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Ich brauchte Mut, um meine Kinder zweisprachig zu erziehen

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AleksandarNakic via Getty Images
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Ich bin als Tochter einer Schweizerin und eines Argentiniers in der Schweiz aufgewachsen. Mit meiner Mutter unterhielt ich mich auf Schweizerdeutsch, mit meinem Vater auf Spanisch. Mein Deutsch war von Anfang an wesentlich stärker als mein Spanisch.

Es mangelte mir im Spanischen oft an Ausdrucksfähigkeit. Aber ich konnte fließend sprechen. Da mein Vater kein Deutsch verstand, war ich gezwungen, mich mit ihm auf Spanisch zu unterhalten, egal wie schwer es mir manchmal fiel, mich auszudrücken. Mit meiner Mutter hingegen, die sich mit meinem Vater ebenfalls auf Spanisch unterhielt, sprach ich ausschließlich Deutsch.

Mit jeder Person hatte ich eine gemeinsame Sprache, die sich "natürlich" anfühlte. Wenn mein Vater mich bat, mich mit meinen Brüdern oder meiner Mutter auf Spanisch zu unterhalten, damit er es auch verstünde, befremdete mich das. Das fällt mir bis heute schwer. Das bin nicht ich mit meiner Mutter und meinen Brüdern, das sind nicht wir, das fühlt sich einfach nicht gut an.

Zweifel an meinen Spanischkenntnissen

Als ich zum ersten Mal schwanger war, schlug mein Mann vor, ich könnte mit unserem Kind Spanisch sprechen. Ich weigerte mich. Ich war mir sicher, dass das völlig unnatürlich und gekünstelt wäre. Ich argumentierte, Spanisch sei nicht meine wirkliche Muttersprache und mir fehle zu viel Wortschatz. Und überhaupt, mein Kind solle doch Schweizerdeutsch lernen.

So sprach ich mit meiner Tochter, die in Köln zur Welt kam, Schweizerdeutsch. Wenn ich andere Kinder miterlebte, die zweisprachig aufwuchsen, wurde ich immer unsicher und fragte mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich profitierte ja selbst von meiner zweisprachigen Kindheit, lernte dadurch leichter weitere Fremdsprachen und hatte Vorteile bei der Stellensuche.

Mut zur Zweisprachigkeit

Wir zogen nach München und ich fand neue Freunde. Am leichtesten fiel es mir, mit spanischsprachigen Müttern in Kontakt zu treten. Da hatte man außer den Kindern noch eine weitere Gemeinsamkeit.

Meine neugewonnenen peruanischen Freundinnen erzogen ihre Kinder zweisprachig und verstanden nicht, weshalb ich es nicht auch tat. Mein Spanisch sei doch so gut. Das zu hören bestärkte mich sehr, hatte ich bislang doch stets an meinem Spanisch gezweifelt. Dass jetzt diese spanischsprachigen Mütter mir zutrauten, meine Kinder auf Spanisch zu erziehen, machte mir Mut.

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Eine Tante meines Mannes schwärmte kurz darauf von ihrer Enkeltochter, die in einer Botschafterfamilie mit mehreren Sprachen aufwuchs und fragte mich, was meine Tochter denn mit Schweizerdeutsch anfangen solle. Spanisch würde ihr doch viel mehr bringen. Dies regte mich zusätzlich zum Nachdenken an.

Ich beschloss von einem Tag auf den anderen, die Sprache mit meiner Tochter zu wechseln. Sollte ich mich tatsächlich nicht wohl fühlen, hätte ich es wenigstens versucht mit der Zweisprachigkeit und würde mir niemals Vorwürfe machen.

Ich wechselte die Sprache mit meiner Tochter

Meine Tochter war 14 Monate alt und fing gerade an erste Wörter zu sprechen. Sie reagierte gar nicht auf den Sprachwechsel. Für mich war es am ersten Tag noch sehr ungewohnt. Es war mir peinlich, in Gegenwart anderer Spanisch mit ihr zu sprechen, sogar vor meinem Mann.

Ich hatte immer die Sorge, jemand könnte denken, ich sei verrückt, mit meiner Tochter Spanisch zu sprechen, wenn ich es selbst nicht perfekt beherrschte. Deshalb hatte ich anfangs auch Hemmungen, meine spanischsprachigen Freundinnen nach Wörtern zu fragen, die ich nicht kannte. Und dass mir Wörter fehlten, kam anfangs sehr häufig vor. Sicher zehn Begriffe am Tag musste ich nachschlagen.

Ich fing an, Bilderbücher mit spanischen Begriffen zu beschriften. Ich wusste nicht einmal, was Stirn, was Kinn oder was Wange hieß. Wusste ich ein Wort nicht, schlug ich es, wenn möglich, sofort nach. Heute kommt es nur alle paar Tage vor, dass mir im Alltag ein Wort auf Spanisch fehlt.

