Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Shefali Tsabary Headshot

Psychologin: Darum scheitern so viele Eltern daran, ihren Kindern Disziplin beizubringen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DISZIPLIN KINDER
iStock
Drucken

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Psychologin höre ich von besorgten Eltern am häufigsten, dass sie nicht wissen, wie sie ihren Kindern zu mehr Disziplin verhelfen können.

Das überrascht mich nicht.

Eltern sind oft frustriert und überfordert, weil sie bereits jede erdenkliche Strategie und Maßnahme erfolglos angewandt haben. Das Verhalten des Kindes hat sich kein bisschen geändert, dafür stehen die Eltern selbst kurz vor dem Zusammenbruch.

Was heißt "disziplinieren" eigentlich?

Damit Eltern besser verstehen, warum ihre Erziehungsmaßnahmen nicht fruchten, mache ich oft eine Übung mit ihnen.

Ich bitte sie, das Wort "Disziplin" oder "disziplinieren" in einem Satz zu verwenden.

Die Antwort lautet dann immer ähnlich: "Wie kann ich mein Kind disziplinieren?" Oder, wenn sie das Kind direkt ansprechen: "Dir werde ich noch Disziplin beibringen!"

Ich erkläre dann zunächst, wie das Wort "disziplinieren" als Verb gebraucht wird: etwas, das man mit einer anderen Person macht.

Eltern wollen eigentlich etwas anderes


Ich bitte sie dann, den Subtext ihrer Aussagen zu analysieren. Was meinen sie wirklich, wenn sie "disziplinieren" sagen?

Wenn sie ehrlich sind, antworten die meisten so etwas wie: "Ich will meine Kinder kontrollieren können." Oder: "Ich bin wütend auf meine Kinder und will sie bestrafen." Oder auch: "Ich bin so frustriert, weil ich ihr Verhalten einfach nicht ändern kann."

Und das ist genau der Grund, warum diese Erziehungsmethoden nicht funktionieren.

Viele Eltern wollen in Wahrheit kontrollieren und manipulieren


Wir sagen, wir wollen unseren Kindern beibringen, sich anständig zu benehmen und Selbstdisziplin zu entwickeln. Dabei wenden wir jedoch Strategien an, die das genaue Gegenteil von Erziehung sind und nur geschickte Tarnungen für Manipulation und Kontrolle darstellen.

Und da sich kein Mensch gern manipulieren lässt, rebellieren unsere Kinder dagegen.

Sie rebellieren entweder gegen sich selbst, indem sie durch Unterordnung und Gehorsam ihre wahre Persönlichkeit leugnen, oder sie rebellieren aktiv gegen ihre Eltern.

In jedem Fall schaffen sie eine falsche Persönlichkeit, die lediglich eine Reaktion auf die Kontrollversuche der Eltern darstellt und keineswegs eine ehrliche Reaktion aus dem inneren Antrieb der Kinder ist.

Eltern erreichen das genaue Gegenteil des Gewünschten

Wenn wir sagen, dass jemand ein sehr "diszipliniertes Leben" führt, meinen wir damit nicht, dass diese Person oft von anderen "diszipliniert" wird. Im Grunde sind ein diszipliniertes Leben und Disziplinarmaßnahmen sogar das genaue Gegenteil voneinander.

Ersteres bezieht sich auf Selbstdisziplin, also die Fähigkeit, sich ohne Eingreifen anderer selbst Regeln aufzuerlegen und diese zu befolgen.

Unser innerer Kompass weist uns den Weg zu einem harmonischen Leben, in dem alle Speichen mit der Nabe im Mittelpunkt verbunden sind - unseren wahren Wünschen.

Der Ausdruck "Disziplinarmaßnahme" dagegen bezieht sich auf die Bestrafung durch eine andere Person.

Zur Verdeutlichung des Unterschieds sollten wir uns einmal mit der Ethymologie des Wortes "Disziplin" befassen. Es leitet sich vom lateinischen Wort "discipulus" ab, das "Schüler" bedeutet.

Dieser Begriff hat also nichts mit Strafe zu tun.

Eltern brauchen Selbstdisziplin

Ein Schüler ist etwas völlig anderes als eine Person, die diszipliniert wird. Ein Schüler möchte etwas lernen. Und die wichtigsten Lehrer für unsere Kinder sind wir Eltern.

Wenn ich ein Lehrer für mein Kind sein möchte, muss ich zunächst einmal über Selbstdisziplin verfügen. Ich muss mich immer wieder mit meiner eigenen emotionalen Unreife befassen.

Das geschieht, indem ich selbst authentisch und mir treu bin. So lernt mein Kind von mir, sich ebenfalls treu zu bleiben - und auf sein Herz zu hören.

Wir sollten Kinder nicht zwingen, unseren Wünschen zu entsprechen

Das ist etwas völlig anderes als die übertriebene Fokussierung auf das Verhalten unserer Kinder und der ständige Versuch, sie zu "disziplinieren" - und somit zu kontrollieren -, bis mit sie unseren Wünschen entsprechen.

Wenn wir uns stattdessen als Eltern, Großeltern, Betreuer und Lehrer darauf konzentrieren, den Kindern ein Vorbild zu sein, dann weckt das in den Kindern den Wunsch, unser rücksichtsvolles und sinnerfülltes Leben nachzuahmen.

Selbstdisziplin können wir nur selbst lernen, sie kann uns nicht von anderen auferlegt werden.
Wenn wir als Eltern Selbstdisziplin vorleben, wirkt das viel stärker auf unsere Kinder als jede disziplinarische Erziehungsmaßnahme.

Wir sollten unseren Kindern ein Vorbild sein

Selbstdisziplin zeigt sich darin, wie wir jeden Morgen unsere Betten machen, wie wir Sport treiben und uns ernähren, welche Grenzen wir setzen und wie wir unsere Ziele verfolgen.

Es ist nicht unsere Aufgabe, einen Therapeuten zu finden, der uns die perfekte Strategie oder Technik anbietet, um das Leben unserer Kinder "in Ordnung zu bringen" und zu kontrollieren.

Unsere wichtigste Aufgabe ist es, ein klares, zielgerichtetes und ausgewogenes Leben zu führen.

Haben wir das Wissen und den Mut, unser eigenes disziplinloses Leben in den Griff zu bekommen, und vertrauen wir darauf, dass unsere Kinder sich dieses Verhalten zum Vorbild nehmen und daran wachsen?

Mein neues Buch: Out of Control - Why disciplining your child doesn't work and what will (Außer Kontrolle - Warum Disziplinarmaßnahmen bei Kindern nicht funktionieren und was wirklich funktioniert) bietet pragmatische, lösungsorientierte Antworten auf diese Fragen. Hier können Sie eine Vorschau sehen.

Shefali Tsabary auf Twitter folgen: www.twitter.com/DrShefali

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Die Initiative Anderes Sehen e.V. etwa kümmert sich um die frühkindliche Förderung von blinden Kindern - ein Bereich, den die beiden Gründer zuvor als zutiefst vernachlässigt erfahren haben.

Nun setzen sie sich für Chancengleichheit für blinde Kinder ein. Anderes Sehen e.V. bietet Blindenstöcke für Kinder, die ihre ersten Schritte wagen, und entwickelt liebevoll gestaltete Tast-Bilderbücher.

Zudem hat die Initiative die Echoortungsmethode Klicksonar nach Deutschland geholt und bietet hierfür Schulungen an. Auch die Aufklärung von Betreuungspersonen und die Bereitstellung von Vorschulmaterialien gehören zum Angebot von Anderes Sehen e.V.

Unterstütze das Projekt jetzt und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.