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Schockierend ehrlich: Vater erzählt, wie er die Geburt seines Kindes erlebt hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BIRTH
gaiamoments via Getty Images
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Ich fahre schneller, rase an den Autos auf der Straße vorbei. Fast läuft mir jemand vor den Wagen. Ich kann grade noch bremsen. Noch 35 Minuten bis zur Geburtsklinik und Mailes Wehen haben bereits eingesetzt. Ich stoppe an einer roten Ampel, als eine weitere Wehe kommt.

Es ist unser sechstes Kind. Ich weiß aus erster Hand, was der Körper meiner Frau durchmacht, sobald sich das Kind dazu entschlossen hat, auf die Welt zu kommen.

Maile summt zum Bespiel während den Wehen. Erst ganz leise, kaum mehr als ein Atmen. Wenn die Wehen stärker werden und in kürzeren Abständen kommen, dann schwillt ihre Stimme an, wird lauter und das Summen wird fast zu einem Gesang.

Es ist ein prähistorischer Singsang, tief verankert in ihrer DNS. Aber jetzt an der roten Ampel, wo ihre Wehen stärker werden, verwandelt der Druck das Summen in ein kehliges Grunzen. Ich weiß, was das bedeutet.

"Musst Du pressen?" frage ich und schaue zu ihr rüber.

Das ist kein guter Zeitpunkt, wir sind noch zu weit entfernt

Ihre Lippen zeigen einen weißen Rand. Sie atmet noch den Rest der letzten Wehen ab und nickt.

Der Verkehr fließt zäh. Wir müssen an jeder Ampel halten. Eine weitere Wehe kommt und ebbt ab. Und noch eine.

"Spiel das Lied nochmal", flüstert Maile. Das Lied ist "Born" von Over the Rhine.

I was born to laugh
I learned to laugh though my tears
I was born to love
I'm gonna learn to love without fear

"Du solltest vielleicht schneller fahren", sagt sie mit flacher, ruhiger Stimme, aber es schwingt eine Dringlichkeit mit, wie ein roter Faden auf einem weißen Teppich.

Pour me a glass of wine
Talk deep into the night
Who knows what we'll find

Ich schaue nach rechts und links und fahre dann widerwillig über die rote Ampel

Den Rest des Weges lege ich auf der Mittelspur zurück, mit eingeschalteten Scheinwerfern. Noch 20 Minuten bis zur Geburtsklinik. Aber endlich sind wir aus der Stadt raus. Auf dem Land fahren wir in die Schatten, hinter uns geht die Sonne unter.

Auch das habe ich schon gesehen: Wenn die Wehen beginnen und schließlich in kürzeren Abständen kommen, dann zieht Maile sich in sich selbst zurück. Es gibt ein Labyrinth, dem sie bis ins Tiefste folgt, und wenn sie angekommen ist, wenn die Wehen richtig stark sind, dann finde ich sie nicht mehr.

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Sie würde mich auf der Straße nicht erkennen, wenn wir uns begegneten

Um halb acht an einem Samstagabend, eine Stunde bevor wir den Highway entlang jagten, sagte sie, sie würde gerne spazieren gehen. Gemeinsam mit Leo und Cade machten wir uns also auf den Weg.

Wir bogen in die Frederick Street ein. Cade lief vor, Leo begrüßte ein kleines Mädchen, das am Straßenrand spielte. Maile verlangsamte ihre Schritte. Sie atmete tief ein und ich wusste, was kam: der Rückzug, das Suchen. Sie suchte nach einem Weg in das Labyrinth.

Ich sah Angst in ihren Augen.

"Alles in Ordnung?", fragte ich. "Die war stark", sagte sie, eine Hand in ihrem Rücken. "Ich habe Angst, mit diesem Kind musst du mir helfen." Ich nickte stumm.

"Du schaffst das schon, Schritt für Schritt", sagte ich. Wir kamen an eine Kreuzung, nach Hause war es nicht mehr weit. Die Ampel stand auf Rot. Maile beugte sich vor und drückte dann ihren Rücken durch. Sie atmete tief ein und begann zu summen. Das war das erste Summen, das ich hörte.

Die Wehen wurden stärker

Sie sah aus, als müsse sie sich übergeben. Ihr Blick ging in die Ferne, sie betrat das Labyrinth.
"Vielleicht sollten wir in die Klinik fahren", sagte ich. Ich erwartete nicht, dass sie darauf einging. Sie mag das nicht, wartet bis zum letzten Moment. Aber sie überraschte mich.

An der Straßenecke, an dem griechischen Restaurant, das wir so mögen, sah sie mich an. Sie nickte nur. "Das ist eine gute Idee. Wir sollten uns beeilen."

Als wir also aus der Stadt raus fuhren, verspürte Maile den Drang zu pressen

Wir entkommen der untergehenden Sonne, 15 Minuten sind es noch bis zur Klinik. Mit jeder Wehe frage ich sie, ob sie pressen müsse. Manchmal antwortet sie mit Ja, manchmal mit Nein.

Ich habe keine Angst davor, meiner Frau dabei zu helfen, in meinem Truck ein Kind auf die Welt zu bringen, wenn ich muss.


Aber wir schaffen es
. Es würde keine Geburt im städtischen Umland geben. Wir fahren auf den Parkplatz der Klinik, nach Stunden führt uns eine Schwester in das gleiche Zimmer, in dem auch Leo geboren wurde. Das gleiche Zimmer. Das gleiche Bett, die gleiche Wanne.

Ich erinnere mich an Leos Geburt. Ich erinnere mich, wie ich allen von den Neuigkeiten per SMS berichtete.

Die Wehen kommen häufiger und Maile ist weit weg


Sie ist tief im Labyrinth verschwunden
, sie versucht ihren Weg ins vermeintliche Zentrum zu finden. Sie summt sich durch die Wehen. Sie zieht sich aus und steigt in das warme Wasser. Im Yoga ähnelt das der Figur des Kindes.

Sie flüstert Gebete in das Wasser, als der Schmerz unerträglich wird. Ihr Atem sendet kleine Wellen über die dünne Wasseroberfläche. Vielleicht ist es aber auch der Geist. Sie will, dass ich tief in ihren Rücken presse und ich drücke mit meinen Handflächen. Ich spüre ihre Wirbelsäule und die Muskeln ihres Rückens, ihre Rippen.


Sie drückt sich hinunter bis ich fast glaube
, sie würde mit dem Wasser verschmelzen oder sich entzweien. Sie möchte Hilfe, als sie die Wanne verlässt und wir bringen sie zum Bett. Sie summt weiter, es wird immer lauter und höher. Ihre kraftvolle Stimme gibt mir eine Gänsehaut.

Sie stöhnt und weint und presst

Die Art und Weise wie ein Kind aus einer Frau in die Welt tritt, ist die Geburt einer Galaxie. Es ist ein stechender Schmerz und eine betäubende Freude; es zersplittert uns alle in interstellare Teilchen.

"Was für ein Geschenk", flüstert sie immer wieder. "Was für ein Geschenk."

Später, in Ruhe, als das Labyrinth weit zurück liegt (oder sich vielleicht um uns herum befindet, mit uns beiden in seinem perfekten Zentrum), geben wir ihr den Namen Poppy Lynne Louella.

Was für ein Geschenk.

Dieser Artikel erschien zuerst auf foreverymom.com und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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(juk)