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Aufbruch oder Faschismus: Was folgt dem weltweiten Zorn?

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EARTH BOMB
erhui1979 via Getty Images
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Auf dem Weg zu einem Abend mit Spionageautor John le Carré in der Londoner Royal Festival Hall, erzählt der Taxifahrer, dass er gerade völlig verzweifelt sei, weil sein Sohn nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte. "Du hast meine Zukunft zerstört", hatte der ihm am Telefon vorgeworfen. Der Vater war ein Brexiter. Als ich ihn nach seinen Beweggründen frage, antwortet er: "Ich will nicht, dass die Immigranten auf Kosten des Systems leben. Außerdem mag ich Brüssel nicht." "Ich mag Brüssel auch nicht", erwidere ich, um den Druck etwas rauszunehmen, "aber es gibt andere, weniger schmerzhafte Wege einen Richtungswechsel zu vollziehen." "Ja, wahrscheinlich", antwortete er, blickte in den Rückspiegel: "Ich weiß nicht, was ich machen soll?"

"Es gibt immer eine zweite Chance", sage ich überzeugt - nicht ganz sicher, ob ich ihm oder mir selbst Mut zuspreche.

Die Sache mit der zweiten Chance fliegt mir kurz danach bei #JohnleCarré um die Ohren. Was er, der frühere MI5- und MI6-Spion und Schriftsteller, von der derzeitigen politischen Weltlage halte, wurde er von Jon Snow, dem Channel 4-Frontmann gefragt. Der 85jährige, der seit Der Spion, der aus der Kälte kam, literarische Maßstäbe setzt, und bis heute Kenner der Geheimdienstszene ist, antwortete: "Wir sind auf direktem Weg zum Faschismus. Das gefährliche an Faschismus ist, dass die Idee sehr ansteckend wirkt und sich schnell verbreitet. Nicht nur in Trumps Amerika, sondern auch -erschreckenderweise- in Myanmar bei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi."

"Wir sind auf direktem Weg zum Faschismus."

Es war jetzt sehr still geworden. Links und rechts von mir, suchten die selbstbewußt wirkenden englischen Männer nach ihren Taschentüchern. Denn was Faschismus bedeutet, kennen viele nicht nur aus den Erzählungen ihrer Eltern. Welche Kälte zwischen den Kulturen damit einhergeht, hatten sie den ganzen Abend lang vom englischen Meisterspion persönlich gehört.

Was ist mit den Menschen los? Warum tragen sie soviel Zorn in sich?

Ungleichheit, Ungerechtigeit, Chancenlosigkeit, Ohnmacht, Armut, Hoffnungslosigkeit - und das sind nur ein paar der Schlagwörter, die weltweit immer mehr an Boden gewinnen.

In Jacques Perettis neuem Buch Done - The Secret Deals That Are Changing Our World (Die geheimen Geschäfte, die unsere Welt verändern), finde ich diesen Abschnitt "Ungleichheit als Geschäftsidee: Nehmen wir einen Golfbuggy, der acht Personen beförden kann. In den setzen wir die acht reichsten Menschen der Welt hinein. Da wäre der mexikanische Telekommogul Carlos Slim (besitzt 50 Milliarden Dollar), der sitzt vorn. Neben ihm, Bill Gates (75 Milliarden Dollar). In der Mitte sitzen Zara-Gründer Amancio Ortega (67 Milliarden Dollar), Warren Buffett (60,8 Milliarden Dollar) und Jeff Bezos von Amazon (45,2 Milliarden Dollar). Dahinter kommen Facebooks Mark Zuckerberg (44,6 Milliarden Dollar), Oracles Larry Ellison (43,6 Milliarden Dollar) und Michael Blumenberg (40 Milliarden Dollar).

Diese acht Personen besitzen 50% des Weltvermögens, mit einem Gesamtwert von 426 Milliarden Dollar. Diese acht Personen besitzen mehr als 3,75 Milliarden Menschen auf der Erde. Die Polarisierung des globalen Reichtums ist zur humanen Erderwärmung geworden."

Das ist das große Bild.

Wie Auswirkungen im Alltag aussehen, habe ich gerade bei meiner Südafrikareise gesehen. Die Szene hätte aber auch in Deutschland, Ungarn oder den USA eine Heimat gefunden. Ich brauchte dringend einen Koffer, weil der südafrikanische Zoll meinen aus Unachtsamkeit demoliert hatte. Im einzigen Reisegepäckladen vor Ort fragte ich beim Bezahlen, was denn das für eine Koffermarke sei, die ich gerade kaufe. "China. Alles in Südafrika gehört den Chinesen. Selbst die größte Bank des Kontinents besitzen die fast zur Hälfte", sagte die Verkäuferin resigniert, als hätte man sie ihrer Ehre beraubt, "die Infrastruktur auch, von der Eisenbahn bis zum Telekomnetz, Ländereien, Kleidung..."

Der Mensch ist merkwürdig, dachte ich. Das Shoppingcenter war menschenleer, kaum ein Laden hatte genug Kunden, um zu Überleben - und trotzdem - blickte die Verkäuferin, die ihren Lebensunterhalt mit chinesischem Reisegepäck verdiente, auf die Asiaten herab.

Was ist los mit den Menschen?

Wir werden von unseren eigenen Banken und Politikern beraubt, von Banken-Bailout bis Lohndumping, glauben aber, das sei immer noch besser, als sich auf etwas Neues einzulassen: In dem Fall auf eine andere Kultur, ein anderes Wirtschaftssystem, eine andere Rasse.

