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Brexit: Zeit für Staatsmänner

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BREXIT DEMO
reuters
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Krisen haben ihre Eigendynamik. Das Ende ist nicht kalkulierbar, weil es, wie beim Brexit, zu viele Spieler und Interessen gibt. Wir müssen also Ruhe und Reife walten lassen, Hass und Wut außen vor lassen. Da gebe ich der Queen, Angela Merkel, Barack Obama und Tony Blair, die sich gerade dafür stark machen, Recht.

Siemens-Chef Joe Kaeser, den ich vor zwei Jahren zum Thema Krisenbewältigung befragt habe, beeindruckte mit seiner Antwort: "Wenn Sie eine Krise lösen wollen, die andere Menschen umfasst und bei deren Bewältigung Sie andere Menschen benötigen, dann müssen Sie die Krise persönlich nehmen. Sie müssen Flagge zeigen. Sie stehen ganz vorn mit dem Speer in der Hand. Und es ist egal, ob Sie in der Schlacht zu Tode kommen. Sie müssen sich für ihre Überzeugungen einsetzen."

Setzen wir uns für unsere Überzeugungen ein

Liebe EU, liebe Kanzlerin, liebe(r) künftige(r) britische(r) Premierminister(in):
Stehen Sie auf, schlucken Sie Ihren Stolz herunter und beginnen Sie damit, das Europäische Haus aufzuräumen und neu zu gestalten. Gemeinsam. Reichen Sie sich gegenseitig die Hand. Es wird keine andere Chance mehr geben. Wir gehören zusammen. Wir müssen uns selbst retten. Niemand anderes wird zur Hilfe eilen. Ich werde jetzt das tun, was ich kann. Tun Sie, was Sie können?

Wo die Angst ist, geht's lang

Wo die Angst ist, geht's lang, ist ein Kapitel meines Buches über erfolgreiche Krisenbewältigungen, das demnächst bei dtv erscheinen wird.http://www.dtv.de/buecher/triumph_des_mutes_34894.html Aber für mich ist es viel mehr: Es ist meine Lebensauffassung; eine Lebensauffassung, die ich in London gelernt habe.

Ja, ich habe Angst. Ich habe Angst um mein freies Leben, wie ich es mir aufgebaut habe. Es macht mir Angst, dass mein englischer Ehemann sich vor einem extremen Kulturwandel in seiner Heimat fürchtet. Es macht mir Angst, dass das Pfund, welches im Moment noch weit über dem Euro liegt, sein Level nicht halten wird können. Es macht mir Angst, dass ich mich entscheiden muss, ob ich mit meinem Mann in Grossbritannien oder in Deutschland leben will. Es macht mir Angst, das sich London, meine Liebe, von seiner Kraft verabschieden will.

London hat aus mir den Menschen gemacht, der ich heute bin

Ich habe London viel zu verdanken: Meinen Ehemann, meinen Universitätsabschluss, meine Jahre an der Deutschen Botschaft, mein Erwachsenwerden und meine Liebe zum Lernen. Diese Metropole hatte das Vermögen, meine Sichtweise und Denkweise radikal umzuwandeln.

Jeden Tag aufs Neue hat sie mich herausgefordert, diese Stadt: in ihrer Internationalität, in ihrem Wettbewerb, in ihrer Härte, in ihrem Anderssein, in ihrer Intensität. Immer wollte sie etwas von mir - meistens, dass ich mein Bestes gebe. Das muss man mögen. Natürlich. Ich mochte es anfangs nicht, habe mich aber darauf eingelassen.

Der größte Wandel in meinem Denken vollzog sich, als ich mich mit Mitte Dreißig für die Uni einschrieb. Ganz deutsch in meiner Auffassung, hielt ich das für etwas Besonderes, neben meiner Arbeit an der Botschaft einen Masterabschluss zu absolvieren. Bis ich erkannte, dass einige Studienkollegen bereits über Doktortitel verfügten. Ich fragte, warum sie sich denn nochmals auf die Schulbank setzten? Die Antwort: "Ich lerne gern."

