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Shirin Ebadi Headshot

Nach der Einführung des islamischen Rechts war ich nur noch die Hälfte wert

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Um zu verstehen, warum Shirin Ebadi wie viele andere Iraner und Iranerinnen keinerlei Sensorik dafür entwickelt hatte, dass die Rolle der schiitischen Geistlichkeit bei der Revolution eine Gefahr für die Zukunft des Iran, wie sie sie sich vorstellte, darstellte, erklärt sich aus der iranischen Geschichte.

Das ist für jemanden aus dem Westen, wo die Aufklärung ganz eng mit der Zurückdrängung der religiösen Institutionen und der Religion in den privaten Bereich zusammenhing, nicht ganz einfach zu begreifen.

Im Iran ist die Entwicklung in Richtung einer demokratischen - potenziell säkularen - Herrschaft von der Geschichte der Schia und ihrer Repräsentanten nicht zu trennen. Die Religion war ein „Ferment" in dieser Gesellschaft, pflegt der österreichische Iranist Bert Fragner es zu erklären.

Die angesehensten Kleriker waren jene, die unabhängig vom Staat waren, und sie gingen auch Allianzen mit der Gesellschaft gegen den Schah ein. Zu ihrem Geschäft gehörte quasi die Beurteilung des Herrschers.

Die Verfassungsbewegung geht hervor

Das wohl berühmteste Beispiel aus der iranischen Geschichte dafür ist der Tabakstreit von 1890 bis 1892: Als Nasr Ed-Din Shah, um die Staatskassen zu füllen, eine Monopolkonzession für Tabak an den britischen Major und Kaufmann Gerald F. Talbot verkaufte, gingen die iranischen Tabakbauern, die nur mehr für die Briten produzieren durften, auf die Barrikaden.

Um eine komplizierte und lange Story kurz zu erzählen: Die schiitische Geistlichkeit erließ 1891 eine Fatwa (ein Rechtsgutachten), die die Unterschrift des höchsten Ayatollahs, Mirza Shirazi, trug und verkündete, dass ab sofort der Konsum von Tabak ein Vergehen gegen den 12. Imam sei (der 12. schiitische Imam Mohammed al-Mahdi, der 873 „entrückt" wurde und der einst wiederkehren wird).

Der folgende Tabakboykott machte die Konzession für die Briten wertlos und veranlasste letztlich den Schah, sie zurückzuziehen (auch er selbst getraute sich übrigens in der Öffentlichkeit nicht mehr zu rauchen).

Diese demokratische Übung wurde neben modernem politischen Gedankengut zu einer der Wurzeln, aus denen die Verfassungsbewegung hervorging. Durch sie wurde Iran 1906 zu einer konstitutionellen Monarchie (Vorbild: die ShirinEbadi_Kern.indd 22-23 13.05.2016 10:09:19 Verfassung Belgiens) und blieb - wenigstens nominell - bis 1979 eine solche.

Hinwendung zu den oppositionellen Stimmen

Säkulare linke und freiheitliche Bewegungen mussten sich seit den 1960er-Jahren wiederholt mit „linken" schiitischen Denkern auseinandersetzen, deren Ideen denen der Befreiungstheologen in Lateinamerika ähnelten.

Die Revolution von 1979 und die Rolle der schiitischen Geistlichkeit war, so Bert Fragner, demnach ganz klar die „Fortführung eines historischen Prozesses" im Iran und keineswegs die „Rückkehr ins Mittelalter", wie man im Westen gern behauptet.

Für die Einordnung der Gewalt, die später von dieser Revolution ausging, ist der Vergleich mit anderen historischen Modellen hilfreich, bevor man spezifisch „islamische" Gründe dafür sucht.

Shirin Ebadi jedenfalls schreibt in ihrer Autobiografie offen, dass sie sich zu den oppositionellen Stimmen hingezogen fühlte, die Ayatollah Khomeini als ihren Führer priesen: „Es erschien mir - einer gebildeten, im Beruf stehenden Frau - kein Widerspruch zu sein, eine Opposition zu unterstützen, die ihre berechtigten Anliegen und Beschwerden in den Mantel der Religion kleidete. (...) Mit wem hatte ich letztlich mehr gemeinsam: mit einer Opposition, die von Mullahs angeführt wurde, die in der Sprache der normalen Iraner sprachen, oder mit dem vergoldeten Hof des Schahs, dessen Offizielle bei in Champagner getränkten Partys mit amerikanischen Starlets herumtaten?"

Lieber eine freie Iranerin als eine versklavte Juristin

Der nächste Brief, den Ebadi unterschrieb, war jedenfalls an den Präsidenten von Frankreich gerichtet, wo Khomeini, von Saddam Hussein aus dem Irak hinausgeworfen, sich inzwischen aufhielt.

