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Liebe Frau Schwarzer, ich bin kein Opfer

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KOPFTUCH
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Der Hörsaal ist voll, Frauen und Männern unterschiedlichen Alters. Wir sind anwesend, um uns einen Vortrag von Alice Schwarzer anzuhören, einen Vortrag über Sexualgewalt. Das sollte es ursprünglich nämlich werden.

Wo wir stattdessen gelandet sind? Selbstverständlich bei einer Kopftuchdebatte (man Beachte: nicht Burka!).

Einer Ihrer fünf Weisheiten, die sie uns mit auf den Weg geben möchte: Das Kopftuch sollte komplett aus dem Öffentlichen Dienst verbannt werden. Damit möchte Sie mir ein Recht nehmen, das mir der Rechtsstaat einräumt.

Mit dem Argument, dass wir in die Realität blicken müssen. In Algerien tragen Frauen das Kopftuch nicht aus freiwilligen Motiven, sie werden gezwungen.

Sie reden über die Frauen, die Sie selbst in die Opferrolle zwängen

Liebe Frau Schwarzer, die Realität in Deutschland, hier und jetzt, sieht anders aus. Ich, geboren, aufgewachsen und Studentin in Deutschland, trage das Kopftuch freiwillig. Das muss Ihnen nicht gefallen. Dennoch können Sie es mir nicht verbieten.

Traurig, dass sich die Mehrzahl der Studentinnen im Saal von einer Vorzeigefeministin nicht vertreten fühlen können. Ich fühle mich nicht vertreten von einer Frauenrechtlerin, die sich ausschließlich für die Frauen einsetzt, die Ihrem ganz persönlichen Frauenbild entsprechen.

Ich hätte mir gewünscht, dass wir über die wirklichen Probleme reden, die wahren Opfer, Opfer von sexuellen Übergriffen. Denn das sind Frauen ganz sicher nicht freiwillig. Stattdessen reden wir über die Frauen, die Sie in die Opferrolle zwängen.

Ich bin kein Opfer. Ich nehme meine Religionsfreiheit in Anspruch

Es steht Ihnen nicht zu, darüber zu spekulieren, inwiefern ich das Kopftuch freiwillig trage, tragen kann oder aber, ob es ein politisches Symbol sei.

Mehr zum Thema: "Mit Kopftuch leider nicht" - was ich als Muslima auf Jobsuche erlebte

Solange ich für mich entscheide, das Kopftuch für mich aus spirituellen Gründen zu tragen, dass dies nicht eine politische Symbolik ist, können Sie mir das nicht absprechen.

Ich bin nicht die unterdrückte Frau in Algerien, Afghanistan oder Iran.

Ich bin kein Opfer. Ich nehme meine Religionsfreiheit in Anspruch.

Und Sie keine Vorzeigefeministin. Denn Sie werden den freiheitlichen Ansprüchen des Feminismus nicht gerecht.

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