Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Sharon Schurder Headshot

Darf ich mich Mutter nennen?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
STILLBIRTH
Love Song Photography
Drucken

Der erste positive Schwangerschaftstest, die Vorsorgeuntersuchung in der zehnten Woche und dann neun Monate später die Geburt. Das Baby kam raus. Tot. Standard-Schwangerschaften verlaufen ähnlich wie meine. Doch statt der wundervollen Tochter, auf die ich mich gefreut hatte, brachte ich eine Leiche zur Welt.

Und hier kommt meine schwierige Frage: Darf ich mich überhaupt als ihre Mutter bezeichnen?

Als ich anfing, Bekannten zu erzählen, dass ich eine Tochter hatte, die jedoch nicht mehr am Leben war, merkte ich erst, dass die Frage schwerer zu beantworten ist, als ich anfangs dachte.

Mit dieser Art von Information teile ich auch Verletzlichkeit und Intimität mit völlig fremden Menschen, die dann Mitleid für mich empfinden, nachdem sie einfach nur eine völlig normale Frage gestellt haben.

Oder noch schlimmer: Sie machen mich darauf aufmerksam, dass meine Tochter gar nicht sterben konnte, weil sie nie gelebt hat.

Wie viele Kinder habe ich? Gar keine? Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Und ihre Existenz abzustreiten, würde ihrem Andenken nicht gerecht werden. Wir leben nicht mehr in der Vergangenheit, in der solche Ereignisse totgeschwiegen wurden und in der von Eltern erwartet wurde, sofort zu vergessen.

Doch wie kann ich ihr Andenken am Leben halten, ohne dass ich andere damit traurig mache?

Jedes Mal, wenn ich behaupte, ich hätte keine Kinder, überkommt mich eine Welle des schlechten Gewissens.

Ich beerdigte mein Baby, bevor es überhaupt leben konnte. Ich trug es so lange aus und es wuchs in meinem Bauch heran, bis es ein gesundes Gewicht erreicht hatte. Doch meine Tochter kam tot auf diese Welt.

Nach neun Monaten Schwangerschaft gab es am Ende kein Baby zum Vorzeigen.

"Echte" Mütter benehmen sich erschreckend überheblich, wenn sie mich darauf hinweisen, dass ich mich nicht mit Wickeln und nächtlichem Füttern herumschlagen müsse - und natürlich haben sie recht.

Ich werde nicht die Gefühle einer "echten" Mutter erleben. Ich werde nicht voller Stolz die ersten Schritte meiner Tochter beobachten können oder erleben, wie sie sich nach einem schlimmen Tag in der Schule in den Schlaf weint. Ich werde sie auch nicht voller Stolz vor den Traualtar führen.

Habe ich mir den Titel "Mama" überhaupt verdient, wenn ich nie den Tag erleben werde, an dem mein Baby mich so nennen wird?

Andererseits, wenn sie nicht meine Tochter ist, zu wem gehört dann das kleine, begrabene Baby auf dem Friedhof? Welchen Beziehungsstatus hätte ich auf die Totgeburtsurkunde schreiben sollen, als ich sie unterschrieb?

Laut Standesamt hatten nur die Eltern die Befugnis, zu unterschreiben. Trotz allem wurden mir der Babybauch, die Muttermilch, die Rückbildung, die Schwangerschaftsstreifen, der volle Mutterschutz und zwölf Monate lang freie Zahnbehandlung nach der Entbindung gewährt.

Sie hatte meine Lippen und ihre langen Beine waren mit Sicherheit dem Erbgut meines Mannes geschuldet. Was die DNA angeht, wären wir wahrscheinlich als ihre Eltern bestimmt worden.

Wenn der Beginn des Mutterseins der Moment ist, in dem dir klar wird, dass du die Bedürfnisse eines anderen Menschen freudig über deine eigenen stellst, dann sind alle Unannehmlichkeiten und Schmerzen, die du durchlebst, damit das Baby wächst und gedeiht, ein Opfer, das nur eine Mutter bringen kann.

Mein Mutterinstinkt entwickelte sich bereits, als sie gerade mal so groß war wie ein Ei.

Die Leute sagen mir, ich solle mir nicht so viele Gedanken über diese Fragen machen und es einfach noch mal versuchen, diesmal mit mehr Erfolg.

Dann erst werde ich mich eine "echte" Mutter nennen dürfen, auch in der Öffentlichkeit. Doch was bin ich jetzt?

Das erste Kind von Sharon Schurder und ihrem Mann kam 2015 als Totgeburt auf die Welt.
Ein Jahr nach dem Verlust verfasst, möchte die Autorin mit diesem Artikel ein Bewusstsein schaffen für die Ängste und Fragen, die eine Totgeburt für Familien mit sich bringt. Sie möchte, dass alle, die den Artikel gelesen haben, auf Familie und Freunde, die etwas Ähnliches durchleben, mit Liebe, Zuwendung und einem offenen Ohr zugehen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post UK und wurde von Timea Sternkopf aus dem Englischen übersetzt.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Die Initiative Anderes Sehen e.V. etwa kümmert sich um die frühkindliche Förderung von blinden Kindern - ein Bereich, den die beiden Gründer zuvor als zutiefst vernachlässigt erfahren haben.

Nun setzen sie sich für Chancengleichheit für blinde Kinder ein. Anderes Sehen e.V. bietet Blindenstöcke für Kinder, die ihre ersten Schritte wagen, und entwickelt liebevoll gestaltete Tast-Bilderbücher.

Zudem hat die Initiative die Echoortungsmethode Klicksonar nach Deutschland geholt und bietet hierfür Schulungen an. Auch die Aufklärung von Betreuungspersonen und die Bereitstellung von Vorschulmaterialien gehören zum Angebot von Anderes Sehen e.V.

Unterstütze das Projekt jetzt und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

Mit dieser Methode hören Babys innerhalb von Sekunden auf zu schreien