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Welt im Würgegriff - Warum wir einen neuen Marshallplan brauchen

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Egorych via Getty Images
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Erfolg in der Diplomatie bedeutet, so gerade gelernt im "Global Diplomacy"-Kurs an der Londoner Universität SOAS, "...dass man den Verhandlungstisch mit mehr verläßt, als man gekommen ist." Klingt logisch und klug - warum verlassen dann derzeit alle internationalen Verhandlungsführer den Tisch mit weniger als sie noch bei ihrer Ankunft hatten?

Egal wie Unterhändler versuchen, Realität zu manipulieren:
Weniger ist nicht mehr. Weniger ist erst einmal weniger.

Da ist die Europäische Union, die gegenüber den Amerikanen seit einem knappen Jahr scheinbar nur noch Verluste einsteckt. Die Nato leidet an der entzogenen Liebe des US-Präsidenten und belohnt ihn dafür mit einer kräftigen Finanzspritze, die sich die Mitgliedsstaaten kaum leisten können. Nicht zu vergessen, die May-Day-Regierung in London: Die erlebt Akt Eins, Zwei und Drei der hausgemachten Brexit-Tragödie gleich an ein und demselben Verhandlungstisch. Katar? Gestern noch gut etabliert, schwupps, heute muss es für Machtspiele mit dem Iran herhalten.

Globale Diplomatie bitte zurück in die Startblöcke:
Spiel's noch einmal Sam

Allen oben angeführten Verhandlungsparteien ging es vorher besser. Vorher..., das war der Sommer vor einem Jahr. Das war vor Brexit, vor Trump, vor Erdogan. Das war, Sie erinnern sich, als man Zeitungen lesen und Fernsehen gucken konnte, ohne ein inneres Würgen zu spüren.

"Versagen setzt in der globalen Diplomatie erst ein,
wenn es keinen Dialog mehr gibt".
(SAOS)
Wie korrekt ist diese These?

Was ist zum Beispiel mit dem Nahostfriedensprozess? Palästinenser reden seit ihrer Verbannung aus ihrem eigenen Land mit Israelis. 2018 werden das siebzig Jahre Dialog sein. Siebzig! Resultat: Laut letzter UN-Warnung, "wird Gaza im Jahr 2020 nicht mehr bewohnbar sein." Jede Familie dort hat nach UN-Angaben "Tod, Terror und Mißhandlung erlebt". Und das - obwohl der Dialog meist gegeben war: bilateral, trilateral, multilateral, mit Bomben, manchmal ohne, mit Zerstörung der Infrastruktur und Sanktionen, dem Auslöschen von Familien, Einmauern, Aushungern und Terror.

Siebzig Jahre Dialog -
mehr globales diplomatisches Versagen geht nicht.

Manche Verhandlungen funktionieren nicht - warum nicht? Verhandlungen gehen schief, "... durch die Abwesenheit von Ethik und Moral", sagt Omah Salha von der Londoner Universität SOAS. Sein Kollege Professor Hopgood fügt hinzu, "... das durchaus einige Verhandlungsführer ein Versagen in der Diplomatie anstreben. Und man niemals annehmen darf, dass jeder Unterhändler überhaupt irgendeine Form von Übereinkunft anstrebt."

Verhandlungen mit dem Ziel der Dysfunktion?

Schauen wir uns um: Iran, Jemen, Ukraine, Katar, Mexiko, Freihandelsabkommen und Armutsbekämpfung, Palästina, Klimaabkommen, Venezuela - die Liste ist lang und wird jeden Monat länger. Alle Verhandlungen waren schon mal weiter. Alle hatten in der Vergangenheit bereits zu Übereinkünften geführt. Und doch bewahrheitet sich, was Otto Fürst von Bismarck über Unterhändler dachte: "Wenn man sagt, daß man einer Sache grundsätzlich zustimmt, so bedeutet dies, daß man nicht die geringste Absicht hat, sie in der Praxis durchzuführen."

Was läuft schief?

Wo sind sie, die erfolgreichen Vermittler, die sich mit Andersdenkenden an einen Tisch setzen und anschliessend mit einem besseren Ergebnis für alle -zumindest für sich selbst- herauskommen? Niccolo Machiavelli, "Erfinder einer modernen Machtpolitik, in der der Staatschef zu Gunsten des Gemeinwesens alles darf", hat in seinem Werk "Der Fürst" zusammengefaßt:

"Ein guter Mensch hat nicht die geringste Chance auf Sieg."

Ich halte die Machiavelli-These für überholt. Die Geschichte bietet genügend Beispiele, dass es auch anders geht. Im New York Times-Artikel "Die stille Macht der Demut", beendet Peter Wehner sein Meinungsstück mit der Frage:

"Wenn Demut für Jesus gut genug war,
warum ist sie nicht genug für uns?"

Im Sinne von "Bescheidenheit" steht sie der "Arroganz" diametral gegenüber. Macht Erfolg auf lange Sicht hochmütig? Mit Blick auf die G20: Weiß nach diesem inhaltlichen Überlebenskampf jemand, wohin die Reise geht? Wollen wir mehr Kriege? Genügen die bewaffneten Konflikte nicht, "die wir derzeit auf 5 von 7 Kontinenten (ohne Australien, Antarktis) führen? 2014 sind weltweit zwischen 164.000-220.000 Menschen direkt an Kampfhandlungen gestorben, so viele wie seit 26 Jahren nicht mehr." (Wikipedia)

Das Pentagon bereitet sich auf weltweite Bürgerunruhen vor

"Das Pentagon", schrieb Dr. Nafeez Ahmed im Guardian, "bereite sich bereits intensiv auf einen Ausbruch weltweiter Bürgerunruhen vor." Seinen Recherchen zufolge, wurden US-Universitäten mit dem 75 Millionen Dollar Research-Programm Minerva beauftragt, herauszufinden, wie groß die "gesellschaftliche Ansteckungsgefahr für Bürgeraufstände ist, wo Risiken für weltweite Unruhen liegen, von Klima bis soziale Ungerechtigkeit. Und wie die US-Regierung den Bürgeraufständen begegnen soll."

Die Welt im Würgegriff, obwohl ein wenig Demut angebracht wäre

Vor genau einhundert Jahren brachen die USA die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Kaiserreich ab - ihre Kriegserklärung schickten sie hinterher. 1917 war ein bewegtes Jahr: Zwei russische Revolutionen, die Balfour Deklaration zur Gründung einer "zionistischen Heimat", die Deklaration Kurfu zur Gründung eines jugoslawischen Staates u.v.m. Brauchen wir das jetzt alles nochmal? Oder gibt es einen weltweiten Marshallplan - für neues Denken, nachhaltigen Aufbau, Neuinvestitionen, neue Werte?

Sibylle Barden ist Autorin & Verlegerin und schreibt gerade einen politischen Thriller. https://www.amazon.de/Sibylle-Barden-Fürchtenicht/e/B00PG4C93G

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