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Der gerettete Hund

05/03/2016 14:03 CET | Aktualisiert 06/03/2017 11:12 CET
flobrossophoto via Getty Images

Und es ist doch ein Modetrend! Der sogenannte Straßenhund ist ein Modehund geworden. Der aus der Tötung oder vor dem Hungertod gerettete liegt in den Charts ganz oben. Aber auch das Elend, im Leben ohne einen eigenen Menschen auskommen zu müssen, findet scheinbar enormen Zuspruch.

Was ist das für ein Leben? Aus der Freiheit gerettet und oftmals zu einem Dasein in Wohnung und kleinem Garten verdonnert. Dreimal täglich Gassi einmal um den Block - Auslauf, soweit es die Rolle der Flexleine hergibt. Lebenslange Haft für den Preis eines regelmäßig gefüllten Futternapfes. Ein neues Leben, vollgestopft mit neuen und bisher vollkommen unbekannten Regeln.

Zum Problemhund gemacht, weil Gehorsam wenig mit Eigenständigkeit und Selbstversorgung zu tun hat und wir Hunde mit verkümmerter Problemlösungsfähigkeit bevorzugen. Zum Angsthund erklärt, weil Flucht auf der Straße, wie auch in freier Wildbahn, ein völlig natürliches und lebensrettendes Verhalten ist.

Als aggressiv oft wieder abgegeben, weil sie gelernt haben, sich zu verteidigen, wenn man schon nicht mehr flüchten kann - und als schwer erziehbar, weil ihnen der an menschengeprägten Hunden so geschätzte 'will to please' schlicht und ergreifend fehlt.

Ich bin bei der Suche nach sinnvollen Informationen über das Wesen, das Leben und die Eigenheiten von freilebenden und sich selbst versorgenden Haushunden gescheitert. Ich laufe gegen eine Wand unzählbarer Auslandshundeorganisationen und Straßenhundevermittlern. Die Informationen, die ich finde, reduzieren sich im Allgemeinen auf die dringende Notwendigkeit, aus einem Leben ohne kuscheliges Zuhause und ohne regelmäßigem Fressen erlöst zu werden.

Unterstrichen werden die allermeisten Appelle mit grauenvollen Bildern halb verhungerter oder misshandelter Hunde. Die Vermittlungstiere hingegen erscheinen in der Regel wohlgenährt und werden nicht selten als so richtig tolle Familienhunde angepriesen. Die Lücken füllen halb-esoterische Versprechungen vieler Hundetrainer, -coaches und -psychologen: Man spezialisiert sich auf Angsthunde und die Therapie von Freiheitsentzug. Man findet alles, außer sinnvolle Informationen über das Leben dieser Hunde, bevor sie eingefangen wurden.

Ich habe nichts gegen den Tierschutz im Ausland oder den sogenannten Auslandstierschutz. Tierschutz ist immer und überall sinnvoll, vor allem dann, wenn hilflose Tiere leiden und Schutz brauchen. Seit gut einem Dreivierteljahr teilen Klein Luna und ich unser Leben mit dem tollsten Halunken der Welt.

Der Milow überlebte ungefähr zwei Jahre in Portugal auf der Straße und vermutlich wurde er auch dort geboren. Er wurde eingefangen, weil er Menschen im Weg war. Und später wurde ihm ein besseres Leben in einem anderen Land versprochen. Er wurde eingesperrt, herumgereicht und er wurde nie gefragt! Und das ist dann auch schon alles, was wir von dem Halunken seinem alten Leben wissen. Einmal eingefangen geht es dann wohl immer sehr schnell - das Internet und die Nachfrage im fernen Land machen es möglich.

Für die frühere Lebenssituation der Hunde scheint sich tatsächlich niemand zu interessieren - Hauptsache gerettet! Vor was oder vor wem gerettet? Was ist so schlecht am Leben auf der Straße und was begründet das Einfangen, Inhaftieren und Deportieren in die Fremde?

Ist die deutsche Ottonormalhundehaltung tatsächlich die bessere Alternative zum selbstbestimmten Leben in Freiheit? Ich möchte wissen, wie mein Milow sich entschieden hätte, wenn er die Chance und die Möglichkeit gehabt hätte. Erfahren werde ich es wohl nie. Es wird wohl Zeit, die rosarote Brille der deutschen Wohlstands-Haustierhaltung absetzen und in Sachen Straßenhund nicht nur über die Tränendrüse zu argumentieren - das ist nicht nur populistisch sondern auch gefährlich für Hund und Mensch.

