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"Lieber keinen Berater als einen schlechten" - Das Berater-Business auf dem Prüfstand

16/03/2017 15:33 CET | Aktualisiert 16/03/2017 15:37 CET
Tom Merton via Getty Images

Eine Suchanfrage bei Google nach dem Stichwort Unternehmensberatung offenbart eine unüberschaubare Vielfalt an Angeboten. Zahlreiche Foren und Plattformen bieten entsprechendes Wissen auf Abruf. In Anbetracht dieser Entwicklungen, quo vadis Unternehmensberatung?

Sevgi Ates: Besonders durch die Digitalisierung ist einerseits das Know-how auch im Beratungsbereich zur Billigware geworden, die überall konsumierbar ist.

Gleichzeitig verändert sich die Beratungskompetenz in zunehmendem Maße. Eine Beratungsleistung ist bedeutend komplexer und ganzheitlicher als das, was an Theorien auf den zahlreichen Plattformen und Foren zu lesen ist. Viele der Theorien versprechen Problemlösungen und Heilsbringerschaft, lassen sich aber in der Umsetzung im Unternehmen und am Mann nicht erfolgreich abbilden.

Inwiefern sind Beratungsleistungen komplexer und ganzheitlicher?

Sevgi Ates: Ein Berater sollte sich nicht nur auf eine Dimension fokussieren. Er muss sowohl Organisation, Mensch und auch Markt im Blick behalten. Dafür benötigt er nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch viel Erfahrung und ein Gespür für alle 3 Komponenten. Nur wer selbst seine persönlichen und sozialen Kompetenzen entwickelt hat, wird überhaupt ein Berater sein, der echten Added Value bieten kann.

Was meinen Sie damit?

Sevgi Ates: Der Markt bedeutet ja mittlerweile die Welt. Denn unabhängig davon, ob ich selbst international agiere oder nur mittelbar - Immobilienkrise, Finanzkrise oder Brexit machen das Ausmaß der engen, internationalen wirtschaftlichen Verzahnung deutlich. Das stellt Unternehmen vor immer neue Herausforderungen.

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Daher verspricht jeder Beratungsansatz, der die Komplexität und Interaktion zwischen Mensch, Organisation und vor allem dem Markt erfasst und steuert, einen originären Zusatznutzen.

Die Betrachtung und das Verständnis für gesamtglobale Zusammenhänge ist nicht nur ein kognitiver Prozess, sondern insbesondere einer, der auch über die Wahrnehmung, das Bewusstsein und die eigene Reflexionsfähigkeit gebildet und kultiviert wird. Daher bedarf es neben der grauen Theorie gewisser sozialer Kompetenzen.

Woran erkennt man einen „guten" Berater?

Sevgi Ates: Es existiert keine Beraterausbildung, die jemandem dieses umfassende Verständnis beibringen könnte. Daher kann ich derzeit nur Berater empfehlen, die sowohl in ihrem persönlichen Selbstverständnis und in ihrer Professionalität die geforderte Komplexität und Kompetenz erlebt nachweisbar machen.

Jeder Beratungsansatz sollte zudem systemisch betrachtend sein und Mensch-Unternehmen-Marktorientierung nachweisen können. Ist weder das Verständnis noch der Ansatz gegeben, dann sollte man lieber auf einen Berater verzichten.

Also besser keinen Berater?

Sevgi Ates: Ja und nein. Dafür muss ich ein wenig ausholen...

Die klassischen Prozess- und Optimierungsberater versuchen singuläre Lösung für komplexe Probleme anzubieten. Dabei fehlt ihnen selbst das geistig, schöpferische Bewusstsein zu den übergeordneten Zusammenhängen.

Dann gibt es die Berater mit ganzheitlicher Betrachtung, die zwar sehr stark human aber nicht ergebnisorientiert sind. Dies ist für die Kultur in Organisationen geeignet, aber nicht zur Sicherstellung des wirtschaftlichen und materiellen Erfolges.

Besitzt der Berater also keine ganzheitliche Betrachtung in Kombination mit Ergebnisorientierung, dann würde ich Ihrer Frage zustimmen: Im Zweifel besser keinen Berater als einen schlechten Berater.

Werden dann überhaupt noch Berater benötigt?

Sevgi Ates: Mehr denn je, zumindest kompetente. Denn im Rahmen der Industrialisierung wird der wirtschaftliche Erfolg von Organisationen immer mehr von seinen Menschen abhängig sein. In Zeiten der absoluten Perfektionierung und Optimierung von Betriebsabläufen und Prozessen - auch im Hinblick auf die nächste Dimension von 4.0 - wird der letzte und größte Erfolgsfaktor für Organisationen der Mensch sein. Jeder Mitarbeiter wird zum Key Performance Indicator (KPI). Er wird nur noch hochspezialisierte Dinge mit hohem Ertrag tun, die nach dem Wegfall der „banalen" Tätigkeiten durch das Ersetzen durch Maschinen noch übrigbleiben und ist damit in seiner Kompetenz sehr gefragt.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir jetzt schon die Wünsche und Lebensprinzipien der zukünftigen High Potentials kennen müssen und unsere Organisationen und unsere Kultur genau darauf ausrichten müssen. Das funktioniert natürlich immer besser mit Unterstützung!

Ihr Fazit?

Sevgi Ates: Auf den Punkt gebracht: Lieber keinen Berater, als einen schlechten! Nur die Reflexion über das große Ganze schafft Zusatznutzen für alle Beteiligten. Das singuläre, standardisierte Know-how bestehender Ansätze ist kein Allheilmittel und besitzt nur einen recht überschaubaren Mehrwert.

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