Das ist das London, das ich kenne

Heute, zehn Jahre später, inzwischen in Berlin, wollen meine Brexit-Tränen nicht trocknen. Immer wieder kreise ich um die gleichen Fragen herum: Warum? Warum will ausgerechnet diese Handelsnation sich, wie Barack Obama vorab gewarnt hatte: "freiwillig hinten in der Schlange anstellen?"

Ich bekomme keine Antwort. Nirgends. Nur Entsetzen. Ich fürchte mich davor, dass aus diesem wunderbaren Großbritannien, ein kleines England werden könnte. Ein kleines, enges Land, das wie Deutschland, das Andere, das Neue, das Herausfordernde, lediglich toleriert, keinesfalls aber mehr fördert.

Wird sich England von seiner Weltoffenheit verabschieden?

Bei all dem Lernen und Streben, scheinen wir (ich) vergessen zu haben, dass ein Land, eine Nation, vor allem aus Menschen besteht, die ihre Ruhe haben wollen. Sie wollen Familien gründen, arbeiten, ein Haus kaufen. Aber für die meisten ist das schon lange nicht mehr möglich gewesen. Wir haben ihre Rufe ignoriert.

In England, wie in den anderen 27 EU-Ländern, haben wir einen Großteil der Bevölkerung kaltgestellt. Viele sind nicht arm genug für die Armut, aber von einem Leben, mitten in der affluenten Gesellschaft, sind sie weit entfernt. Wir haben ihre Sorgen unterdrückt, belächelt, bekämpft. Nun haben wir den Salat.

Was nun?

Die Welt ist für unsere Gesellschaft zu komplex geworden. Und niemand scheint einen Leitfaden zu haben. Im Gegenteil, die Institutionen, die gegründet wurden, um globale Krisen zu meistern, versagen auf einem extra-ordinairen Level: von EU bis UN verstecken sich die Verantwortlichen hinter Gittermappen, Lobbyismus und Populismus. Sie lehnen sich zurück und folgen dem ausgedienten Motto: Der Markt wird's schon richten.

Nein, der Markt, ist er unkontrolliert und unreguliert, richtet uns zugrunde

In meinem Sommerkurs an der Yale University, erklärt mir Obamas Ex-Finanzminister Timothy Geithner gerade die Zusammenhänge der globalen Finanzkrise und die Auswirkungen, die unregulierte Märkte auf die Weltwirtschaft haben.

„Zwar seien die normalen Banken vor der Finanzkrise 2008 gut reguliert gewesen", sagt Geithner, „...die waren auch nicht das Hauptproblem. Dafür aber die wachsende Anzahl von Schattenbanken, die überall entstanden sind. Die waren komplett unreguliert und unkontrolliert - hatten freies Spiel." Europa hat sich bis heute nicht von den Folgen dieser Krise erholt.

Krisen kommen nicht allein und Krisen kommen nicht Übernacht

Von der Hochfinanz bis zur Europäischen Union, jeder tobt sich gerade aus. Als am 24. Juni, die von allen Seiten aufgeheitzte britische Nation zurück auf ihre Plätze taumelte, war sie bis ins Mark erschüttert. Es ist Tag Eins nach dem Referendum und die Welt hat drei Billionen Dollar Verlust eingefahren. Drei Billionen Dollar Verlust an nur einem Tag - das war der Preis. Der Preis wofür? Warum?

Die politische Elite hat sich benommen, wie ein bezahlter Sturmtrupp, der sich nach erfolgreicher Mission selbst abberufen hat

Politische Söldner: Das ist sicher die höchste Stufe der Absurdität unserer Zeit. Erst spekulieren wir mit Produkten, dann mit Finanzen und jetzt mit Volkswirtschaften. Mein neuer Roman, ein Finanzthriller, wird noch während des Schreibens von der Zeit überholt.