Dass es mir nicht peinlich sein musste Spanisch mit meiner Tochter zu sprechen, merkte ich schnell. Mein gesamtes Umfeld befürwortete diese Entscheidung.

Nach zwei Tagen, in denen ich mit meiner Tochter Spanisch sprach, fühlte es sich für mich bereits "natürlich" an und ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen mit ihr Deutsch zu reden. Nun wäre es andersherum unnatürlich gewesen. Dass man sich so schnell an eine andere gemeinsame Sprache gewöhnen kann, das hätte ich niemals gedacht.

Mir war es wichtig, dass auch für meine Tochter Spanisch die natürliche Sprache zwischen uns beiden sein würde und Deutsch mit mir zu reden sich befremdlich anfühlen würde.

Spanisch ohne Ausnahmen

Ich redete deshalb ganz konsequent kein Wort auf Deutsch. Ich lernte sogar extra spanische Kinderlieder, um möglichst auch nur noch auf Spanisch mit ihr zu singen. Außerdem besorgte ich spanischsprachige Bücher und las ihr nur noch auf Spanisch vor.

Alle Bücher, die auf Deutsch geschrieben waren, übersetzte ich entweder auf Spanisch oder sagte, das solle der Papa vorlesen. Ich hatte die Befürchtung, sie könnte sonst, wenn ich auf Deutsch vorlesen würde, mit mir Deutsch reden.

Ich besuchte mit meiner Tochter eine spanische Eltern-Kind-Gruppe, um mein Spanisch zu verbessern und meine Tochter mit anderen spanischsprachigen Kindern in Kontakt zu bringen. Außerdem fing ich an, DVDs mit Kinderfilmen danach auszusuchen, ob sie eine spanische Tonspur enthielten.

Wollte ich eine bestimmte DVD, die es in Deutschland nicht auf Spanisch gab, bestellte ich sie aus Spanien über Amazon.es. Unsere Tochter durfte nun an den Wochenenden Filme schauen, aber nur auf Spanisch.

Eine Freundin sagte mir, es gäbe Studien, die belegen würden, dass Fernsehen den Spracherwerb nicht unterstütze. Dem kann ich heute zu einhundert Prozent widersprechen. Da ich selbst mit meiner Tochter argentinisches Spanisch spreche, kann es nur eine Begründung dafür geben, dass ihre Barbiepuppen sich in akzentfreiem spanischem Spanisch unterhalten.

Auch in Gegenwart deutschsprachiger Personen sprechen wir Spanisch

Viele Eltern, die ihre Kinder in einer anderen Sprache erziehen, berichten, dass sie in Gegenwart deutschsprachiger Personen mit ihrem Kind lieber Deutsch reden, damit das Umfeld es verstehe. Ich denke, dass das nicht nötig ist.

Ich hatte noch nie den Eindruck, dass es meinen deutschsprachigen Umstehenden unangenehm war, nicht zu verstehen, was ich zu meinem Kind sagte. Meistens können sie es ja anhand der Gesten und der Situation vermuten. Oft übersetze ich kurz, worum es gerade ging.

Würde ich in Gegenwart Anderer mit meinen Kindern immer wieder Deutsch sprechen, würde sich möglicherweise für sie auch Deutsch mit mir natürlich anfühlen.

Und so könnte es passieren, dass sie auf einmal auch in anderen Situationen mit mir Deutsch sprechen würde, anstatt Spanisch und irgendwann nur noch Deutsch. Jetzt ist es aber so, dass meine Kinder mich peinlich berührt anschauen, wenn ich spaßeshalber etwas auf Deutsch zu ihnen sage.

Ich lernte in den letzten Jahren viele andere Eltern kennen, die ihre Kinder ebenfalls zweisprachig erziehen. Interessanterweise klappt es nicht bei allen so gut wie bei uns. Sehr häufig antworten die Kinder ihren fremdsprachigen Eltern lediglich auf Deutsch. Die meisten Kinder sprechen von Anfang an besser Deutsch als die Sprache des fremdsprachigen Elternteils.

Und wie klappt es bei uns?

Meine älteste Tochter ist jetzt sechs Jahre alt. Bis zu ihrem dritten Geburtstag war ihr Spanisch eindeutig wesentlich stärker als ihr Deutsch. Im Kindergarten holte sie aber im Deutschen extrem gut auf und spricht heute etwa beide Sprachen gleich gut und akzentfrei. Sie spricht mit mir ausnahmslos Spanisch, genauso wie ich mit ihr. Alles andere wäre für uns beide befremdlich.

Auch meine jüngeren Töchter sprechen mit mir ausschließlich Spanisch. Die Vierjährige beherrscht etwa beide Sprachen gleich gut, obwohl sie nicht in den Kindergarten geht. Die Zweijährige spricht ganz klar besser Spanisch als Deutsch.