Wir wollen lieber mit Unseresgleichen untergehen,
als mit Unbekannten etwas Neues zu wagen.

Zurück in Südafrika, denke ich: Wer, außer China, investiert denn sonst auf dem Kontinent? Bisher sind doch alle nur gekommen, um Afrika seiner Ressourcen zu entledigen. Europa zahlt desinteriessiert Entwicklungshilfe, die seit Dekaden unkontrolliert in korrupten Taschen endet. Internationale Investmentbanken kaufen hektarweise Ländereien und vertreiben die heimische Bevölkerung. Natürlich besteht Chinas Eigeninteresse darin, die Milliarde Menschen zuhause kosteneffizient zu ernähren.

Wenn aber Afrika davon profitiert - ist doch das ein Schritt nach vorn.

Die Chinesen haben ein anderes Businessmodell: Sie kommen ganz leise und sie bleiben. Erst wenn sie richtig etabliert sind, hört man sie. So wie jetzt - allein auf den drei südafrikanischen Flughäfen, die ich genutzt habe, sind die vorherrschenden Sprachen Englisch, Afrikaans (Afrikanisch) und Mandarin.

Nach ähnlichem Motto verfährt China mit den arabischen Ländern. Das jüngste Win-Win-Projekt, die Neue Seidenstraße, läßt Araber und Chinesen kooperieren in der Wissenschaft, bei Finanzen, Energie, Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Tourismus und Kultur.

China ist gekommen, um zu bleiben. Am besten, wir freunden uns mit der Idee an. Sie wird nicht verschwinden, nur weil wir sie nicht mögen.

In London angekommen, liegt beim Frühstück im Hotel neben Financial Times und US Today, die ChinaDaily. ChinaDaily ist die britische Ausgabe der chinesischen Tageszeitung. Darin werden die chinesischen Universitäten gepriesen, die im globalen Ranking in den Top 30 jetzt zweimal vertreten sind. Mit insgesamt 13 Universitäten sind sie in den Top 200. Großbritannien, nur nebenbei, führt die weltweite Liga von 1000 Universitäten in 77 Ländern an - mit Oxford und Cambridge.

Der Telegraph berichtet in "Die Zukunft ist Chinesisch", von der in Europa ersten zweisprachigen Englisch-Chinesischen Schule, die gerade im Londoner Stadtteil Kensington geöffnet hat. David Camerons Regierung hatte 10 Millionen Pfund investiert, weil man erwartet, dass bis 2020 etwa 5000 kleine Briten hier Mandarin gelernt haben.

So geht das: Machen! Neues riskieren! Investieren!

Auf dem Rückflug nach Berlin lese ich in mehreren deutschen Onlineausgaben, wie man an der Welt vorbei schreibt. Wie man es sich auf provinziellem Level gemütlich macht, ernsthaft glaubend, der Leser will so einen Nonsens vorgesetzt bekommen. Da ist die Rede von irgendeinem Kopftuchstreit oder ob Putzen der männlichen Gesundheit schadet. Natürlich lese ich überall von dem Merkel-Schulz-Duett. Ich langweile mich bereits bei den Überschriften und klicke weg.

Zum Glück gibt es das #HandelsblattMorningBriefing: In der Zusammenfassung des Wahlkampfes heißt es: "Erkennbar sind SPD und CDU dabei, die Plattformstrategie des Volkswagen-Konzerns auf die Politik zu übertragen: Motor, Getriebe und Fahrgestell sind gleich, nur bei Fußmatte und Getränkehalter wird variiert. So kann man sich vieles sparen - am Ende womöglich auch die Demokratie."

"So kann man sich vieles sparen - am Ende womöglich auch die Demokratie." Ein exzellenter Weckruf, #GaborSteingart.

Man kann in London viel Neues lernen. Jeden Tag. Natürlich erlebt das Land gerade eine Totalschlappe. Diese Brexit-Regierung dient lediglich dem einen Prozent des Landes und nicht ihrem Volk - aber - die Briten werden sich nach dem desaströsen Ausstieg (wenn er denn wirklich kommt) umdrehen, den Staub von den Schultern wischen, das Ruder wieder in die Hand nehmen und ihre Insel auf Kurs bringen.

Man spürt an jeder Ecke, dass diesem volkswirtschaftlichen Wegbrechen ein zorniger Aufbruch folgen wird. Ich gebe Siemenschef Joe Kaeser Recht, wenn er sagt, "er mache diesen Brexit Blues nicht mit."

Aber in deutschen und französischen Zeitungen liest sich das natürlich ganz anders. Man glaubt zuhause, man könne mit diesem EU-Einheitsgefasel Europas Bevölkerungen auf Linie bringen. Das ist, nach meinem Eindruck, ein absolutes Fehldenken. Geradezu verheerend. Denn während wir uns für die geistige Vakuum-Version entscheiden, herrscht außerhalb unserer Grenzen längst ein erbarmungsloser Handelskrieg. Oder wie Gabor Steingart es in seinem Buch genannt hat, ein "Weltenbeben." Dieses totzuschweigen, ist die denkbar schlechteste Lösung für Deutschlands Zukunft.

Die Autorin http://www.sibyllebarden.com schreibt gerade einen politischen Thriller, der 2018 veröffentlicht wird.

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