Ein kalter Hauch wehte der jungen Richterin entgegen, als sie - auf Aufforderung Khomeinis aus dem Exil - mit anderen Justizkollegen das Büro des Justizministers aufsuchte, um ihn zum Rücktritt aufzufordern. Dieser war nicht da, aber ein alter Richter, der sie entsetzt ansah: „Ausgerechnet Sie? Wissen Sie nicht, dass Sie Ihr Amt verlieren werden, wenn die, die Sie da unterstützen, an die Macht kommen?"

„Ich bin lieber eine freie Iranerin als eine versklavte Juristin", war die selbstgefällige Antwort - an die sie der alte Kollege in den kommenden Jahren noch oft erinnern sollte. Denn es kam natürlich genau so, wie er es vorausgesagt hatte. Am 16. Jänner 1979 floh der Schah, am 1. Februar kam Khomeini in Teheran an, am 11. Februar wurden die letzten Schah-Loyalisten vertrieben.

Shirin Ebadi fühlte Stolz an jenem Tag, sagt sie. Doch der währte nur kurz. „Ich brauchte kaum einen Monat, um zu begreifen, dass ich willentlich und enthusiastisch an meinem eigenen Untergang mitgearbeitet hatte. Ich war eine Frau, und der Sieg dieser Revolution verlangte meine Niederlage."

Einführung des islamischen Rechts

Von der - zuerst noch - „Einladung", an ihrem Arbeitsplatz ein Kopftuch zu tragen („aus Respekt für unseren geliebten Imam Khomeini"), bis zum Verlust dieses Arbeitsplatzes dauerte es nicht lange. Eine Frau konnte keine Richterin sein, Ebadi wurde „versetzt". Von der Einführung des islamischen Rechts erfuhr sie aus der Zeitung.

Dass sie ab jetzt nur mehr die Hälfte eines Mannes wert sein sollte, konnte sie auch im privaten Bereich nicht hinter sich lassen: Sie schleppte ihren Ehemann zu einem Notar, wo er eine Vereinbarung unterschrieb, dass er auf die ihm vom Gesetz gegebenen Rechte über sie und die Kinder verzichtete.

So waren zumindest in ihrer Ehe die vorrevolutionären rechtlichen Verhältnisse wiederhergestellt. Dieses Verfahren ist heute bei progressiven Ehepaaren durchaus üblich: Der Ehemann unterschreibt vor der Hochzeit eine Liste von Sonderrechten seiner Frau in der Ehe - etwa jenem, sich scheiden zu lassen.

1980 kam die erste Tochter des Ehepaars, Negar, auf die Welt, nach der Karenz kehrte Shirin Ebadi in einer untergeordneten Stellung an den Gerichtshof zurück, dessen Präsidentin sie zuvor gewesen war.

Saddam Hussein überfällt den Iran

Im September desselben Jahres überfiel Saddam Hussein den Iran: Der Krieg mit dem Irak wurde für das iranische Regime zur Chance, sich zu festigen, auch bei seinen internen Gegnern nationale Gefühle zu wecken.

Der Krieg wurde von beiden Seiten mit religiöser Rhetorik aufgeladen: Saddam Hussein nannte ihn nach der entscheidenden Schlacht der muslimischen Araber gegen die Sassaniden im Jahr 636 „Qadissiya", Khomeini inszenierte ihn als schiitischen Kampf gegen den sunnitischen Despotismus.

1983 wurde die zweite Tochter, Nargess, geboren, 1984 nahm Shirin Ebadi die Gelegenheit wahr, in Pension zu gehen.

Einer der seltsamen Fakten über den Iran ist, dass der Staat immer ganz geschickt darin war, seinen Bürgern und Bürgerinnen einiges zu bieten, um sie ihre Einschränkungen leichter vergessen zu machen.

Öffentlich Bedienstete können nach einer geringen Anzahl von Arbeitsjahren bezahlt in Pension gehen, im Fall Ebadis waren es fünfzehn. Die Hoffnung auf Veränderungen hatte sie da bereits aufgegeben, auch dass sie jemals wieder Recht praktizieren würde.

Den Iran zu verlassen, kam nicht in Frage

In dieser Zeit schrieb sie etliche Bücher, eine ganze juristische Reihe, von Medizin- über Arbeitsrecht über Copyright bis hin zu Baurecht. Mit der ihr eigenen Sturheit wies sie jeden Gedanken zurück, dass sie, so wie viele ihrer Freunde und Bekannten, auswandern könnte: Den Iran zu verlassen, kam nicht in Frage.

Sie ging so weit, dass sie es anderen ernsthaft verübelte. Man verlässt seine Heimat nicht, man lässt sie nicht im Stich. Innerhalb des Iran war es auch die Zeit der großen Auseinandersetzung zwischen den beiden Flügeln des schiitischen, politischen Islam: Die militanten Linksislamisten der Mojahedin-e Khalgh Organisation (MKO), die von den Khomeinisten von den Futtertrögen der Macht ferngehalten wurden, waren für so manche jungen Iraner und Iranerinnen, die an die linken Ideale der Revolution glaubten, attraktiv.