Mal angenommen, Hunde könnten entscheiden:

Was sind denn der tatsächliche Bedarf und die Bedürfnisse der Hunde, die überall auf der Welt verwildert leben? Mit Sicherheit nicht die Sehnsucht nach einem Zuhause oder dem so oft erwähnten eigenen Menschen. In der Regel wird es wohl das Fehlen geeigneter Nahrungsquellen und Wasserstellen sein und/oder, dass diese nur unter Gefahren für die Hunde zu erreichen sind.

Dadurch entstehen Belästigungen für den Menschen und die Gefahr der Kranksheitsübertragung auf den Menschen. Die Not und der Hunger treiben die Hunde in die Nähe menschlicher Siedlungen, denn wenn irgendwie möglich, werden diese wie die Pest gemieden.In der Folge werden die Hunde vertrieben, eingefangen oder eben auch getötet.

Das Kernproblem sind aber anscheinend die nicht vorhandenen oder nur bedingt zu erreichenden Nahrungsressourcen - und damit gesundheitliche und soziale Probleme für Hund und Mensch.

Wäre es nicht ein Ziel und einige Gedanken wert, diese Idee weiter zu verfolgen? Mit Blick auf die Streunerkatzen in Deutschland ist das auch nicht gerade neu. Einfangen, kastrieren (Rüden sterilisieren), wieder freilassen - und ganz entscheidend: kontrollierte Nahrungsquellen einrichten, wie zum Beispiel Wildkatzen- und Freigängerhäuser.

Hat diese Idee schon mal jemand auf das Problem der Straßenhunde übertragen? Wären gesicherte und überwachte Habitate für wildlebende Hunde nicht eine tolle Alternative zum Auslandsdeport? Sicher ist das nur eine Idee und sehr weit weg von der Wirklichkeit der Straßenhunde, aber es ist eine Idee! Warum finde ich nirgendwo auch nur einen Ansatz solch eines Vorhabens, den Straßenhunden ein artgerechtes Wildleben zu ermöglichen? Es gibt so viele Tierbefreiungsbewegungen weltweit, nur nicht für Hunde - denen wird der Wunsch nach Freiheit und Freiraum abgesprochen.

Straßenhund ist auch nicht Straßenhund. Der ausgesetzte Hund wird ganz andere Bedürfnisse in Bezug auf den Menschen haben, als einer, der auf der Straße aufgewachsen ist. Ganz anders wieder die Hunde, die schon seit mehreren Generationen auf der Straße leben. Diese werden wahrscheinlich schon deshalb wesentlich überlebensfähiger und robuster sein, als die neu Hinzugekommen.

Sicher spielt es dann auch noch eine Rolle, ob die Hunde eher im ländlichen Raum leben, oder im Zentrum einer Großstadt - ob sie gelernt haben, sich ihre Beute selber zu erlegen und/oder überhaupt eine Chance dazu hatten. Rassedispositionen werden eine große Rolle im Überlebenskampf auf der Straße spielen, genauso wie der Gesundheitszustand der Tiere.

Nicht jeder ausgesetzte Hund wird die Fähigkeit haben, in einem wildlebenden Rudel überleben zu können - aber auch nicht jeder wird daran scheitern.

Es gibt viel unbeschreibliches Elend auf den Straßen Europas - auch unter Straßenhunden! Aber alleine der Umstand, dass ein Hund ohne menschlichen Bezug aufwächst und lebt, ist kein Grund, diesen aus seinem vertrauten Lebensraum zu entreißen. Schon gar nicht, um eine trendgeprägte Nachfrage zu befriedigen und die Taschen von Hundehandel & Co. mit Geld zu füllen.

Fast ein Viertel der Vermittlungshunde aus mir bekannten deutschen Tierheimen stammen mitlerweile aus dem europäischen Ausland. Modetrends sind nie von langer Dauer und haben ein kurzes Gedächtnis.

Dieser Text ist kein Plädoyer gegen den Auslandstierschutz, sondern nur gegen die Art und Weise, wie er vor meinem Erlebnishorizont betrieben wird - insbesondere im Rahmen bekannter Social-Medias. Die Vermittlung von Nothunden nach Deutschland, denen andersweitig nicht geholfen werden kann, ist gut und sinnvoll.

Sie ist aber nicht die Lösung des Problems der Straßenhunde und verlagert die Problematik nur von einem Land in das nächste - jedenfalls, wenn sie maßlos und ohne Alternativen betrieben wird.

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