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Zucker: Die legale Droge

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ZUCKER DROGE
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Wir alle kennen es: Vom Familientreffen am Wochenende sind sĂŒĂŸe Leckereien gar nicht mehr wegzudenken. Ob Pide und Börek zur Hauptmahlzeit, die sĂŒĂŸen Baklava als Nachtisch oder als Beigabe zum Tee: Zucker ist ĂŒberall! (Foto: cihan)

Es ist die Sucht nach SĂŒĂŸem wie Kuchen, Eis und Schokolade: Ein Leben ohne Naschereien erscheint fĂŒr die meisten Menschen mittlerweile undenkbar. Es hat schon fast Tradition: Zum Ramadanfest oder an Weihnachten kann es von sĂŒĂŸen Speisen nicht genug geben.

Was aber wĂŒrde passieren, wenn jeden Tag Weihnachten und Ramadan wĂ€re? Nicht nur in SĂŒĂŸigkeiten ist Zucker enthalten, sondern auch in anderen Nahrungsmitteln wie Brot, Wurst, Ketchup oder GetrĂ€nken. Auch zuckerreduzierte Nahrungsmittel bieten oftmals keine Alternative. In den Light-Produkten stecken stattdessen oftmals SĂŒĂŸmittel, die den Appetit wiederum noch stĂ€rker anregen.

Manche kennen es: Sie gehen in den Supermarkt und lesen oftmals auf GummibĂ€rchentĂŒten und Milchprodukten, es wĂ€re kein Fett enthalten. Aber das sind bloß TĂ€uschungsmanöver der Industrie, um vom eigentlichen Dickmacher Zucker abzulenken. Ob versteckt in TĂŒtensuppen, GetrĂ€nken oder Fertiggerichten: Um Zucker kommen wir im Alltag kaum herum.

Auch wer versucht, seinen Zuckerkonsum im Alltag einzuschrĂ€nken, tappt dabei oftmals in diese versteckten Zuckerfallen. Die WHO hat nicht umsonst vor zehn Jahren die Definition des tĂ€glichen Bedarfs hinsichtlich des Zuckerkonsums auf 50 g pro Person beschrĂ€nkt. Die Folgen der sĂŒĂŸen Sucht sind bitter: Übergewicht, Karies, Diabetes.

20% der deutschen Kinder sind zu dick

Übergewicht wird zur grĂ¶ĂŸten Gesundheitsgefahr der Moderne. Dem Berliner Robert-Koch-Institut zufolge sind 67 Prozent der MĂ€nner und 53 Prozent der Frauen zu dick. Jeder FĂŒnfte ist adipös und rund 6 Millionen Menschen erkrankten an Diabetes. Auch 20 Prozent der deutschen Kinder sind zu dick. Dies ist besonders erschreckend, da Diabetes Typ 2 oftmals bereits in jĂŒngeren Jahren diagnostiziert wird. Doch warum essen sich die Menschen so dick?

Zucker macht die Menschen krank und sĂŒchtig. Doch wie gefĂ€hrlich ist diese weiße Droge wirklich? Eine medizinische Weisheit besagt: Die Dosis macht das Gift. Dies gilt natĂŒrlich auch fĂŒr den Zucker. Zucker wirkt wie ein direktes Belohnungssystem, zum Teil sogar wie Drogen.

Der Mannheimer Suchtforscher und Pharmakologe Prof. Rainer Spanagel hat in einem Experiment mit MĂ€usen nachgewiesen, dass Zucker in löslicher Form einen suchtbildenden Charakter auf diese MĂ€use ausĂŒbte. Die Tierchen mussten einen Schalter betĂ€tigen, um an das sĂŒĂŸe Gemisch zu gelangen. Manche MĂ€use betĂ€tigten diesen Schalter bis zu 400-mal am Tag und zeigten nach 2 Wochen drastische Gewichtszunahmen.

Unterzuckerungsalarm löst Essenszwang aus

Zucker gelangt im Gegensatz zu den anderen komplexeren Kohlenhydraten direkt in den Darm und dann ins Blut. Die BauchspeicheldrĂŒse produziert Insulin und dient als SchlĂŒssel fĂŒr die Aufnahme von Zucker in die Zellen. In mit Insulin ĂŒberschwemmtem Blut sinkt der Zuckerspiegel wieder schnell ab und fĂ€llt unter den Anfangswert. Botenstoffe melden diese Unterzuckerung dem Gehirn. Daraufhin kehrt der Hunger zurĂŒck und wir essen erneut.

