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Rezension: Islam in der Krise

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"Schützt den Islam vor den Fanatikern, sonst müsst ihr die Welt vor dem Islam schützen." Mit diesem Zitat von Mevlana Rumi (1207-1273) leitet der Religions- und Politikwissenschaftler Dr. Michael Blume sein Werk "Islam in der Krise - Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug", das im September 2017 veröffentlicht wurde, ein.

In diesem Buch vergleicht er den Islam mit einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt. Dabei legt er seine Hoffnung für ein Wiederaufblühen auf uns alle, Nichtmuslime und Muslime, doch besonders auf - mich, die jüngeren Frauen.

Krise der arabischen Welt

Im zweiten Kapitel zeigt Michael Blume einen der wichtigen Gründe für das Erstarren des Islam auf: das Verbot des Buchdrucks im Osmanischen Reich unter Sultan Bayezid II. (1447-1512) im Jahre 1485.

Was zunächst nicht einmal aus ideologischen, sondern viel mehr aus wirtschaftspolitischen Gründen, geschieht, zeigt seine Folgen noch in späteren Jahrhunderten: während Europa enorme Entwicklungen in wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, technologischer und kultureller Sicht vorzeigte, verfiel die arabische Welt in eine Lese- und Bildungskrise, die bis heute nicht aufgearbeitet werden konnte.

Nach einem Bericht des "Arab Development Reports" von 2002 werden jährlich ebenso viele Bücher ins Spanische übersetzt, wie in den letzten 1000 Jahren ins Arabische. Ein nahezu uneinholbarer Vorsprung.

Im Rahmen seiner so genannten "Rentierstaatstheorie" erklärt der Autor das Scheitern von Demokratien in islamischen Welten. Hierbei stellt er den Bezug zur Bedeutung des Rohstoffes Öl her, was er kurzerhand als "schwarzes Gift" bezeichnet.

Michael Blume ruft seine Leser auf:
"Wer sich also für Frieden, Dialog und Demokratie...für Rechtsstaatlichkeit, Bildung und kluge Reformströmungen in den Religionen einsetzen möchte, kann mit der Reduzierung des eigenen Erdölverbrauchs viel bewirken."

Somit betont er, dass alle, Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen, Teil eines Ganzen sind und einer Veränderung der Lage beitragen können.

"Islam in der Krise", so heißt das Buch nicht zufällig

Doch auch seine Kritik an der islamischen Welt kommt nicht zu kurz: Verschwörungsglauben. Die dunkle Seite der Religiösität kombiniert mit einer schwachen Selbstwirksamkeit stärkt den Glauben an Verschwörungen, woraus schnell eine Opferstellung der eigenen Person bzw. der eigenen Gemeinschaft geschlossen wird.

Was ein menschliches Phänomen darstellt, wird in der arabischen Welt verstärkt durch die bis heute nicht aufgearbeiteten Bildungskrise.

"Islam in der Krise", so heißt das Buch nicht zufällig. Der Schlüssel, um diese Krise zu bewältigen: Bildung und das Lernen von Kritikfähigkeit. Muslime müssen innerislamische Konflikte als solche benennen und sich mit diesen auseinandersetzen.

Denn schon zu Zeiten der ersten Kalifen gab es blutige Kriege und Attentate, die wohl kaum durch eine westliche Verschwörung zu erklären sind.

Michael Blume blickt mit Hoffnung in die Zukunft. Diese Hoffnung setzt er auf uns alle, besonders auf die jüngeren Frauen, welche die Chance einer Bildungskarriere wahrnehmen und entschieden gegen patriarchale Familienstrukturen schreiten.

"Wenn eine Überwindung der Krise des Islams gelingen soll, dann sicher nur mithilfe bildungs- und aufstiegsorientierter Frauen und einer besseren Vereinbarkeit von Bildung und Glauben, von Beruf und Familie." Ein gelungenes und lesenswertes Buch von einem Autoren, der Menschen Mut und den dafür nötiges Wissen mit auf den Weg gibt.

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