Mit jeder nahestehenden Person haben sie eine gemeinsame Sprache. Obwohl ich mit meinen Brüdern und meiner Mutter Deutsch spreche, unterhalten sich meine Kinder auch mit ihnen nur auf Spanisch. Selbst mit meiner schweizer Tante, die fließend Spanisch beherrscht, sprechen meine Kinder ausschließlich Spanisch.

Nur untereinander sprechen die drei Mädchen interessanterweise beide Sprachen, mal Deutsch, mal Spanisch. Oft mischen sie die Sprachen auch. Wenn ihnen ein Wort auf Deutsch nicht einfällt, sagen sie es eben auf Spanisch oder umgekehrt.

Nicht alles beeinflusst die gemeinsame Sprache

Von meiner anfänglichen Engstirnigkeit bin ich inzwischen abgekommen. Es gibt Dinge, die beeinflussen die gemeinsame Sprache nicht. So singe ich auch wieder Lieder auf Deutsch mit unseren Kindern, lasse sie auch ab und zu mal einen Film auf Deutsch schauen.

Ich übersetze keine Bücher mehr auf Spanisch und verweise auch nicht mehr an den Papa. Bücher, die auf Deutsch geschrieben sind, werden auch von mir auf Deutsch vorgelesen. Wenn wir während des Lesens einen Abschnitt genauer besprechen, geschieht dies dennoch automatisch auf Spanisch.

Mein Spanisch hat sich massiv verbessert

Meine Komplexe in Bezug auf mein Spanisch habe ich inzwischen fast gänzlich verloren. Es wurde mir von einer "echten" Argentinierin zwar schon gesagt, ich hätte einen leichten Akzent. Außerdem weiß ich auch, dass ich grammatikalische Fehler mache, die meine Kinder bereits übernommen haben.

Trotzdem sind sich alle mit mir einig, dass selbst ein Spanisch mit leichtem Akzent und ein paar grammatikalischen Fehlern für die Kinder nützlicher ist, als gar kein Spanisch.

Inzwischen habe ich auch längst keine Hemmungen mehr, meine spanischsprachigen Freundinnen nach Wörtern auf Spanisch zu fragen, die ich nicht kenne.

Auch mein Mann lernte ohne Zutun nebenbei Spanisch

Ein toller Nebeneffekt der zweisprachigen Erziehung ist auch, dass mein Mann inzwischen sehr gut Spanisch versteht und auch relativ fließend spricht. Zwar mit Akzent und natürlich auch fehlerhaft, aber er kann sich recht gut verständigen und es stehen ja noch viele Jahre bevor, in denen er sich sicher noch weiter verbessern wird.

Kinder vergessen genau so schnell, wie sie lernen

Ich war ganz begeistert, als ich mit meiner zweijährigen Tochter in einem dicken Bildwörterbuch von PONS die Bezeichnungen der Vogelarten auf Spanisch lernte. Sie konnte die Abbildungen der verschiedensten Vögel benennen, von Tukan über Pelikan, Amsel, Adler und viele mehr.

Dies klappte, solange ich es in regelmäßigen Abständen mit ihr anschaute. Als ich das Bildwörterbuch nur wenige Monate nicht hervorholte, waren alle Bezeichnungen wieder vergessen. Genauso schnell wie Kinder Sprachen lernen, vergessen sie diese auch wieder, wenn sie sie nicht weiter regelmäßig hören.

Von zwei Kindern, auf die ich vor 15 Jahren in der Schweiz aufpasste und die in ihr Heimatland zurückzogen, weiß ich, dass sie heute überhaupt kein Deutsch mehr verstehen, obwohl sie damals mit 5 und 7 Jahren fließend Schweizerdeutsch beherrschten.

Selbst in diesem Alter ist eine Sprache noch nicht tief genug verankert. Lediglich die große Schwester, die beim Wegzug schon 10 war, spricht nach wie vor fließend Deutsch.

Wie geht es bei uns weiter?

Anfangs war es für mich anstrengend mit dem Spanischen und ich hatte viele Zweifel, ob das funktionieren würde. Ob die Kinder es mir überhaupt "abkaufen" würden. Ob wir langfristig beim Spanischen bleiben würden und ob sie nicht alles wieder vergessen würden und die ganze Mühe umsonst gewesen sei.

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Wenn die Kinder in die Schule kämen und ich ihnen bei den Hausaufgaben helfe, ihr Wortschatz im Deutschen sich erweiterte und sie im Spanischen nicht mithielten, dann würden unsere Unterhaltungen ins Deutsche umschlagen, wurde mir schon prophezeit.

Ich selbst kann mir aber inzwischen gar nicht vorstellen, dass wir jemals in einer anderen Sprache sprechen werden. Aber wer weiß, was die Zukunft noch birgt ...

Dieser Beitrag erschien zuerst auf greenmom.eu.

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