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Einflussreichster Muslim der Welt: Das müssen islamische Staaten sofort ändern

20/01/2016 17:38 CET | Aktualisiert 20/01/2017 11:12 CET
UNO

Shawki Ibrahim Abdel-Karim Allam ist seit 2013 Großmufti für Ägypten und Professor für islamisches Recht. Die Position des Großmuftis ist in der islamischen Welt hochangesehen - Allam gehört damit zu den wohl einflussreichsten Muslimen der Welt. Er hat eine ähnliche Funktion wie der Papst bei den Katholiken. Der Großmufti kann Gesetze nach dem islamischen Glauben erlassen. In einem Interview für die Huffington Post spricht er über den IS, die Übergriffe in Köln und die Stellung des Islam in Europa.

Nach den Anschlägen in Paris und Istanbul fragen sich die Menschen im Westen, was Muslime gegen den Terror unternehmen. Können Sie sich eine weltweite Allianz aller Glaubensrichtungen gegen den Terror vorstellen?

Meines Erachtens ist es eine dringende Notwendigkeit, eine weltweite Allianz aller Glaubensrichtungen zu gründen, um die drohende Gefahr des Terrors auszurotten. Die ganze Welt, nicht nur die Muslime, sind Opfer radikaler Ideologien geworden, die sich als religiös ausgeben, aber hauptsächlich für politischen Profit arbeiten. Wir müssen unsere Kräfte auf globalem Level vereinen, um dieser Plage Stand zu halten.

Es ist nicht die Absicht des Islamischen Gesetzes einen Gottesstaat zu erschaffen

Heute möchten Sie eine Initiative vorstellen, die alle muslimischen Länder dazu verpflichtet, ihre Minderheiten zu schützen. Eine nette Geste, aber ist das nicht ein wenig naiv? In Saudi-Arabien, Somalia oder den Malediven, darf keine andere Religion neben dem Islam praktiziert werden. In Ägypten besteht die Gefahr, dass die Kopten angegriffen werden. Was kann ein Text bewirken?

Erstens ist nichts naiv an dem Gebot. Zweitens - erlauben Sie mir klar auszudrücken, dass die Absicht des Islamischen Gesetzes nicht die ist, einen Gottesstaat zu erschaffen, Nichtgläubige zu unterjochen oder Menschen Höchststrafen auszusetzen.

Die Scharia, Gottes Wille, die menschliche Schöpfung aufblühen zu lassen, beabsichtigt es, einem Gläubigen zu vereinfachen, Gottes Gnade zu empfangen und ein gutes Leben sowie die Errettung im Diesseits zu erlangen. Das sind Ideale, die in allen abrahamitischen Religionen vertreten sind. Gott sagt im Koran: "Es gibt keinen Zwang in der Religion."

Der Eindruck im Westen vom Islam ist aber vielfach ein anderer.

Leider berichten die Medien nur über die Taten einer kleinen, präsenten und spaltenden Minderheit von Menschen in der muslimischen Welt. Sie vermitteln mit der unangemessenen Abdeckung vom muslimischen Extremismus, dass deren Reden und Taten den Glauben der muslimischen Mehrheit repräsentieren.

Deswegen müssen die muslimischen Führer den Islam in einer tieferen und verständlicheren Art präsentieren.

Aber können Sie verstehen, warum viele Menschen im Westen den Islam kritisch sehen?

Gewalttätige Extremisten, die im Namen des Islams handeln, haben viele Teile der Welt angegriffen und die aktuellen Schießereien in Paris und dem tragischen Ereignis des 11. Septembers auf New York und Washington sind nur einige Beispiele. Westliche und östliche Amtspersonen fragen sich auch: "Was will man damit vermitteln?" Viele Weltpolitiker sehen nur den Extremismus, der von wenigen Radikalen ausgeübt wird. Sie sind verzweifelt, Fortschritte und friedvolle Partner zu finden, um der muslimischen Welt Stand zu halten.

Was entgegnen Sie dem Vorwurf, dass viele Muslime in Parallelgesellschaften leben und sich nicht integrieren wollen? Was raten Sie Muslimen in aller Welt?

Mein Rat an alle Muslime in Europa und auf der Welt ist es, gute Botschafter ihres Glaubens zu sein, egal wo sie sind. Ich sage ihnen, dass sie daran denken sollen, dass es das Ziel des Propheten war, die gnädige Botschaft des Islams zu verbreiten und, dass er das beste Vorbild in Sachen Führung, Liebe und Empathie sein wollte. Schlussendlich, um die Worte Gottes im Kopf zu behalten: "Wir haben nicht dich gesandt (O Muhammed), sondern Gnade für alle Welten."

