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Ein offener Brief an meine Freunde und Familie: Ich überlebe

10/09/2015 15:35 CEST | Aktualisiert 10/09/2016 11:12 CEST

Ich möchte euch sagen, wie es sich anfühlt, in einer Blase aufzuwachen. Aufzuwachen, sich umzuschauen und festzustellen: Die Welt ist weit weg von dir und dein Kissen nicht echt, oder nicht so echt, wie es war als du dich hinlegtest. Als du dir dachtest: „Toller Tag. Keine Anzeige auf dem Radar, alles ist gut."

Ich möchte euch sagen, wie es sich anfühlt, eingewickelt in einen nebelgleichen Schleier umherzulaufen. Deine Kinder sprechen mit dir, doch du kannst dich nicht auf ihre Gesichter konzentrieren. Ihre Stimmen klingen wie in eine Dose gesprochen, wie flatternde Echos in der Ferne. Selbst wenn sie dich umarmen und sagen: „Ich hab dich lieb, Mami," - selbst wenn sie ihre warmen Körper an dich pressen und du ihnen Küsschen gibst, bist du dir nicht sicher ob diese Liebe wirklich echt ist. Du fühlst dich schuldig, schämst dich. Du versuchst sie anzuschauen, doch kannst sie nicht sehen weil deine Augen einfach nicht stillhalten wollen. Selbst wenn sie es täten, würden sie nur eine Nase, eine Sommersprosse oder ein abstehendes Haar sehen.


anxiety by caroro on DeviantArt

Ich möchte euch sagen, wie es sich anfühlt, einmal völlig präsent aufzuwachen. Wie es sich anfühlt, die Leichtigkeit im Herzen zu spüren, weil alles einfach normal ist. Wie es sich anfühlt, dich selbst zu beglückwünschen weil man dir sagte, du würdest es schon schaffen. Ein Freund sagte zu dir: „Werde es doch einfach los, denk an etwas anderes." Und du denkst an etwas anderes. Du hakst unbekümmert Punkt für Punkt auf deiner To-Do-Liste ab. Du belohnst dich mit einem Latte. Du schminkst dich nicht, weil du heute niemanden zu täuschen brauchst. Du brauchst ihnen nicht vorzuspielen, dass du dir alles merkst, was sie dir sagen oder dass eine Stimme in deinem Kopf dich nicht anschreit endlich. Ab. Zu. Hauen. Es ist zu schwer.

Das ist kein Scherz. An den meisten Tagen ist die Welt weit weg und ich frage mich, ob ich in eine andere Dimension abgleite. Es ist wie Schwimmen, nur das Wasser ist sämig und schwer und ich komme nicht von der Stelle. Ich meine schon Schwimmen, nicht auf der Stelle treten.

Das ist kein Scherz. Ich hasse es, Leuten zu sagen, dass ich eine Pause brauche. Ich hasse es, mich zu wundern, ob mein Gesicht gerade den richtigen Ausdruck aufgesetzt hat. Ich hasse es, im Bad vor dem Spiegel zu stehen und mein Lächeln zu üben. Ich versuche immer, es bis zu den Augen hochzuziehen. Ich hasse es meinen Kiefer zu massieren, damit ich keine Kopfschmerzen bekomme. Ich hasse das Gefühl, nicht voll da zu sein. Oder überhaupt irgendwo nicht zu sein. Ich hasse es, wenn ihr mir sagt, es endlich loszuwerden. Wenn ihr sagt, es sei einfach. Wenn ihr sagt, dass ich das schon schaffe. Wenn ihr mitbekommt, dass eure Vorschläge allein nichts bringen und mir sagt, dass ich vielleicht professionelle Hilfe suchen sollte.

Ich möchte euch sagen, wie es sich anfühlt, aus dem Bett zu schießen, mit Herzrasen hellwach in der Dunkelheit. Dunkelheit in der Dunkelheit seiner Träume zu finden. Wach zu liegen, sich zu schütteln, von der einen auf die andere Seite des Bettes zu rollen um den Puls wieder runterzubekommen. Die Netze im Unterbewusstsein zu zerstören, sich seinen Pfad zurück ins Tageslicht zu kämpfen - nur um festzustellen, dass man im Inneren in Schatten gehüllt ist. Keine Dusche wird ihn wegspülen. Keine Bekräftigung ihn verschwinden lassen. Du kannst dich nicht herausdenken, deshalb hörst du keine Worte wie: dramatisch, melodramatisch, überreagieren, sich locker machen, aus einer Mücke einen Elefanten machen, beruhig dich doch, dir geht's gut, du musst dein Denken ändern, hast du es mit Meditation versucht? Du kannst nichts anderes wählen. Du hast es dir nicht ausgesucht. Du würdest sowas nie wählen.

Es verunsichert dich, die Menschen schauen dich schief an, wenn du sagst, dass du eine Angststörung hast. Wenn du abschaltest, still wirst, mitten im Gespräch aus unerklärlichen Gründen verschwindest. Wenn du im Kreis redest weil du dir nicht sicher bist, ob dich jemand versteht. Ob du es die ersten drei Male bereits richtig erklärt hast. Ob das, was du von dir gibst irgendeinen Sinn ergibt - denn für dich ergibt das alles keinen Sinn.

Ich möchte euch sagen, wie schwer es ist zu wissen, warum ich so bin. Wie schwer es ist, sich selbst zu verteidigen. Sich einzugestehen, dass man weggehen muss. Euch zu sagen, warum ich so bin. Euch zu sagen, dass ich so bin. Euch zu sagen, dass es losgeht, dass ich eine Panikattacke habe, einen Flashback oder irgendeine traumatische Reaktion. Wörter zu verwenden, die die Popkultur aus ihren eigentlichen Bedeutungen gerissen hat. Die Wörter zu verwenden, die mich sicher halten sollen, mich aber immer mehr in Gefahr bringen, weil sie unnötigerweise mit Negativ und anti-Intellektuell gleichgesetzt wurden. Sie sind die Brücke des Mitleids, die mich vom Opfer zum Überlebenden werden lassen.

Ich möchte euch sagen, wie sehr mir diese Worte in die Zunge stechen. Wie sie über meine roten Wangen kriechen und mir versichern, dass ich ein Lügner bin. Wie euer Seufzen, wenn ich gerade hart daran arbeite, einfach nur zu sein, mich brutal zu Boden schmettert.

Angst bedeutet für mich nicht, für eine kurze Zeit aufgebracht bin. Es bedeutet Taubheit im ganzen Körper, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Trägheit, Zittern, Kälte, Herzrasen, Beklemmung, Stottern und Wörter, die in der falschen Folge aus meinem Mund herausfallen. Tagelang. Wochenlang, manchmal. Auch mit Therapie. Auch mit Unterstützung aus der Familie. Auch mit richtiger Ernährung, Nahrungsergänzung und Medikamenten.

Ich möchte euch sagen, dass nicht jede Angst gleich ist - ich kenne den Unterschied. Die meiste Zeit reitet meine Angst wie ein weinerliches Kind auf meinem Rücken, das sich gerade die Knie aufgekratzt hat. Das mich mit spitzen Nadeln zwischen meinen Schulterblättern an die Stelle sticht, dich ich nicht erreiche. Das ich versuche zu beruhigen, während es mich würgt. Das mich auf den Boden drückt, mich zu sich heranzieht, sich an mich schmiegt und mir klarmacht, wer ich für es bin.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Nils Werner aus dem Englischen übersetzt.

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