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Wir haben Krise verlernt

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GOLDEN PARACHUTE
Ryzhi via Getty Images
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Wir reagieren panisch auf Krisenfälle. Dabei wäre jetzt die richtige Zeit,
etwas Neues auszuprobieren.

Im Jahr 2008 fragte Queen Elizabeth die Ökonomen, weshalb sie die heraufziehende Wirtschaftskrise nicht vorhergesagt hätten. Als Reaktion auf diese Krise fragte Václav Havel dann nach der Bedeutung des Wachstums: ‚Weshalb muss ständig alles wachsen?'* Befriedigende Antworten gibt es bis heute auf beide Fragen nicht.*(1)

Wir sind heute angreifbar, weil träge geworden. Wir sind weniger widerstandsfähig, weil immer nur in Sicherheit. Wir haben das Kämpfen verlernt, weil wir nur konsumieren. Die Liste ist fortsetzbar. Gute Zeiten scheinen ungeeignet für einen radikalen Richtungswechsel. Erst bei Ausbruch einer Krise, wenn wir in den Abgrund blicken, entfaltet sich die Wahrheit in ihrer ganzen Wucht.

Timothy Geithner, Obamas früherer Finanzminister, liefert den Versuch einer Antwort. Nach seiner Erfahrung sei der Westen extrem anfällig für Krisen, weil man seit 1945 eigentlich nur Frieden und Wachstum kenne.*(2) Die Nachkriegsgenerationen seien dem falschen Glauben verfallen, dass alles immer irgendwie gut gehen werde. Bis alles plötzlich schief läuft. Warum muss immer alles wachsen: die Industrie, die Städte, der Wohlstand, das eigene Glück? Wir sind in unserem Denken fast schon diktatorisch eingetaktet. Ändert sich der Takt, reagieren wir mit Angst. Oder schlimmer, mit Panik.

WACHSTUM BRAUCHT PERMANENTE UNZUFRIEDENHEIT

Tomás Sedlácek schreibt in seinem Werk ‚Die Ökonomie von Gut und Böse': „Je mehr wir haben, desto mehr wollen wir. Weshalb ist das so? Wir waren überzeugt, das unser Konsum zur Sättigung, zur Stillung unserer Bedürfnisse führt. Aber das Gegenteil ist eingetreten... Jedes erfüllte Bedürfnis wird ein neues erzeugen und dazu führen, das wir unzufrieden bleiben. Wir sollten uns vor jeden neuen Begehren hüten, dass sich in uns entwickelt. Es handelt sich um eine neue Sucht. Konsum als Droge."

Mitten hinein in unseren Drogenrausch platzen Krisen. Plötzlich und unerwartet - eine nach der anderen. Schattenbanken kreieren eine Globale Finanzkrise, von der Europa sich bis heute nicht erholt hat. Ein Flüchtlingsstrom eskaliert wegen notorischer Unfähigkeit zur Flüchtlingskrise, und auch der Brexit hat das Potenzial die Europäische Union zum Einstürzen zu bringen,

Wir haben Krise verlernt. Der Husten wird sofort zur Lungenentzündung. Finanzjongleur und Philanthrop George Soros befürchtete bereits 1998, dass das „kapitalistische Weltsystem seinen eigenen Defekten erliegen wird. Wenn nicht dieses Mal, dann bei der nächsten Gelegenheit." Er warnte davor, „dass die endgültige Krise politischer Natur sein wird."*(3)

ZEIT AUFZUWACHEN UND MUT ZU BEWEISEN

Krisenlösung braucht Transparenz, Krisenlösung braucht ein Miteinander und Krisenlösung braucht Verantwortung. Siemens hat im Korruptionsskandal bewiesen, dass es das Einmaleins der erfolgreichen Bewältigung beherrscht. Endlich mal ein positives Beispiel. Dagegen zeigen Deutsche Bank und VW wie es nicht geht: festgefahrene Strukturen und Verhaltensweisen haben aus der leichten Brise einen Tsunami gemacht.

Banken, Brexit, Panama Leaks - alle Entwicklungen kennen derzeit nur eine Richtung und die geht nicht mehr nach oben. Die Niedrigzinsen der Notenbanken, die eigentlich die Wirtschaft ankurbeln sollten, haben lediglich die Finanzmärkte aufgebläht. Und die Finanzmärkte selbst? Mit Schrecken schauen alle auf die anstehende Entscheidungen und das Platzen der Blase. Brüssels Bürokraten werden zudem nicht müde, immer mehr Zwietracht zu schüren und Druck auf Andersdenkende auszuüben. Statt an einer starken Union zu feilen, zerstören sie selbst die Grundidee.

„Die Herausbildung der Weltwirtschaft ging nicht mit der Herausbildung einer Weltgesellschaft einher", sagt George Soros. Es ist also höchste Zeit. Der Umbruch ist bereits in vollem Gange und wird uns auch 2017 herausfordern. Krisen kommen solange zu uns zurück, bis wir sie lösen, bis wir Verantwortung übernehmen. Je mehr wir uns wehren, desto größer werden sie. Niemals sollten wir Angst davor haben, etwas Neues auszuprobieren. Denken wir daran: Amateure bauten die Arche und Profis die Titanic.

Am 23. September erschien ihr neues dtv-Taschenbuch

Der Artikel erschien vorab bei Capital http://www.capital.de/meinungen/wir-haben-krise-verlernt.html
Referenzen
* (1) Tomás Sedlácek, Die Ökonomie von Gut und Böse, Seite 287
* (2) Former U.S. Secretary of Finance Timothy Geithner, 'The Global Financial Crisis', Yale Summer course 2016)
* (3) George Soros, „Die Krise des Globalen Kapitalismus", Seite 177

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