Die Wahrheit ist, dass die muslimischen Frauen seit Jahrhunderten durch das islamische Gesetz befreit waren.

Viele Europäer glauben, dass der Islam die Unterdrückung der Frau fördert und die Bekämpfung der Ungläubigen. Was antworten Sie auf diese Vorwürfe.

Wir erleben ein Phänomen, in dem Extremisten sich selbst zu religiösen Autoritäten erklären, und dass, obwohl es ihnen an schulmeisterlichen Qualifikationen mangelt, stichhaltige Interpretationen von religiösem Gesetz und religiöser Moral abzugeben. In der Geschichte des Islams gab es noch keine Gegenüberstellung mit dem Problem, dass sich "Die Angelegenheit mit den Frauen" nennt.

Es haben sich jedoch die Aufrufe in den dunklen Zeiten gehäuft, die Frauen zu befreien. Die Wahrheit ist jedoch, dass die muslimischen Frauen bereits seit Jahrhunderten durch das islamische Gesetz befreit waren.

Das Grundprinzip im Islam ist, dass Frauen und Männer geehrte Mitglieder der Schöpfung sind und auch gleichberechtigt im Bezug auf Spiritualität und Gottesdienst. Aus dieser spirituellen Gleichberechtigung leitet sich auch die Gleichberechtigung in sozialen Beziehungen ab.

Und der Vorwurf, dass Muslime die Ungläubigen bekämpfen müssen?

Der Irrglaube, der sich auf das Bekämpfen der Nicht-Muslime bezieht, entspringt den radikalen Ideologien der Extremisten, welche meistens nicht wirklich in islamischen Zentren ausgebildet wurden.

Diese Extremisten interpretieren den Islam falsch und zitieren irgendwelche Verse des Korans, die zu ihren eigenen Vorstellungen passen und verleihen somit ihren Ansichten etwas "autoritäres".

Haben Sie mitbekommen, was in der Silvesternacht in Köln passiert ist? Hunderte - vermutlich Muslime aus Nordafrika - begingen sexuelle Übergriffe auf Frauen. Das Phänomen ist aus arabischen Ländern auch als "al taharroushgamea" bekannt.

Diese Taten sind nichts als die Taten einer kleinen Minderheit, die nichts von der wahren Lehre des Islams weiß. Wie jede andere Religion auf dieser Welt auch haben wir gute und schlechte Anhänger. Jedoch stand in den letzten Jahren der Islam im Fokus.

Als ein religiöser Führer verurteile ich diese Handlungen und gleichzeitig bestätige ich, dass wir verantwortlich sind, die Autorität unserer qualifizierten religiösen Führer wiederherzustellen, die es als ihre Lebensaufgabe ansehen, den wahren Islam zu vermitteln, der Frieden und Gerechtigkeit als höchstes Gut ansieht.

Hunderte junge Muslime aus Europa schließen sich dem Kampf des Islamischen Staates in Syrien und dem Irak an. Was lässt sich dagegen tun?

Es ist wichtig, zu benennen, was Menschen unter "Dschihad" verstehen, was leider einer der bekanntesten islamischen Begriffe im Westen ist. Das arabische Wort "Dschihad'' bezieht sich auf den Kampf des niederen "Ichs". Die Bedeutung ist von Grund auf spirituell und meint die Reinigung des Herzens. Der Prophet Mohammed sah die als den größten "Dschihad" an und ist die höchste und edelste Bedeutung dieses Wortes.

Der Begriff "Dschihad" wurde auch benutzt, um den Muslimen zu erlauben sich aufzulehen und gegen Angriffe zu wehren. Dies wurde auch als der "kleine Dschihad" beschrieben. Der Prophet sagte: "Die beste Form des Dschihad ist ein wahres Wort ins Gesicht eines Tyrannen." Damit wird die Wichtigkeit der Verantwortung und der Demokratie hervorgehoben, welches wichtige Instrumente im politischen System sind.

Das Wort "Dschihad" wird im islamischen Diskurs auch benutzt, um die Pilgerfahrt der Frauen nach Mekka zu beschreiben, welche oft hart für sie ist.

Die Extremisten haben das Wort "Dschihad" missbraucht und leider auch die Massenmedien, die sich nicht mit dem Arabischen befassen. Die Feinheit des Begriffs wurde nun reduziert auf die Bedeutung "Terroristische Gewalt", was sich nur zum Vorteil der Extremisten auswirkt.

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