BLOG

Die Demokratie entläßt ihre Kinder

17/03/2017 14:02 CET | Aktualisiert 17/03/2017 18:01 CET
RomoloTavani via Getty Images

In der Londoner Buchhandlung Waterstones, am Piccadilly, kann der Besucher in 612 verschiedene Werke von und über Karl Marx eintauchen; vom Kapital bis zu den Schriften des jungen Marx über Philosphie und Gesellschaft. Hugendubel-Online schafft es beim Stichwort Karl Marx auf 2149 Einträge. Vielleicht hat die Popularität des Philosophen mit seinem 200. Geburtstag im nächsten Jahr zu tun. Vielleicht mit dem Ende unserer demokratischen Gesellschaft, an deren Sterbeprozess wir gerade teilnehmen.

Krisen und Kontrollverlust rütteln weltweit am Status quo. Jeden Tag.

Die US-Elite geht mit dem Ende der Demokratie offen um - weil es egal geworden ist. Das Volk als schlagkräftige Einheit gibt es nicht mehr. Lediglich Splittergruppen, Interessensgruppen: Frauen, Homosexuelle, Optimisten, Migranten, Alte, Pessimisten, weiße Männer, Kranke.... Sie stellen im einzelnen keine Gefahr für die Mächtigen dar; nicht mal, wenn sie sich verbinden würden.

Eine großangelegte Studie der Princeton und Northwestern University

ist zu dem Ergebnis gekommen, „dass die USA von einer kleinen, reichen Elite regiert werden."

Laut Studie habe „der Durschnittsbürger so gut wie keinen Einfluss auf die Politik des Landes", heißt es. „Zwar seien in Amerika die formalen demokratischen Grundbausteine wie Redefreiheit, Versammlungsfreit und freie Wahlen vorhanden", schreiben die Wissenschaftler. "Aber wir glauben, wenn die politische Machtausübung ausschließlich durch mächtige Wirtschaftsorganisationen und eine kleine Zahl von wohlhabenden Bürgern erfolgt, können die USA kaum noch behaupten, eine demokratische Gesellschaft zu sein."(1)

Politische Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Wahlen -

auf der Bedürfnisskala in unserer Konsumgesellschaft

liegen diese weit abgeschlagen hinter dem Bedürfnis nach WLAN

2013 erreichte die Wahlbeteiligung den niedrigsten Stand seit Bestehen der Bundesrepublik (2) - und? Deutschland steht erstmals nach dem II. Weltkrieg mit Nato-Truppen herausfordernd vor der russischen Grenze - egal? Die Armut in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht, berichtet das deutsche Kinderhilfswerk. Demnach lebt jedes 5. Kind in Armut(3) - langweilig?

Live und in Farbe rollen wir der Diktatur gerade

den roten Teppich aus. Sie muss nur noch eintreten.

Gefährlich für eine Demokratie sind nie die kleinen Gruppen radikaler Gegner. Gefährlich ist immer das Millionenheer der Desinteressierten. Früher gab es die abgestumpften Gittermappenbeweger nur in den Amtsstuben, heute ziehen sie sich millionenfach durch alle Ebenen unserer Gesellschaft.

Niemand fühlt sich für nichts mehr verantwortlich.

Und dieses Heer ist es auch, das sich von der Regierung richtig gut vertreten fühlt. Die Politik regt sie nicht auf und vermittelt die Illusion der Funktionalität, dankenswerter Weise. Man sagt sich: Frau Merkel kommt jeden Tag zur Arbeit. Ist das nicht prima? Politische Umfragen verkommen zum Jahrmarkt: Denn Martin Schulz ist genauso wenig Hoffnungsträger, wie Frau Merkel die wichtigste Frau der Welt ist. Fake News fürs Fake Volk: Informationen, die keine sind, für Menschen, die keine wollen.

Der Krieg, der dritte große... , scheint in unabwendbarer Nähe

Er wird anders daherkommen als der erste oder der zweite, der neue Weltkrieg kommt schleichender, zermürbender, weil kaum fassbar oder erklärbar, er kommt in 3D und im T-Shirt. Eine Art Krebsgeschwür mit Erdbeergeschmack. Die Totalüberwachung durch die Regierungen verändert bereits unser Verhalten, unser Miteinander. Wir geraten in ein Leben mit zwei Gesichtern; eines gehört dem staatskonformen Tag, online, und das andere der privaten Umgebung, offline. Wir sagen eine Sache und tun das Gegenteil.