Wer profitiert?

Nein, Europa profitiert nicht, auch Deutschland nicht. Natürlich haben die Banken in London bis zu dreißig Prozent Verlust gemacht, so auch die italienischen, auch einige Schweizer Banken, die Franzosen und wir. Groß-Spekulanten, wie George Soros, haben überraschend nicht gegen das britische Pfund gewettet. Er wettete gegen den Euro.

Um genauer zu sein, unter anderen, gegen die Deutsche Bank und, so wird vermutet, gegen die italienische UniCredit, deren Wert ebenfalls ins Bodenlose abstürzte. Soros wettete 100 Millionen Dollar gegen die Deutsche Bank und gewann. Während wir, in gewohnter Gewinner-Mentalität, den Spekulanten feiern, landet die Bank fast im Mülleimer der Geschichte.

Die Ratingagentur Moody's hatte die Deutschen schon einen Monat vor dem Brexit auf „Baa2" heruntergestuft - zwei Stufen über dem „Ramsch"-Status. http://www.faz.net/aktuell/finanzen/anleihen-zinsen/ratingagentur-moody-s-stuft-deutsche-bank-herab-14249825.html In Rom überlegt die Renzi-Regierung bereits, ihre Fast-Ramschbanken mit nicht weniger als 40 Milliarden Euro (erneut) freizukaufen. Alle apokalyptischen Prophezeiungen treten gerade ein.

Vielleicht ist nicht Großbritannien, sondern Europa das Ziel?

Grossbritannien ist geschwächt; klar. Aber, und das sage ich aus Überzeugung, Großbritannien wird sich schneller als die Europäische Union umdrehen, den Staub von den Schultern wischen und damit beginnen, das Land nach vorn zu treiben. Selbst wenn das bedeutet, sich ein neues Empire aufzubauen.

Lachen Sie nicht. Vor Jahren, bei einem meiner ersten Botschafter-Essen, saß ein enger Berater des Regierungschefs neben mir und verkündete lauthals, dass die Welt geradezu nach einem neuen Britischen Empire rufe. Während sich die meisten am Tisch verschluckten, griff Maria von Welser, damals ZDF-Korrespondentin in London, nach dem Fehde-Handschuh und wies den Herrn in der roten Hose in die Schranken.

Empire hin oder her: Ziehen wir die Notbremse

Beenden wir die Irrfahrt, angezettelt von Schatten-Generalen der Schatten-Banken, und ziehen uns gegenseitig aus dem Schlamassel. Wir haben alle Fehler gemacht, auf dem Festland und auf der Insel. Lassen wir es nicht zur Katastrophe kommen. Denn die wird eintreten, wenn wir den globalen Herausforderungen nicht gemeinsam standhalten.

Ein Europa ohne Großbritannien, wird es nicht schaffen, es wird zerfallen. Die Union ist so stark wie ihr schwächstes Mitglied. Da sollten wir ansetzen. Und Großbritannien wird es allein auch nicht schaffen - zumindest nicht in der ersten Dekade.

Kurskorrektur

Wer kann diesen Kontinent auf den richtigen Weg bringen? Es stehen nicht viele zur Verfügung, aber ein paar: Und Angela Merkel gehört dazu. Die meisten laufen gerade Amok und wollen schnelle Erfolge. Das halte ich für einen fatalen Fehler. Wir brauchen heute Staatsmänner, die neue Pläne machen für das gemeinsame Haus Europa.