Die MKO nahmen 1981 ihren Terrorkampf gegen das Regime auf, das mit enormer Repression antwortete: Das war die Zeit der großen Hinrichtungswellen, übrigens unter dem damaligen Premier (das Amt wurde später abgeschafft) Mir Hossein Moussavi - der 2009 der Hoffnungsträger der oppositionellen Bewegung gegen Ahmadinejad werden sollte und 2016 noch immer unter Hausarrest steht.

Ebadis Familie war von der Auseinandersetzung des Regimes mit den MKO direkt betroffen: Fuad, ein Bruder ihres Mannes, war zuerst im Gefängnis, unmittelbar nach dem Krieg wurde er wegen angeblicher Verbindungen zu den MKO, die von ihrer Basis im Irak aus die Provinz Kermanshah angegriffen hatten, im Gefängnis hingerichtet.

Die Revolution kümmert sich um die einfachen Frauen

Ebadi beschreibt die „stumme Wut", die in ihr in jenem Moment ausbrach, der plötzlich eintretende hohe Blutdruck, den sie nie wieder loswurde. Die Familie hatte den Befehl erhalten, nicht über den Tod des jungen Mannes zu sprechen, „deshalb redete ich Tag und Nacht über seine Hinrichtung.

Im Taxi, im Geschäft an der Ecke, in der Schlange vor der Bäckerei, ich redete völlig fremde Leute an, um ihnen über diesen liebenswerten jungen Mann zu erzählen, der zuerst zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er Zeitungen verkauft hatte, und dann exekutiert wurde."

Eine weitere Geißel war die damals besonders aggressive Religionspolizei („Komiteh"), deren Interventionen böse enden konnten. Ebadi beschreibt in ihrer Autobiografie aber auch eine fast komische Episode, in der sie, gemeinsam mit anderen Frauen, angehalten wird und von einer 18-Jährigen eine vorgefertigte Belehrung erfährt (darüber, was die Tochter des Propheten Mohammed, Fatima, zum Betragen der Frauen gesagt hat), einem simplen und völlig ungebildeten Mädchen, das vor der Revolution, so Ebadi, „zuhause gesessen und Gemüse geschnitten hat".

Das ist ein ganz wichtiger Punkt, der die westliche „Steinzeit"-Rhetorik über den Iran ebenfalls ordentlich über den Haufen wirft. Die Revolution kümmerte sich anfangs um diese einfachen Frauen schon deshalb, weil sie sie für die Konsolidierung ihrer Herrschaft brauchte.

Frauen an Schulen und Universitäten

So durften und sollten sie an die Wahlurnen gehen: „Wenn du wählst, freut sich der Imam-e Zaman (der 12. Imam) über dich!" Aber so etwas bleibt nicht ohne Folgen.

Der islamisierte öffentliche Raum führte dazu, dass auch Mädchen mit sehr traditionellem Hintergrund, die in der Schah-Zeit von ihren Familien vor der sündigen Welt abgeschottet wurden, an die Schulen und auch an die Universitäten kamen - wo heute die Studentinnen ihre Kommilitonen in quantitativer und qualitativer Hinsicht längst übertreffen.

Wenn an einer Universität die Moral durch die Segregation, die Trennung von Studenten und Studentinnen, garantiert ist, kann auch der konservativste Vater seiner Tochter nicht verweigern, dort hinzugehen.

Und das gilt letztlich auch für die Arbeitswelt. Man war doch in einer islamischen Republik, in der jeder Bereich des öffentlichen Lebens vom religiösen Standpunkt aus unbedenklich sein muss.

Es herrschten Willkür und Korruption

Eine slamische Republik, die die Frauen nach einem verlustreichen Krieg, in dem Hunderttausende Männer gefallen waren, auch zum Wiederaufbau brauchte: Und das galt für alle professionellen Bereiche.

1992 wurde den Frauen wieder gestattet, als Anwältinnen tätig zu sein. Ebadi bekam eine Lizenz. Der Wiedereinstieg war jedoch frustrierend: Das war kein Justizsystem mehr, es herrschten Willkür und Korruption.

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Wenn dem Richter die Argumente ausgingen, dann konnte er immer noch behaupten, dass die Anwältin Ebadi ihr Kopftuch nicht anständig trug, und die Verhandlung abbrechen. Ebadi beschloss, sich nicht zur Komplizin des Systems zu machen, und nahm fortan nur mehr Fälle an - unbezahlt -, in denen es darum ging, das Unrecht des Systems zu bekämpfen.

Und die vom Unrecht Betroffenen waren meist Frauen und Kinder, Dissidenten, Journalisten, die über Letztere schrieben. Die Menschenrechtsanwältin Shirin Ebadi war geboren.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Ein Appell von Shirin Ebadi an die Welt: Das hat der Prophet nicht gemeint" von Shirin Ebadi (Verlag Benevento). Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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