Am 26. Mai 2009 hielt Robert Lustig, Professor fĂŒr klinische PĂ€diatrie an der University of San Franziscos, ein Experte fĂŒr Hormonstörungen und Übergewicht bei Kindern, einen öffentlichen Vortrag mit dem Titel „Zucker: die bittere Wahrheit". Er erkannte schon frĂŒh, dass Zucker genauso giftig ist wie Alkohol, die Leber schĂ€dige und den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringe. Dass nicht unmittelbar Fett Ursache fĂŒr das steigende Übergewicht der Bevölkerung war, wurde durch die Low-Fat-Bewegung bereits in den Achtzigern erkannt.

Weltweit hat sich der Zuckerkonsum innerhalb von nur 50 Jahren verdreifacht und zwar auf derzeit 165 Millionen Tonnen pro Jahr. Der Deutsche nimmt dabei 36 kg pro Kopf im Jahr zu sich. Das ist weit mehr als das, was von der WHO empfohlen wird.

WHO will Zuckerkonsum drastisch reduzieren

In einem Entwurf, den die UN-Organisation Anfang MÀrz 2014 in Genf vorgelegt hatte, will die WHO statt 12 Teelöffel (50 g Zucker pro Tag) Zucker nur noch 6 (25 g Zucker pro Tag) als Richtwert akzeptieren. Da MÀnner einen höheren Energieumsatz haben, sollen sie am Tag 30 g Zucker zu sich nehmen und Frauen 24 g.

FrĂŒher war die Richtlinie, dass Zucker nur 10% unseres tĂ€glichen Nahrungsbedarfs decken soll. Nach Auswertung von 9000 Studien möchte die WHO nun die Richtlinienwerte um die HĂ€lfte senken und auf 5% reduzieren. Darin enthalten sind auch die versteckten Zucker sowie alle Mono- und Disaccharide. Der Zucker in Obst wird hingegen nicht auf den Wert angerechnet. Der Richtwert wĂ€re allerdings sehr schnell und bereits durch ein Glas Apfelsaft am Tag erreicht. Ende MĂ€rz soll die Entscheidung der WHO offiziell fallen und veröffentlicht werden. Derzeit werden noch Expertenempfehlungen eingeholt.

Diabetes: Globale Bedrohung der Menschheit?

Übergewicht bringt eine Reihe von Krankheiten mit sich. Die wohl am hĂ€ufigsten bekannte neu entstandene und immer rasanter steigende ist wohl der Diabetes. Derzeit sind in Deutschland rund 6 Millionen Menschen daran erkrankt.

SchÀtzungen der Vereinten Nationen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2025 die Zahl der weltweit an Diabetes erkrankten Menschen von jetzt 250 Millionen um mehr als 50 Prozent auf etwa 380 Millionen ansteigen wird. Diabetes wurde deshalb von den Vereinten Nationen als erste nicht durch eine Infektion ausgelöste Erkrankung zu einer globalen Bedrohung der Menschheit erklÀrt.

Wie Studien zeigen, kann eine Lebensstilumstellung hin zu gesunder ErnĂ€hrung und Sport die Wahrscheinlichkeit, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken, um bis zu 58 Prozent verringern. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, Menschen mit einem hohen Diabetesrisiko frĂŒhzeitig zu identifizieren. Wissenschaftler des DZD (deutsches Zentrum fĂŒr Diabetes Forschung) haben daher den Deutschen Diabetes-Risiko-TestÂź (DRT) entwickelt. Er basiert auf den Daten der Potsdamer EPIC*-Studie, ist schnell und einfach durchzufĂŒhren sowie sehr aussagekrĂ€ftig. Unter anderen werden Faktoren wie Alter, ErnĂ€hrung, Bewegung, Rauchverhalten und Taillenumfang berĂŒcksichtigt.

FĂŒr Typ-1- und Typ-2-Diabetiker bieten viele Krankenkassen spezielle Diesease- Managment - Programme an, um die Versorgung der Patienten zu verbessern.

Diese Programme sehen vor, dass vierteljÀhrlich Kontrolluntersuchungen stattfinden, wo der HbA1c- Wert und verschiedene andere Werte bestimmt und mit dem Patienten besprochen werden, um bei Bedarf die Therapie anzupassen.

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