Im Telegraph schreibt Tony Blair: "Um sicher durch die Krise zu kommen, müssen wir uns politisch wie Erwachsene benehmen, mit Ruhe und Reife vorgehen, ohne Bitterkeit - weil die Zukunft unserer Nation in der Welt auf dem Spiel steht."http://www.telegraph.co.uk/news/2016/06/30/tony-blair-hints-at-role-as-brexit-negotiator-in-eu-talks-that-w/

Tony Blair ist zurück und er will etwas für sein Land tun - das sollten wir nutzen

Für alle, die glauben, die Krise geht an uns vorüber - das wird sie nicht. Unser Egoismus wird uns in den Abgrund reißen. Standard & Poor's, die Ratingagentur, stufte Großbritannien und die EU bereits herunter. In der Begründung heißt es: Mangel an Solidarität.

"Die Absicht Großbritanniens, aus der EU auszutreten, verringere die fiskalische Flexibilität auf EU-Ebene und weise auf einen geschwächten politischen Zusammenhalt hin. Der Zusammenhalt innerhalb der EU sei daher bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit nur noch ein neutraler Faktor und falle nicht mehr positiv ins Gewicht...."

Zusammen wachsen, zusammen untergehen - unsere Entscheidung

Gerade korrigierte der Internationale Währungsfons IWF erneut seine Wachstumsprognose für Deutschland nach unten. "Grund dafür seien zu wenig Investitionen und ein zu frühes Renteneintrittsalter. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Referendums in Großbritannien seien in dieser Prognose noch nicht eingearbeitet. Sie verweisen aber auf Abwärtsrisiken." Dazu kommt, dass die Dax-Konzerne etwa 70 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erwirtschaften - sie sind damit mehr als andere von einem freien Welthandel abhängig.

Frankfurter Träumereien

Niemand braucht sich Illusionen darüber zu machen, ob Frankfurt der neue Star am Himmel der internationalen Finanzzentren wird. Das wird nicht passieren. Frankfurt ist ein deutschsprachiges Dorf, ohne gewachsene internationale Finanzstruktur. Und völlig unbeliebt bei Bankern außerhalb unseres Landes. Nach meiner Erfahrung schafft der Durchschnitts-Bewohner vielleicht noch ein "How are you?", scheitert aber spätestens an der Antwort.

Natürlich wird die ein oder andere Banken-Abteilung, vielleicht sogar das ein oder andere Hauptquartier, nach Europa verlegt werden, aber die Musik wird in der Londoner City nicht aufhören zu spielen, nur wegen des Referendums. Auch Paris ist keine Alternative. Eventuell Amsterdam, als Nebenschauplatz, aber auch hier gibt's Grenzen.

Es geht nur zusammen mit Großbritannien - wir stärken uns oder wir lösen uns auf

Diese Entscheidung liegt bei uns. Reißen wir uns zusammen und versuchen, wie US-Aussenminister Kerry gesagt hat, "die ganze Sache etwas zurück zu spulen." Noch hat niemand den Artikel 50, Europas Regel für den Austritt, aktiviert. Und auch das britische Parlament, der Souverän, hat noch nicht abgestimmt. Nichts ist endgültig. Optimistisch gesehen, kann man ein Referendum ein Referendum sein lassen. Pessimistisch gesehen, kann sich das Parlament der Mehrheit beugen. Wir werden sehen.

Niemandem nützt dieser britische Selbstmord. Er wird in Europa nur Verlierer hervorbringen. Und wohin das führt, kennen wir aus den Geschichtsbüchern

Wir werden die eingeschlagene Richtung erkennen, sobald auf beiden Seiten die Verhandlungsführer aufgestellt sind. Geht es in Richtung Zusammenarbeit, wird es gelingen. Geht es in Richtung Konfrontation, freunde ich mich schon mal mit einem Umzug nach Kanada an. Englischer Ehemann und deutsche Ehefrau suchen ein Haus im Wald. Möglichst mit WiFi und internationaler Flora und Fauna.

Sibylle Barden ist Publizistin http://www.amazon.de/Sibylle-Barden-Fürchtenicht/e/B00PG4C93G/ref=sr_ntt_srch_lnk_1?qid=1467563976&sr=8-1

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