Keine internationale Institution wird der Veränderung standhalten

Weder die Weltgesundheitsorganisation, die Vereinten Nationen oder die Europäische Union... sie werden, nach meiner Einschätzung, den gewaltigen Veränderungen nichts entgegenzusetzen haben. Sie werden zerfallen. Weil sie nur noch mit sich selbst beschäftigt sind. Möglicherweise sterben sie ganz langsam, wenn wir Glück haben, sogar halbwegs geordnet, aber es wird passieren. Diese bürokratischen Organisationen haben es in guten Zeiten abgelehnt, sich zu reformieren. Die Uhr ist abgelaufen. Und es werden ausgerechnet die Amerikaner sein, welch eine Ironie, die sie vom Sockel stürzen.

Jedermann kann den Sturm der Veränderungen spüren, nicht jeder will ihn wahrhaben. Viele geben sich der Hoffnung hin, es genüge, das eigene Haus abzusichern.

Angst vor einer neuen Gesellschaftsordnung

Veränderungen bringen Kontrollverlust, noch mehr Angst und sehr viel Unerwartetes. Ich war neunzehn, als der Sozialismus seine Kinder entlassen hat. Obwohl politisch hellwach, und die Veränderungen herbeigesehnt, empfand ich das Ausmass überwältigend. Auf gesellschaftliche Umwälzungen dieser Art kann man sich denkbar schlecht vorbereiten, ist heute mein persönliches Resümee. Krisen entwickeln eine Eigendynamik, auf deren Welle man nicht immer mitschwimmen kann oder will. Manchmal schluckt man Wasser, manchmal segelt man auf ihr, manchmal geht man kurzzeitig unter. Grenzsituationen fordern uns Menschen heraus, wir fallen zurück auf unsere eigenen Werte, unsere Stärke, unseren Mut und unsere Willenskraft.

Was man tun kann, ist die Situation gut und klug zu managen

Ich formuliere es mit den Worten von #GaborSteingart, dessen #Weltbeben, nach meiner bescheidenen Einschätzung, zu den wichtigsten Lesebüchern unserer Zeit gehört: "Die Regierungen verlieren die Kontrolle über ihre Grenzen, so wie den Banken die Kontrolle über ihre Bilanzen und nicht wenigen Wirtschaftsgrößen das Gefühl für Maß und Mitte abhanden gekommen ist. Selbst die Kriege des Westens bringen keinen Frieden mehr, sondern nur immer neue Flüchtlingsströme. Ausgerechnet in dieser Welt besinnt sich ein unruhig gewordenes Bürgertum seiner Stärken. Es sehnt sich nach Selbstbestimmung, nicht nach Untergang."

Das Bürgertum stellt Fragen.

Es wartet nicht mehr auf Antworten, es holt sie sich.

Finanzjongleur George Soros befürchtete bereits 1998, dass das „kapitalistische Weltsystem seinen eigenen Defekten erliegen wird. Wenn nicht dieses Mal, dann bei der nächsten Gelegenheit." Er warnte davor, „dass die endgültige Krise politischer Natur sein wird." Warum? „Die Herausbildung der Weltwirtschaft ging nicht mit der Herausbildung einer Weltgesellschaft einher."

Von Marx bis Soros wird vor dem Untergang des kapitalistischen Systems gewarnt.

Und in dieser Untergangsstimmung hat die Gesellschaft den Versuch einer Antwort gewagt.

Derzeit findet ein fast nahtloser, fast unbeachteter Übergang statt: Die Sharing-Economy taucht auf und übernimmt. Organisationen wie:

- #Airbnb, der weltgrößte Anbieter für Unterkünfte, besitzt keine eigenen Gebäude.

- #Alibaba, der weltweit wertvollste Einzelhändler, besitzt kein Inventar.

- #Uber, das weltgrößte Taxiunternehmen, besitzt keine Fahrzeuge.

- #Facebook, das weltgrößte Medienunternehmen, kreiert keinen Inhalt.

Wir haben begonnen, mitzubestimmen und mitzugestalten. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft nicht nur Shareholder sondern auch Stakeholder ist. Dass sie Verantwortung für ihr Tun übernimmt und neue Wege selbstbestimmt geht. Gezeitenwechsel muß nicht im Drama enden.

Sibylle Barden ist Publizistin.

Quellen

(1) https://www.cambridge.org/core/journals/perspectives-on-politics/article/div-classtitletesting-theories-of-american-politics-elites-interest-groups-and-average-citizensdiv/62327F513959D0A304D4893B382B992B

(2)https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2274/umfrage/entwicklung-der-wahlbeteiligung-bei-bundestagswahlen-seit-1949/

(3 https://www.dkhw.de/unsere-arbeit/schwerpunkte/kinderarmut-in-deutschland/?gclid=CMDvsKvOydICFZIW0wodax4GfQ

Sponsored by Trentino