wie der Autor den Schattensektor bezeichnet, kämpfen um die besten Positionen im weltweiten Wettbewerb. Sie wollen an sichere Gelder, am besten die Vorsorgegelder der Arbeitnehmer und Versicherten, Pensionen und alle Arten der individuellen Vorsorge. Jeder will das beste Stück vom Kuchen. Über etwa 80 Billionen Dollar verfügt diese Finanzkaste, schreibt Jakobs. Täglich müssen Gewinne erarbeitet werden.

Man möchte sich nicht vorstellen, wie es aussehen wird, wenn die Schattenbanken in einer heraufziehenden Krise beginnen, ihre Gelder abzuziehen; aus Firmen, aus Regionen, Ländern, Länderverbänden?

Welche monetäre Kettenreaktion wird das auslösen?

Man muß heute große öffentliche Infrastrukturprojekte hinterfragen, wie das kürzlich ins Leben gerufene Militärprojekt der Nato. Plötzlich sollen Europas Brücken, Straßen, Bahnlinien, etc. in Top Form gebracht werden. Offiziell, damit die guten Nato-Panzer ungestört zum bösen Russen rollen können. Da das so absurd klingt, muß man fragen, ob es sich nicht um neue lukrative Investitionen der Finanzelite handelt? Die Investitionen der Anleger wären sicher untergebracht, weil die Mitgliedsstaaten zahlen.

Was soll es werden, dieses neue Militärprojekt? Eine europäische Seidenstraße als Pendant zur neuen chinesischen Seidenstraße? Eine europäische Kriegsstraße, die zum III. Weltkrieg führt?

Wenn Sie in diesem Jahr nur noch ein Buch kaufen, sollten Sie Wem gehört die Welt? von Hans-Jürgen Jakobs in Betracht ziehen. Von mir bekommt er 5*****

Sibylle Barden ist Sachbuch-Autorin, die 2018 einen internationalen Spionagethriller veröffentlichen wird.

https://www.amazon.de/Sibylle-Barden-Fürchtenicht/e/B00PG4C93G/ref=sr_ntt_srch_lnk_1?qid=1510670596&sr=8-1

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