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Das ist die Botschaft des einflussreichsten Muslims der Welt an die Attentäter von Paris

16/11/2015 19:35 CET | Aktualisiert 16/11/2016 11:12 CET
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Shawki Ibrahim Abdel-Karim Allam ist seit 2013 Großmufti für Ägypten und Professor für islamisches Recht. Die Position des Großmuftis ist in der islamischen Welt hochangesehen - Allam gehört damit zu den wohl einflussreichsten Muslimen der Welt. Er hat eine ähnliche Funktion wie der Papst bei den Katholiken. Der Großmufti kann Gesetze nach dem islamischen Glauben erlassen. Das ist Allams Botschaft an die Muslime auf der ganzen Welt nach dem Attentat in Paris:

Ich war geschockt als ich von den sinnlosen, hinterhältigen, widerlichen und feigen Anschlägen hörte, die sich am vergangenen Freitag in Paris zugetragen haben.

Diese Attentate sind schockierend und verletzen das Gewissen jedes normalen Menschen. Ganz gleich, welcher Religion er angehört. Ich möchte ganz klar und unmissverständlich unsere vollständige Solidarität und unerschütterliche Unterstützung für das französische Volk in ihrer Trauer und ihrem entschlossenen Kampf gegen den Terrorismus Ausdruck verleihen.

Terroristische Vereinigungen machen sich schamlos die Religion zu Nutze


Wir schließen die unschuldigen Opfer und ihre Familien in unsere Gebete mit ein. Die gesamte muslimische Gemeinschaft befindet sich in Trauer, genau wie das französische Volk, da ein Attentat dieses Ausmaßes ein Angriff auf die gesamte Menschheit ist.

Terroristische Vereinigungen machen sich schamlos die Religion zu Nutze, und benutzen sie als Deckmantel für ihre feigen Gewalttaten. Ihr ideologisches Irren offenbart ihre verzerrte Logik ebenso, wie die falschen und unauthentischen Quellen, auf die sie sich beziehen, um ihr unstillbares Streben nach Macht mit Blutvergießen zu rechtfertigen.

Diese Ideologien des Hasses und des Terrors müssen bekämpft und ausgerottet werden.

Aber wo nahm das alles seinen Anfang? Im Islam sowie auch in anderen Religionen sind wir Zeuge eines Phänomens, das folgendermaßen aussieht: Menschen ohne festes religiöses Wissen schwingen sich zu selbsternannten religiösen Authoritätspersonen auf, obwohl ihnen die akademische Qualifikation dazu fehlt. Sie können schlicht keine geltenden Auslegungen bezüglich religiöser Moral und des religiösen Rechts treffen. Das ebnet einer extremistischen Auslegung des Islam, die keinerlei Grundlage besitzt, den Weg.

Die Terroristen sind Produkt einer verzerrten Auslegung des Islam


Außerdem, und das ist außerordentlich wichtig, muss gesagt werden, dass keiner dieser Extremisten eine religiöse Ausbildung in einem der echten Islamischen Schulungszentren durchlaufen hat. Vielmehr sind die Terroristen das Produkt eines schwierigen Umfelds und einer verzerrten und fehlgeleiteten Auslegung des Islam. Ihr Ziel ist es, Chaos und Verwüstung in der Welt zu verbreiten.

Aber zu dieser Gleichung gehört noch ein weiterer Part. Ich verurteile wie immer alle terroristischen Anschläge und Selbstjustiz in aller Deutlichkeit. Und ich wiederhole noch einmal, dass sich der Islam dieser Form des Extremismus entschieden entgegenstellt.

Wenn wir dieses Problem aber wirklich angehen wollen, dann müssen wir uns bemühen, die vielen Faktoren, die dem Terrorismus und dem Extremismus in der modernen Welt eine Rechtfertigung geben, wirklich zu verstehen.

Wir müssen uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass gewalttätiger Extremismus keinen Glauben kennt. Das zeigen uns die aktuellen Ereignisse einmal mehr. Vielmehr ist es eine Perversion des Menschseins und damit müssen wir uns befassen.

Extremismus kennt keinen Glauben


Wir alle sind gemeinsam in der Verantwortung, eine solche Devianz zu bekämpfen. Muslime, Europäer, Amerikaner, Asiaten - wir alle müssen unsere Hausaufgaben machen, um diese Bedrohung zu beseitigen. Dieser Aufgabe müssen wir uns alle gemeinsam stellen.

Weil der wahre Geist der Gemeinschaft unverzichtbar ist, sorge ich mich darum, dass Gefühle in dieser schweren und schwierigen Zeit von Fanatikern ausgenutzt werden, und die Muslime in Europa in Gefahr sind.

Eine gesamte Religion zum Sündenbock zu machen, funktioniert nicht, wenn wir unser gemeinsames Ziel umsetzen wollen, nämlich die Bekämpfung des Terrorismus. Eine vielgestaltete und überaus friedliebende religiöse Gemeinschaft nur aufgrund der Taten ein paar weniger Außenseiter zur Zielscheibe zu machen, ist nicht nur überaus unfair, sondern auch kontraproduktiv.

In dieser Zeit der großen Trauer ist es wichtig, dass wir zusammen stehen und diesen grausamen Ereignissen auf faire und gerechte Weise entgegentreten. Es ist wichtig, dass wir die muslimische Gemeinschaft nicht mehr als Ganzes grundlos verurteilen. Nicht, weil das gut für den Islam ist, sondern weil die Fähigkeit, den Terror vollends zu bekämpfen, davon abhängt.

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