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Ich versuche, dem Islam ein barmherziges Gesicht zu geben - jetzt bekomme ich Morddrohungen

23/07/2017 10:18 CEST | Aktualisiert 25/08/2017 07:46 CEST
dpa

Ich habe nie geglaubt, dass es leicht werden würde. Ich bin nicht naiv. Aber dass es aus der Türkei so hart kommen würde, hatte ich nicht erwartet.

Vor gut einem Monat habe ich in Berlin die erste liberale Moschee Deutschlands eröffnet. Bei uns beten Frauen und Männer gemeinsam, eine Frau ist Vorbeterin, Homosexuelle sind willkommen.

Mehr als 100 Morddrohungen

Jetzt stehe ich unter Polizeischutz, unter verstärktem Polizeischutz, um genau zu sein. Der mehr als 100 Morddrohungen wegen, die ich bekommen habe, beziehungsweise die in den sozialen Medien herumschwirren.

Meine Gegner sind nicht die Terrororganisationen und die Islamisten. Die haben mir noch nicht geschrieben. Sondern die sogenannten Konservativen, darunter das ägyptische Fatwa-Amt und das türkische Amt für Religionsangelegenheiten, haben Erklärungen abgegeben, die uns schaden.

Was für mich am gefährlichsten ist

Das gefährlichste aber ist: Durch eine absurde und hinterhältige Art der Berichterstattung hat die türkische Regierung mich in die Gülen-Ecke stellen lassen (Der Prediger Fethullah Gülen wird von der türkischen Regierung für den Putschversuch im Sommer 2016 verantwortlich gemacht, Anm. d. Red.)

Für viele Türken hier bedeutet das, dass ich auf einer Stufe stehe mit Gülenisten, die für Erdogan als Putschisten und Terroristen gelten. Es bedeutet für sie, dass ich zum Abschuss freigegeben bin.

Erdogan sieht alle aufgeklärten Menschen als Gefahr

Ich bin zwar in der Türkei geboren. Aber unsere Moschee, meine Arbeit, hat keinerlei Verbindung zur Türkei. Wir versuche, dem Islam ein anderes, ein barmherziges Gesicht zu geben. Und wir haben dafür einen wunderbaren Ort geschaffen.

Aber der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht alle aufgeklärten Menschen als Gefahr. Alle, die nicht seiner Meinung sind, sind Terroristen. Ihm fehlt die Gelassenheit eines großen Staatsmannes. Er ist viel zu wütend auf viel zu viele Dinge.

Für die türkische Religionsbehörde unter Erdogan ist es ein riesiges Problem, dass bei uns Männer und Frauen zusammen beten. Weil sie Gleichberechtigung nicht akzeptieren. Erdogan hat immer wieder klargestellt, dass Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind.

Ich kann nicht mehr einfach in den nächsten Laden gehen

Dieser Hass, diese Hetze haben jetzt dazu geführt, dass ich mich nicht mehr alleine aus meiner Wohnung trauen kann. Obwohl in dem Viertel, in dem ich in Berlin lebe, nur wenig Türken und Araber wohnen. Ich kann nicht mehr in den nächsten Laden gehen, um einzukaufen, ich muss meine Mitarbeiterin bitten.

Private Termine vermeide ich, und für Besuche in der Moschee und berufliche Treffen habe ich Personenschutz. Er wurde kürzlich aufgestockt. Und öffentlich zu schreiben, auf wie viele Personen, wie das manche Journalisten tun, ist absolut kontraproduktiv.

Natürlich habe ich Angst. Aber ich lasse mich nicht von ihr treiben. Ich bin nur vorsichtig. Und wütend, auf diejenigen, die anstatt mit uns zu sprechen, Hass verbreiten.

Wenn man für Freiheit kämpft, ist man erst einmal unfrei

Trotzdem ist unser Moschee-Projekt ein Riesenerfolg. Jeden Tag kommen zwischen zehn und 50 Menschen dorthin, um sich zu informieren, um zu beten.

Die Menschen, die in die Moschee kommen, riskieren eventuell etwas. Sie beten unter Polizeischutz. Und jeder von ihnen weiß, dass er eventuell nicht mehr in die Türkei reisen könnte, wenn Journalisten Bilder machen und diese in türkischen Medien veröffentlichen.

Es ist immer so: Wenn man für Freiheit kämpft, ist man erst einmal eine Weile unfrei.

Ich stehe nicht zum ersten Mal in meinem Leben unter verstärktem Polizeischutz und ich weiß, das legt sich auch wieder.

Warum Deutschland ein liberale Moschee braucht

Deutschland braucht eine solche Moschee. Warum? Man muss sich nur einmal den Islam in der Bundesrepublik ansehen.

Angeblich gibt es 2800 Moscheen in Deutschland - ob diese Zahl stimmt, weiß ich nicht - und ich kenne keine, die sich als liberal bezeichnet, oder die man als liberal bezeichnen könnte. In dem Sinn, dass der Koran historisch-kritisch und zeitgemäß interpretiert wird.

Viele Muslime achten wesentliche Teile des Grundgesetzes nicht

Demzufolge sind die anderen Moscheen konservativ, orthodox oder fundamentalistisch. Es gibt diesen Report des Journalisten Konstantin Schreiber, in dem er 13 Freitagspredigten untersucht - und keine einzige findet, die Integration und eine moderne Gesellschaft gutheißt. Ich halte seine Beobachtung für weitestgehend repräsentativ.

Und ich erlebe seit Jahrzehnten, dass viele Muslime Frauen nicht als gleichberechtigt anerkennen. Dass ein Großteil Homosexualität als Krankheit geißeln. Dass radikale Muslime der Ansicht sind, dass erschossen werden soll, wer die Religion nicht so lebt, wie sie es für richtig halten. Das heißt nichts anderes, als dass viele Muslime wesentliche Teile des Grundgesetzes nicht achten.

Es gibt ein Video auf Youtube, in dem sich Menschen beschweren, ich und meine Mistreiter würden nicht entsprechend der Scharia leben. Die haben nicht geschnallt, dass die Scharia hier nicht gilt.

Ich alleine werde den Islam in Deutschland nicht verändern. Es hat noch nie eine Person die Welt verändert. Aber einzelne haben dazu beigetragen, dass Bewegungen entstanden sind."

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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Seyran Ateş hat sich zur Imamin ausbilden lassen und die Moschee in Berlin gegründet. Ihre Erfahrungen sind auch in ihre Buch "Selam, Frau Imamin: Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete" nachzulesen, das ihr hier kaufen könnt.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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(ks)

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